ZDF-Talk

Corona-Debatte bei Lanz: Der skrupellose Weg der Schweden

Im TV-Talk von Markus Lanz machte der Bericht eines in Schweden lebenden deutschen Arztes fassungslos. Und: Die Gastronomie am Abgrund.

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin. 
  • Erneut ging es bei Markus Lanz nur um ein Thema: Corona. Der Moderator wollte von seinen Gästen wissen, wie es in der Corona-Krise nun weitergehen könnte
  • Am Mittwoch hatten alle Bundesländer eine Maskenpflicht beschlossen – doch der Blick richtete sich im ZDF-Talk auch in den Norden Europas
  • Für Entsetzen sorgte ein deutscher Arzt, der per Video zugeschaltet wurde: Er schilderte, dass in Schweden „die über 80-Jährigen“ aussortiert werden
  • Auch die drei anderen Gäste, die im angemessenen Abstand im Studio von „Markus Lanz“ Platz genommen hatten mussten schlucken

Wer bis kurz vor Schluss durchhielt, erlebte einen geschockten Markus Lanz. Für einen kurzen Moment, wenigstens. Per Video aus Lappland zugeschaltet, erklärte der deutsche Arzt Thomas Schimke da gerade, welche Auswirkungen Schwedens Sonderweg bei der Pandemie-Bekämpfung hat. Alle Schulen, Restaurants, Geschäfte blieben bislang offen. Aber bei der Behandlung der Corona-Erkrankten werden „die über 80-Jährigen faktisch aussortiert“.

Der Schocksatz saß. Auch die drei anderen Gäste, die Mittwochnacht im angemessenen Abstand im Studio von „Markus Lanz“ Platz genommen hatten – die Gastronomin Angela Inselkammer, der Virologe Gérard Krause und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller – mussten hart schlucken. Lesen Sie hier: Alle aktuellen Nachrichten zum Coronavirus im News-Ticker.

Coronavirus in Schweden: Genug Betten, aber auch genug Beatmungsschläuche?

Sollte das heißen, hakte Markus Lanz ungläubig nach, „dass sie gar nicht mehr beatmet werden?“ Richtig. Das sei der Preis für die Freizügigkeit, mit der die Schweden ihr öffentliches Leben nahezu normal weiterleben könnten. Wenn auch seit Ostern mit sichtbar mehr Abstand zueinander und langen Schlangen vor den Läden.

Schwedens Corona-Sonderweg: "Viele sind nicht einverstanden"
Schwedens Corona-Sonderweg- Viele sind nicht einverstanden

Thomas Schimke, vor mehr als zwölf Jahren mit seiner Familie aus dem Ruhrgebiet nach Nordschweden ausgewandert, ist Chefarzt im Gesundheitszentrum von Pajala. Und als solcher auch zuständig für vier Altenheime mit etwa 100 Patienten.

Markus Lanz – das waren die Gäste:

  • Michael Müller, SPD-Politiker und Regierender Bürgermeister von Berlin
  • Prof. Gérard Krause, Virologe und Epidemiologe vom Helmholtz-Zentrum in Braunschweig
  • Angela Inselkammer, Gastronomin und Präsidentin des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA
  • Dr. Thomas Schimke, Mediziner und Chefarzt einer Krankenstation in Lappland

Er habe eine „Schweineangst“, auch wenn die Schweden gerne witzelten, dass ihr Land „nördlich vom Weltuntergang“ liege. Sorgen mache er sich besonders um Corona-Patienten mit schweren Verläufen: Wegen der Weitläufigkeit Lapplands könnte er an einem Tag nur ein bis zwei, maximal drei Patienten per Helikopter ins Krankenhaus bringen lassen.

Dort stünden den Schweden insgesamt 1100 Intensivbetten zur Verfügung. Davon seien momentan nur etwa 600 belegt. „Aber haben wir auch ausreichend Medikamente, Schläuche, Personal, um die Kranken zu versorgen?“, fragte sich der Internist. „Ich denke, nicht“, setzte er hinzu. „Denn niemand weiß, an welchem Punkt des Pandemie-Verlaufs wir uns befinden, und ob es am Ende reicht.“ Lesen Sie hier: Darum ist Schwedens Sonderweg so riskant.

Leben in Corona-Zeiten – Wie geht es weiter?

Die Frage, wer was zu welchem Zeitpunkt wissen kann oder nicht, um die richtige Entscheidungen für ein ganzes Land zu treffen, waberte, in Variationen wiederholt, auch den restlichen Abend durch den Lanz-Talk. Dieser stand erklärtermaßen unter dem Motto: „Wie geht es weiter mit unserem Leben, mit unseren Existenzen?“ Ohne aber eindeutige Antworten liefern zu können, natürlich nicht.

Gérard Krause, Epidemiologe am Helmholtz-Zentrum in Braunschweig, versuchte zumindest, zu erklären, warum die Pandemie-Lage so schwer einzuschätzen sei. „Wir haben nicht genug Daten, um im Voraus ,richtig’ zu reagieren. Aber die Politik hier hat zum richtigen Zeitpunkt ausreichend reagiert und kommuniziert.“

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Das ist Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise:

  • Anders als in den anderen skandinavischen Ländern und in weiten Teilen Europas greift die schwedische Regierung nicht mit äußerst strikten Maßnahmen wie der Schließung von Schulen und Restaurants in den Alltag ihrer Bürger ein.
  • Den Menschen wird lediglich ans Herz gelegt, Abstand zu halten und zu Hause zu bleiben, wenn sie krank sind.
  • Cafés und Lokale, Friseure, Einkaufszentren und Fitnessstudios sind weiter geöffnet.
  • Auch in den Kindergärten und Grundschulen bis zur neunten Klasse herrscht reger Betrieb.

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Bemessen nach Redeminuten war Professor Krause ohnehin der Star der Sendung. Ohne als „Klugscheißer“ wirken zu wollen, beantwortete er mit einer Engelsruhe jede der jovialen Kinderfragen, die der Gastgeber mit den adretten Stiefeletten sich zu stellen traute.

Zum Beispiel, warum eine Maskenpflicht jetzt doch plötzlich richtig sein soll: Weil sie als zusätzliche Maßnahme zu den Hygiene- und Abstandsregeln und gleichzeitiger Lockerung hilft. Wieso ein Reiseverbot vernünftig ist, obwohl sich im Flugzeug kaum jemand ansteckt: Weil lokale Epidemie-Ereignisse sich eindämmen lassen, mobile nur wesentlich schwerer.

Das müssen Sie zur Maskenpflicht wissen
Das müssen Sie zur Maskenpflicht wissen

Ein Drittel der Gastronomiebetriebe steht am Abgrund

Beim Stichwort Reise machte Angela Inselkammer, Präsidentin des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA, besonders dringend klar, dass ihre Branche wenigstens eine Perspektive für eine baldige Öffnung brauche. „Ein Hotel kann genauso das Abstandsgebot erfüllen wie ein Geschäft.“

Schließlich arbeiteten in dieser sehr vielfältigen Branche 2,4 Millionen Beschäftigte, nahezu so viele wie im Autobau. Nicht nur in Bayern sei die Gastronomie damit „systemrelevant“. Auch in Berlin, wo allein 12 Milliarden Euro pro Jahr mit Essen und Trinken umgesetzt würden.

Aber rund ein Drittel der Gastronomiebetriebe sehen bereits jetzt vor dem Absturz. „Auswärts Essen ist ein Stück Lebenskultur.“ Und forderte dazu, hoch emotional, ein „klares Bekenntnis zur Gastronomie“.

Grundschulen öffnen noch vor den Sommerferien

Dagegen wirkte Michael Müller, regierender Bürgermeister von Berlin, so gefasst und grau wie sein Anzug. „Keiner wünscht sich eine solche Situation. Aber genau deswegen geht man ja in die Politik, um für die Menschen etwas zu tun.“

Statt besonders auf die Lage der Tourismusbranche einzugehen, ließ er sich von Markus Lanz aber immerhin die nächsten Schritte für den Schulbereich entlocken: Noch vor den Sommerferien sollen in Berlin auch die Grundschulen öffnen und die Schüler dann in kleinen Gruppen, womöglich in Schichten, gemeinsam lernen. „Und wir müssen mehr testen.“

So wurde die Corona-Krise bisher bei „Markus Lanz“ diskutiert:

Markus Lanz in der ZDF-Mediathek

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