Ein grauer Tag in Hamburg, über der Alster liegt Nebel. Karen Elson, 31, hat sich eine schwarze Strickjacke über ihr Blümchenkleid gezogen. Sie sitzt mit angezogenen Knien in einem Sessel, trinkt Wasser. Eine lässige, unkomplizierte Frau, die oft lacht. Nicht ein Gramm Arroganz ist an dem Teilzeit-Supermodel mit den markanten roten Haaren zu entdecken. Dabei wirkt die Britin auf Fotos meistens kühl-distanziert. Modemacher wie Marc Jacobs oder Dolce & Gabbana schätzen ihre Eigenwilligkeit. Fast jeder große Designer hat die Gattin des Musikers Jack White (The White Stripes) schon für den Laufsteg oder eine Kampagne gebucht; sie ist das Gesicht von Yves Saint Laurents Parfumlegende „Opium“. Aber ihr genügt das nicht. Sie macht politisches Kabarett, singt, textet, komponiert. Ihre erste Platte „The Ghost who walks“ ist ein großartiges Country-Folk-Album.
Morgenpost Online: Mrs Elson, singende Models haben nicht unbedingt einen besonders guten Ruf ...
Karen Elson: Tatsächlich traut man uns jenseits des Laufstegs wenig zu. Andererseits könnte gerade diese Skepsis einige Leute dazu bringen, in meine Platte reinzuhören. Hoffentlich merken sie dann, dass ich eine überaus ambitionierte Musikerin bin. Abgesehen von einer Coverversion habe ich alle Lieder ganz allein geschrieben.
Morgenpost Online: Welche Rolle hat eigentlich Ihr Mann Jack White bei Ihrem Album gespielt?
Elson: Ohne ihn hätte ich gar nicht den Mut gefunden, überhaupt ins Studio zu gehen. Er war extrem wichtig für meine Arbeit. Er wischte meine Zweifel mit einem „Hör endlich auf, dir selber im Weg zu stehen“ weg. Und als mein Produzent hat er mir stets die Bestätigung gegeben, die ich brauchte.
Morgenpost Online: Dabei wirken Sie kein bisschen so, als würden Sie sich nichts zutrauen.
Elson: Je älter ich werde, desto mehr bin ich mit mir im Reinen. Heute bin ich ein relativ entspannter Mensch. Doch das war früher völlig anders. Als Teenager hatte ich Komplexe. Ich driftete fast ins Depressive ab, weil mich keiner mochte.
Morgenpost Online: Sie scherzen.
Elson: Nein, ernsthaft. Ich war groß, dürr, blass. Dazu die roten Haare. Alle fanden mich seltsam, ich wurde dauernd schikaniert. Dass ausgerechnet ich das Zeug hätte, Model zu werden, bezweifelten meine Mitschüler. Obwohl mich wirklich eine Agentur unter Vertrag genommen hatte, lachten sie mich aus. Ich bekam nur Spott, nie Zuspruch.
Morgenpost Online: Klingt unschön.
Elson: Aber hallo. Mir blieb nur die Flucht in eine Traumwelt. Ich malte mir aus, Musikerin zu werden. Wenn ich es recht bedenke, war das ziemlich vermessen für ein Mädchen aus Oldham. In meiner Heimatstadt heiraten Frauen normalerweise jung, sie kriegen Kinder, vielleicht haben sie einen Job in einem Supermarkt. Keine verlockende Perspektive ...
Morgenpost Online: Hat Sie die glamouröse Modebranche wesentlich mehr gereizt?
Elson: Schon. Natürlich herrscht dort ein ganz besonderer Spirit. Aber es gibt eben nicht nur kollektiven Spaß. Gerade junge Models werden unglaublich unter Druck gesetzt. Mir redete man anfangs ein, ich sei zu dick. Ich sollte zehn Pfund abnehmen.
Morgenpost Online: Das hat Sie in eine Essstörung getrieben, heißt es.
Elson: Nein! Dass ich hungern musste, war ja nicht meine Idee. Ich fand meinen Körper total okay. Nur passte ich halt nicht in die Outfits, die ich tragen sollte. Also musste ich mein Gewicht reduzieren, um gebucht zu werden. Ehrlich gesagt, war das eine entsetzliche Tortur.
Morgenpost Online: Trotzdem sehnen sich viele Frauen nach einer Modelfigur.
Elson: Das ist doch Wahnsinn! Kein Mädchen sieht freiwillig so aus, behaupte ich. Mit ein paar Kilo mehr auf den Rippen wären die meisten glücklicher. Leider sprechen sie das nicht offen aus, weil sie Angst haben, dass es ihre Karriere negativ beeinflussen könnte. Dabei würde sich das gängige Schönheitsideal sicher ändern, wenn mehr Models sich selbst treu blieben.
Morgenpost Online: Machen Sie das denn?
Elson: Ja, na klar. Diäten sind mir eh ein Gräuel. Ich ernähre mich gesund, manchmal trainiere ich in einem Fitnessclub. Ansonsten kreisen meine Gedanken nie obsessiv um meinen Körper. Warum auch? Abgesehen von meinen beiden Schwangerschaften halte ich jetzt seit sechs, sieben Jahren konsequent mein Gewicht. Und das soll schon etwas heißen in einem Metier, in dem jeder ständig dünner wird.
Morgenpost Online: Sie gelten als sehr geradeheraus. Wie gut kommt das an?
Elson: Keine Ahnung. Ich bin einfach ein ziemlich ehrlicher, emotionaler Mensch. Wenn mich etwas stört, dann sage ich es direkt. Wobei meine Meinung nicht zwangsläufig die einzig richtige sein muss. Ich bilde mir ein, durchaus offen für andere Standpunkte zu sein. Jedem Gedanken begegne ich zunächst mal mit einer gewissen Neugier.
Morgenpost Online: Haben Sie das auch bei den Auftritten mit Ihrer Kabarettgruppe The Citizens Band im Hinterkopf? Oder sind Sie da ein wenig radikaler?
Elson: Wir sind weder menschenverachtend, noch wollten wir jemals auf Präsident Bush als besonders negativem Beispiel rumhacken. Eher kommentieren unsere Songs die Zeit, in der wir leben. Sie sind zwar mit einer gewissen Härte und Ernsthaftigkeit aufgebaut, aber am Ende soll unser Programm die Leute eben auch unterhalten.
Morgenpost Online: Würden Sie sich als einen sehr politischen Menschen bezeichnen?
Elson: Nicht unbedingt. Ich bin bloß eine wachsame, linksorientierte Bürgerin. Als Barack Obama die Wahl gewann, hat mich das sehr, sehr glücklich gemacht. Schließlich wohne ich seit vielen Jahren in Amerika.
Morgenpost Online: Wieso sind Sie mit Ihrer Familie ausgerechnet ins konservative Nashville gezogen?
Elson: In der Tat hatte ich zunächst Vorurteile. Ich redete mir ernsthaft ein, Konservative seien weniger intelligent. Wie absurd! Jeder da draußen hat letztlich gute Gründe dafür, sich auf bestimmte Werte zu besinnen. Damit müssen Außenstehende klarkommen – ob sie wollen oder nicht. Seit ich das akzeptiert habe, führe ich in dieser Stadt ein ruhiges, beschauliches Leben.
Morgenpost Online: Vermissen Sie denn das quirlige New York gar nicht?
Elson: Ich bin immer noch regelmäßig dort, zwei-, dreimal im Monat. Dann lasse ich mich einfach von der Energie dieser wahnsinnig schnelllebigen Metropole mitreißen.
Morgenpost Online: Warum haben Sie Ihre Vintage-Boutique „Venus and Mars“ eigentlich nicht dort eröffnet?
Elson: Das hätte keinen Sinn gemacht, weil der Laden bereits in Nashville existierte. Er gehörte einer Freundin, ich bin als Partnerin eingestiegen. Denn ich habe ein Faible für alte Sachen. Jedes Teil hat seine eigene Geschichte, das macht es zu etwas ganz besonders Wertvollem. Es ist mir ein Herzensanliegen, diese Philosophie unseren Kunden zu vermitteln.
Morgenpost Online: Weil Sie eine Nostalgikerin sind?
Elson: Definitiv. Im Grunde bin ich in die falsche Epoche hineingeboren worden. Hätte ich eine Zeitmaschine, dann würde ich sofort in die 20er- oder 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts eintauchen. Abgesehen von der Wirtschaftskrise hätte ich da gewiss eine Menge Spaß gehabt: die Musik, die Mode – alles scheint wie für mich gemacht zu sein.
Morgenpost Online: Sie ziehen die Vergangenheit der Gegenwart vor?
Elson: Mit zwei Kindern kann ich es mir gar nicht leisten, mich der Gegenwart vollkommen zu verschließen. Vielleicht entwickeln die Kleinen bald ein reges Interesse an den Hits, die ständig im Radio zu hören sind, da will ich dann auf jeden Fall mitreden können.
Morgenpost Online: Vermissen Sie als Mutter Ihr altes Leben?
Elson: Vor meiner Ehe war ich ein ziemlich egoistischer Single, ich brauchte ja auf keinen Rücksicht nehmen. Jetzt, mit Familie, muss ich natürlich Kompromisse machen. Ich habe ein Stück weit meine Eigenständigkeit eingebüßt. Und, hey, sie fehlt mir kein bisschen. Weil mir meine Kids so viel geben. Durch sie entdecke ich dauernd neue Seiten an mir.
Morgenpost Online: Zum Beispiel?
Elson: Als Mum bin ich sensibler geworden, dünnhäutiger. Ich empfinde alles sehr viel intensiver, selbst Kleinigkeiten können mich zum Weinen bringen. Andererseits kämpfe ich wie eine Löwin darum, alles Böse von meinem Nachwuchs fernzuhalten.
Morgenpost Online: Sie scheinen nicht besonders streng zu sein, oder?
Elson: Das stimmt nicht ganz. Klar kriegen unsere Kinder sehr viel Liebe, gleichzeitig stehen bei uns Höflichkeit, Toleranz und Respekt hoch im Kurs. Wir dulden keine Verstöße gegen diese Werte, da sind Jack und ich uns einig.
Morgenpost Online: Geben Sie als Modefachfrau Ihrem Mann eigentlich manchmal Styling-Tipps?
Elson: Warum sollte ich? Er ist sehr stilsicher, finde ich. Im Übrigen sind bei den White Stripes eh nur die Farben Rot, Schwarz und Weiß angesagt. Daran würde Jack wohl nicht mal mir zuliebe etwas ändern.

