Es gab so einige Kritikpunkte, mit denen der 18-jährige Florian Fabricius vor zwei Monaten sein neues Amt als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz antrat: „Wir stecken in einer Bildungskrise“, betonte der oberste Schülersprecher des Landes damals. „Die Digitalisierung unserer Schulen lässt auf sich warten, die mentale Gesundheit von Schülern wird vernachlässigt und Schulgebäude fallen auseinander.“ Vorwürfe, die er am Donnerstagabend bei „Markus Lanz“ bekräftigte.
Beispiel: Schultoiletten. Ein banales und zugleich wichtiges Thema, das oft vernachlässigt werde, weil es eben nicht so sexy sei wie die Nutzung von KI an Schulen, meinte der Abiturient. „Oft sind die Prioritäten in der Politik eben anders als das, was wirklich da draußen passiert.“ Dabei seien Schülerinnen und Schüler in vielen Punkten ein gutes Frühwarnsystem für die Politik.
Eines, das laut Fabricius zu wenig genutzt werde. „Wir Schüler sind halt nicht die Lautesten, wir haben keine große Lobby, aber wir sind mindestens genauso bedeutend“, kritisierte er. „Nicht zuletzt, weil wir in einer Demokratiekrise stecken und die Schüler von heute, die Wähler von morgen sind.“ Er selbst habe oft das Gefühl, dass Politiker und Politikerinnen von oben herab mit ihm reden würden, um ihm zu erklären, wie alles funktionieren sollte. Lesen Sie dazu: Neue Pisa-Studie – Desaströse Ergebnisse alarmieren
Deutsche Schüler so schlecht wie nie
Natürlich gehörten auch die Ergebnisse der im Dezember veröffentlichten Pisa-Studie zu den wichtigen Themen des Bildungsabends. Deutsche Schülerinnen und Schüler haben 2023 im internationalen Vergleich so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor. Experten sprechen von einem „noch nie da gewesenen Leistungsabfall“.
Schon 2001 war Deutschland von den Ergebnissen der Pisa-Studie schockiert gewesen. Danach sei jedoch eine regelrechte „Stimmung von Aufbruch“ durchs Land gegangen, erinnerte Journalistin Eva Quadbeck. Bund und Länder hätten sich „am Riemen gerissen“ und gemeinsam Verkrustungen aufgebrochen. Sie ist verwundert, dass nach den neuen Ergebnissen kein Aufschrei durchs Land gegangen sei. Es sei, als habe man die Bildungsmisere mit einem Schulterzucken hingenommen.
„Das stimmt einfach nicht“, intervenierte Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, energisch, räumte jedoch auch Fehler ein. Zum Beispiel die Föderalismusreform im Bildungswesen von 2006, wonach für den Bereich Schule allein die 16 Bundesländer zuständig sind. Nach 2012 sei man in der Bildungspolitik außerdem „faul“ geworden.
Allerdings, gab die CDU-Vizevorsitzende zu bedenken, habe sich seit 2012 auch die Schülerschaft „massiv verändert“. Immer mehr Schüler mit Migrationshintergrund, immer mehr soziale Medien und ein verändertes Erziehungsverhalten würden zu neuen Herausforderungen führen. So belegen Studien, dass „inzwischen rund 40 Prozent der Eltern, ihren Kindern selten oder gar nicht mehr vorlesen. Das ist eine dramatische Entwicklung“, betonte Prien.
Dies sei kein Vorwurf an Eltern oder Kinder, merkte die Ministerin an, sondern eine neue Aufgabe für die Politik. „Das Bildungssystem muss sich darauf einstellen und sich massiv verändern.“
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Besserer Mathematik-Unterricht – mehr mentale Gesundheit
Und wie genau soll das aussehen? Bei „Lanz“ erklärte die Ministerin: „Es muss mehr geübt werden. Es muss mehr gelesen werden. Es müssen die Unterrichtskonzepte umgesetzt werden, die belegt funktionieren.“ Parallel dazu sei bundesweit eine „große Mathematik-Offensive zur Fortbildung von Lehrkräften“ gestartet, um die Qualität des Matheunterrichts zu verbessern und die Länder anzugleichen.
„Wenn man ein Schulsystem verändern will, dann muss man dafür sorgen, dass an der letzten Schule in Nordfriesland oder in Oberbayern nach ähnlichen Kriterien gearbeitet wird“, erklärte Prien. Dieses Ziel wolle man in den nächsten Jahren erreichen.
Zum Ende des Abends brachte Florian Fabricius noch einen weiteren wichtigen Punkt auf die Agenda. „Mentale Gesundheit von Schülern ist etwas, was gar nicht berücksichtigt wird“, kritisierte der 18-Jährige. Obwohl sich etwa 200 junge Menschen unter 19 Jahren pro Jahr das Leben nehmen würden, fände das Thema erst Beachtung, „wenn ein Platz im Klassenzimmer freigeworden ist“.
Auch er stimmte mit seinen Vorrednerinnen überein: Das Schulsystem müsse auf Vordermann gebracht werden, doch man müsse schauen, wie viel den Schülerinnen und Schülern zugemutet werden könne, ohne ihre mentale Gesundheit zu gefährden.


