Wir armen Fernsehzuschauer! Irgendwie machen wir alles falsch. Zumindest legt das die Programmgestaltung nahe. Da erklären tagein tagaus Einrichtungsdominas, wie wir unsere schrecklichen Buden in stilvolle Zuhauses verwandeln. In Vorabendmagazinen gibt’s zudem Tipps, wie wir mehr aus unserem Typ machen, inklusive Schönheits-OPs. Und in etlichen Kochsendungen erteilen Promi-Gourmets Nachhilfe, wie man seinen Lieben ein formvollendetes Vier-Gänge-Menü auftischt.

Nicht nur im Fernsehen wird kräftig beraten: Auch Zeitschriften erklären, was in und was out ist. Jede neue Handtasche, mit der ein Star sich zeigt, wird ausführlich gewürdigt, jede neue Frisur besprochen. Von vielen Promis weiß man deshalb mehr über ihre Optik als über ihr Können. Oder kann irgendein Erwachsener ein Lied von Tokio Hotel vorträllern? Sie etwa? Die Frisur dagegen kennt jeder.

Kein Wunder, dass so viele Promis ihre Rolle als Stilvorbilder ausschlachten und ihre eigene Mode verkaufen. Stilberatung ist heute ein riesiges Geschäft. Im Londoner Vorzeigegeschäft der Kette Topshop können sich Kundinnen kostenlos von einem Modeberater begleiten lassen, der mit ihnen einkauft. Der Service ist schon Wochen im Voraus ausgebucht.

Und was hilft all die Nachhilfe der Medien und Stars? Schaut man sich in deutschen Fußgängerzonen um, hat das Hardcore-Umerziehungsprogramm bei den Deutschen tatsächlich gefruchtet, zielführend war es nicht unbedingt. Da gibt es nun etwa Männer, die frisur-, muskel- und outfitmäßig lässig mit David Beckham mithalten können. Und Frauen, die aussehen wie Paris Hilton II.

Interessanterweise hat das ganze Bemühen um mehr Stil vor allem eins bewirkt: Die Menschen werden sich immer ähnlicher, sie gleichen sich gar bis aufs Arschgeweih. Auch die Wohnungen sind kaum noch zu unterscheiden. Wer sich etwa in Berlin in einem frisch bezogenen Mehrfamilienhaus in Charlottenburg umsieht, kann die Wohnungen kaum voneinander unterscheiden. Ikea allüberall. Man kann auch sagen: Die Menschen werden immer stilloser.


Schließlich ist Stil doch per Definition etwas ganz Eigenes, Individuelles. Etwas, das wächst und gedeiht, etwas, das man langsam ausbilden kann. Per Schnellkurs geht das nicht. Die persönliche Note entzieht sich dem simplen Ratschlag, der Norm des Perfekten, auf das sich selbst ernannte Stilberater geeinigt haben. Was nützt die schönste Wohnung, wenn der Bewohner darin aussieht wie ein Alien? Was nützt der schönste Anzug, wenn er gar nicht zu mir passt? Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie die fantastische Patti Smith aussehe, wenn sie heute in die Hände von Castingshow-Stylisten geriete.

Gehen wir mit gutem Beispiel voran. Heute sparen wir uns einfach an dieser Stelle die Style-Tipps. Stattessen haben wir ein paar Vorschläge zur stilvollen Inspiration.

- Im Kino läuft gerade der Film „Sketches of Frank Gehry“ von Regisseur Sydney Pollack. Er will der Schaffenskraft des Stararchitekten auf die Spur kommen. Danach bekommt man garantiert Lust, etwas ganz Eigenes zu entwerfen. Zeitlos stilvoll: Die Filme von Wong Kar Wai.

- Bald wird auch ein Film über Coco Chanel gedreht. Bis dahin muss man sich mit der Biografie über die Stilikone zufrieden geben („Coco Chanel: Ein Leben“, von Edmonde Charles Roux). Ansonsten gibt’s einen tollen Bildband wider den Jugendwahn von Bettina Zilkha. Er heißt „Alte mit Style" und ist bei Assouline erschienen.

- Apropos: Ganz, ganz alte mit Style sieht man jetzt im Gropiusbau bei der Ausstellung über die Skythen, ein 3000 Jahre altes Reitervolk. Da kann man sich überzeugen, dass wilde Menschen auch schon früher wild tätowiert waren.

- Patti Smith in Deutschland verpasst? Sie ist gerade auf Tour in Italien...

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