Worin haben die Deutschen überhaupt Stil? Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, kann man ganz schön ins Grübeln kommen. Bei anderen Nationen fällt einem schnell eine Antwort ein. Die Franzosen verstehen sich auf die Kunst des Luxus, auf die feine Küche, auf die Haute Couture. Wir lieben die Italiener für die Leichtigkeit, mit der sie das Leben genießen, für ihr Essen, ihre Mode, ihr Design. Wir staunen über die exzentrischen Engländer, die stilistisch wunderbare Blüten der Kreativität hervorgebracht haben. Und wie sehen wir die Amerikaner? Ihre pragmatische Lebensweise, die allem Neuen und Experimentellen offen steht, beherrscht in der Zwischenzeit die ganze Welt: Ihr Entertainment-Business und ihre Mediengewalt haben heute stilistisch mehr Einfluss als sämtliche Couture-Laufstege der Welt. Ganz zu schweigen von Asien, dem Kontinent, der aus Jahrtausende alten Kulturen schöpfen kann.
Und die Deutschen? Sie stellen jedenfalls ganz eigene Fragen, wenn sie zu uns ins Geschäft kommen. Fragen wie: Wann kann ich das anziehen? Wie reinige ich das? Was passiert, wenn ich mit den Schuhen in den Regen komme? Die Deutschen kaufen nicht einfach etwas Schönes, sie tätigen ein Investment. Das ist es wohl, das typisch Deutsche. Hier müssen Mode und Design vor allem eins sein: praktisch.
Schade, eigentlich. Denn wenn die Deutschen mit ihren Rucksäcken und Regenjacken in der Welt unterwegs sind, denkt doch keiner im Gastland: „Mensch, das ist ja wunderbar funktional.“ Vielmehr werden die Deutschen immer noch im Ausland für ihren Mangel an Stil belächelt. Natürlich kann man für diese Stillosigkeit Verständnis haben. Natürlich haben zwei brutale Kriege und ein Exodus an kreativen Kräften unendlich viel an schönen und kulturell Wertvollem zerstört, und die Priorität einer ganzen Nation auf die elementaren Dinge des Lebens gerichtet.
Aber ein bisschen über die Grenzen schauen kann doch nicht so schwer sein. Warum lassen die grauenvoll gekleideten deutschen Politiker auf ihren Dienstreisen nicht mal von den Kollegen inspirieren? Von einer Französin wie Ségolène Royal oder einem Silvio Berlusconi? Selbst nach John F. Kennedy und Ronald Reagan sehnt man sich angesichts der grotesken Farbkombinationen mancher deutscher Würdenträger.
Nicht nur wegen der Politiker ist Fernsehen in Deutschland, als ob stilistisch ein Mülheimer in der Wohnung entleert würde. Richtig schrecklich wird die Mode hierzulande vor allem dann, wenn Prominente versuchen sich gut anzuziehen. Dann verwandeln sich gestandene TV-Moderatoren schon mal in Shirley Temples auf Acid. Dann trifft Musikantenstadl auf Las Vegas, und das ohne Witz. Die deutsche Pseudo-Society trägt die schrillsten Outfits bar jeglicher Selbstironie, wie sie etwa eine Paris Hilton beherrscht.
Die Unterschicht als Tendsetter
Was hat Deutschland aktuellen internationalen Stilikonen wie Nicole Kidman, Kate Moss, Nicolas Ghesquière, Marc Jacobs, Peter Marino, Jacques Grange, Miuccia Prada, Jude Law, Kate Blanchett, Sofia Coppola, Charlotte Casiraghi entgegen zu setzten? Es ist als ob die Ästhetik und die Wertbegriffe der Unterschicht Deutschlands die ästhetischen Normen prägen. Dieses Phänomen gibt es überall auf der Welt – nur hat anderswo der gute Geschmack noch etwas zu melden.
Natürlich passiert hier auch eine Menge Gutes in verschiedenen Domänen: In der Architektur, im Design, in Kunst und Musik wird Großartiges geleistet. Aber in Mode, Interior-Design und Lifestyle ist man sehr schlecht gestellt, wie man jeden Tag auf der Straße, in Wohnungen und in Restaurants sehen kann. Dabei könnte das Leben doch so schön sein! Gerade für die Deutschen, die doch nun wirklich noch mehr Geld haben als Italiener und Franzosen.
Aber Stil ist eben nicht nur eine Frage der Mittel, sondern vor allem eine Sache der Attitüde dem Leben gegenüber, der Disziplin, der Kultur und der Reflexion. In Deutschland halten insbesondere Männer Mode noch als oberflächlicher Schickschnack, als Zeitverschwendung, eben als lästige Investition. Wer stilvoll sein möchte, muss dafür seine Einstellung ändern – und sich informieren.
Aber es gibt Hoffnung: Im Ausland liebt und schätzt man Berlin. Zu Recht. In der deutschen Hauptstadt nähert sich Deutschland dem Rest der Welt, dem internationalem Stil, der internationalen Ästhetik, zumindest was Architektur und Lifestyle betrifft. Es gibt also keinen Grund, immer noch den Berliner Chic und Stil der 20er Jahre zu zitieren. Und eigentlich ist das mit dem Stil auch gar nicht so schwer, finden wir.
Hier deshalb noch fünf Tipps, wie jeder den Ruf der Deutschen flugs verbessern könnte:
- Don’t try to be too perfect: Stil hat nichts mit Perfektion zu tun. Ein kleiner Bruch unterstreicht Ihre Persönlichkeit.
- Treiben Sie es nicht zu bunt: Einfarbige Outfits verbessern die Silhouette.
- Verzichten Sie auf modischen Schickschnack: Lieber zu wenig als zu viel.
- Verwechseln sie nicht sexy mit vulgär!
- Halten Sie sich gerade! Und den Menschen nach Ihnen die Tür auf! Gute Haltung und Manieren verleihen Ihnen im Nu Allure und Stil
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