Spaziergang

Cathrin Böhme zieht sich aus dem Rampenlicht zurück

Mit Cathrin Böhme, Moderatorin der „Abendschau“ im RBB, machen wir in der Sonntagsserie einen Spaziergang durch Grunewald.

Cathrin Boehme, Fernsehmoderatorin, rbb Abendschau Hier a.d. Havel im Grunewald

Cathrin Boehme, Fernsehmoderatorin, rbb Abendschau Hier a.d. Havel im Grunewald

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Das knallige Orange ihrer Bluse leuchtet zwischen den Autos auf dem Parkplatz hier draußen im Grunewald. Sie winkt zaghaft als Erkennungszeichen. Dabei erkennt man schon von Weitem, dass es Cathrin Böhme ist. Die RBB-Moderatorin mit ihrem weißblonden Haar, das in der gleißenden Sonne fast vollständig überblendet wird.

Je näher man ihr kommt, umso klarer wird, dass sie in echt genau so nahbar sein muss, wie sie auf dem Bildschirm wirkt. Nichts gespielt. Nicht die Stimmfarbe, auch nicht ihre offene Art. Sie reicht die Hand, strahlend, und läuft gleich los Richtung Terrasse, als wäre man hier am „Seehotel Grunewald“ schon oft zusammengekommen. Böhme – eine von uns.

Sie, seit über 30 Jahren vor der Kamera, mag diesen Ort, sagt sie direkt, als sich hinter dem Haus die Havel vor uns erstreckt. Die 54-Jährige wohnt nicht weit entfernt und der Blick über das Wasser stimme sie jedes Mal angenehm ruhig. „Ich quatsche mir seit Jahren den Mund fusselig, daher mag ich nicht so überlaufene Orte, an denen man auch gut und gerne still sein kann.“

Diese idyllische Einöde, weg von der wummernden Stadt, gibt einem tatsächlich mal Zeit zum Durchatmen. Und der Weitblick wird auch gleich zur Kulisse für die Fotos von Böhme, die es augenscheinlich gewöhnt ist, vor der Linse zu stehen – wenn auch sonst bewegt.

Ein freundliches Lächeln überfällt ihr Gesicht, ohne aufgesetzt zu wirken. Ihre Lippen glänzen vom Lipgloss, die Haare sitzen. Theoretisch bräuchte sie ab September Gloss und Föhn nicht mehr, wo sie dann nicht mehr für die „Abendschau“ vor der Kamera steht. Nach mehr als drei Jahrzehnten wechselt sie die Seiten, hat von da an die redaktionelle Verantwortung. Und wie fühlt sich das an? „Wehmütig bin ich noch nicht, aber ich bleibe ja auch in der Abendschau-Familie“, sagt sie fröhlich.

Zumal es ihre freie Entscheidung war. Sie habe sich gefragt, wie lange das noch so gehen soll, oder besser: gehen kann. „Da gibt es durchaus eine natürliche Grenze – als Oma jedenfalls will ich nicht mehr auf dem Bildschirm auftauchen, obwohl ich das in echt ja längst bin.“ Sie lacht beherzt.

Viel Privates weiß man bislang nicht von ihr

Aha! Böhme ist also Oma? Ja, zwei Enkelsöhne. Heißt: Sie muss zumindest ein Kind haben. Eine Tochter, 34-jährig. Verheiratet? An ihren Fingern sind mehrere Ringe. Ja, seit 1984. Sie schüttelt ungläubig, zugleich freudig den Kopf.

Es ist ungewohnt, dass man überhaupt Persönliches über sie erfährt. Nicht, dass es vonnöten wäre, Privates über Prominente zu erfahren. Aber interessant ist es ja doch irgendwie, um Menschen der Öffentlichkeit zumindest ein klein wenig einordnen zu können, auch aus Gründen der Identifikation. Doch so verbunden Cathrin Böhme mit ihren Zuschauern ist, so wenig Einblick hat man in das Leben derjenigen, die seit Ewigkeiten ein fester Teil der Berliner Fernsehlandschaft ist. Die Vorbereitung auf das Treffen verlief daher eher zäh.

Bevor wir später im „Seehotel“ noch einen Kaffee trinken, will Böhme noch mal raus, näher ans Wasser, hoch zum Schildhorndenkmal, das vom Architekten Stühler für Fürst Jaczo gebaut wurde. Ihre gewohnte Route.

Böhme erzählt von ihrer Berufswahl nach dem Abitur 1982 in Ost-Deutschland, als sie Journalismus studierte, nachdem ihr Deutschlehrer es ihr ans Herz gelegt hatte. Okay, dachte sie sich, dabei war sie felsenfest davon überzeugt, wie ihr Vater Medizin zu studieren. Ihre Mutter, Erika Radtke, war Chefansagerin in der DDR, wartete während des Bewerbungsgesprächs draußen im Auto, eine ganze Schachtel Zigaretten ging dabei drauf.

Lag es doch näher, Fernsehen wie sie zu machen? Im Gegenteil! „Der Beruf meiner Mutter hatte sie mir häufig weggenommen.“ Fernsehen war damals noch ein Spektakel, ihre Mutter ein Star. „Leute haben bei uns zu Hause vor der Tür gestanden und für ein Autogramm geklingelt und im Urlaub an der Ostsee die Strandkörbe nicht nach Sonne oder Schatten, sondern nach ihr ausgerichtet.“

Klamotten auf Leib geschneidert

Radtke wurden die Klamotten auf den Leib geschneidert, und Diäten mussten eingehalten werden, um immer perfekt auszusehen, erinnert sich Böhme. Sie entwickelte eine Anti-Haltung. Radtke: bis zum Schluss ladylike in High Heels. Ihre Tochter mochte es immer eher simpel. Noch nicht mal Handtaschen möge sie besonders gerne, aber die Feuchttücher für die Enkel fänden darin doch ganz gut Platz.

Als Moderatorin für ihre Stadt Nachrichten zu machen, bedeutet in Böhmes Fall bürgernah zu sein. Eine Leidensgenossin. Oft offenes Ohr für Sorgen der Berliner und gleichzeitig deren Sprachrohr. „Ich habe mich immer schon vor allem als Berlinerin und damit eben auch als Anwältin der Zuschauer gefühlt.“ Als Moderatorin könne man übrigens, anders als Nachrichtensprecher, durchaus angefasst sein von Themen und auch mal Stellung beziehen.

Zu ihrer Mutter Radtke, das merkt man schnell, hat sie ein enges Verhältnis. Zweimal am Tag telefonieren sie, Tochter besucht Mutter so häufig es geht. Und Mama sei stolz auf sie. Wenn sie von ihr erzählt, wirkt sie noch milder als ohnehin schon. Familie ist wichtig, die Verbundenheit zueinander, im Bestfall unkaputtbar.

Auf dem Weg zum Denkmal müssen wir ein paar Treppen steigen. Sprechen und laufen, das ist anstrengend. Wir schnaufen, Böhme lacht über sich. Es geht nun um den ewigen Blick aufs Äußere, das Beäugen der Zuschauer, deren Kommentare. „Sie sehen in natura ja viel jünger aus …“

Da habe es sie früher fast schon bockig gemacht, wenn das Licht im Studio unvorteilhaft eingestellt war. Dabei ging es ihr aber weniger um Eitelkeit. Sie wollte bloß nicht schlechter aussehen als in Wirklichkeit. Ziemlich verständlich.

Der Berliner ist ein angenehmer Fan

Mit dem Berliner an sich aber habe man Glück. Ein angenehmer Fan sei der, sagt Böhme. Die unaufgeregte Art, wenn man sie auf der Straße erkennt, mag sie. „Bis heute Abend“, flüstert ihr manch einer dann zu. Ein anerkennendes Nicken, ein Daumen nach oben.

Kurz darauf werden wir an einem kleinen Badestrand genau davon Zeuge. Ein älteres Ehepaar, das nach subtiler Ignoranz der Moderatorin dann doch noch schnell etwas sagt, bevor wir vorbei sind. „Wir haben gerade festgestellt, dass sie viel schlanker sind, als ’se im Fernsehen wirken und so viel Schmuck wie früher tragen se auch nicht mehr – is’ schön!“ Ehrlich, direkt, herzlich. Alle lachen.

Als wir auf dem Weg zurück sind, erklärt Böhme, was für eine besondere Rolle sie über 20 Jahre innehatte: „Jeden Abend haben mich die Menschen in ihre Wohnzimmer gelassen.“ Sieben Tage, allabendlich, dann sieben Tage frei. Über Jahrzehnte hinweg im Wechsel. Mit halb abgerissener Fingerkuppe oder 40 Grad Fieber stand sie tapfer vor der Kamera. Böhme hat ein leidenschaftliches Pflichtbewusstsein.

In wenigen Tagen wird Eva-Maria Lemke sie ersetzen. Krass. Gerade weil der Mensch in aller Regel doch so auf Gewohnheit steht – und sie ist das vertraute Abendschau-Gesicht. Das weiß auch Böhme. „Ich werde ja selbst fuchsteufelswild, wenn in meinem Supermarkt plötzlich alles umgestellt wurde“, sagt sie. Aber manchmal seien Veränderungen eben wichtig.

Der Zeitpunkt ist gut zum 60-jährigen Jubiläum der Sendung. Man muss sich mal vorstellen, dass Böhme die schon vor dem Mauerfall mit ihren Großeltern in Friedrichshain geschaut hat. Als Hans-Werner Kock immer sagte: „Macht’s gut, Nachbarn!“ Eine bedeutende Geste für alle Ost-Berliner.

Wer ist denn eigentlich der Durchschnittszuschauer? Das könne man gut definieren, beginnt Böhme ohne Zögern: „Nicht unbedingt jung, mit dem Kiez verwachsen, nicht mehr nur Alteingesessene, auch Zugezogene, aber definitiv in der Stadt angekommen und bereit, sich mit ihr zu identifizieren.“

Böhme hat in den vergangenen Wochen viele Dankesbekundungen bekommen, sagt sie. Die Anerkennung der Kollegen habe sie besonders gerührt. Irgendwann konnte sie nicht mehr weiterlesen. Der Kloß im Hals war zu groß, und das kurz vor der Sendung.

„Das Zusammenleben ist schwieriger geworden“

Wir sitzen im Halbschatten, Blick auf das Wasser. Die Kellnerin und Böhme kennen sich schon. Es gibt schwarzen Kaffee und eine Apfelsaftschorle. Eine freundliche Atmosphäre, dabei ist Berlin, wie die Moderatorin findet, seitdem sie ihre Arbeit begonnen hat, aggressiver geworden. „Das Zusammenleben in der Stadt ist schwieriger als früher.“

Mietexplosion, Existenzängste, Mangel überall. Flüchtlinge, Pflege, Rente. Die Liste ist lang und wächst weiter. Eine Zeit lang seien die Probleme in der Stadt so schlimm gewesen, sagt Böhme, dass sie bei der Themenauswahl für eine Sendung daran erinnern musste, dass sie die Sendung auch dafür machen, um hoffen zu lassen – ohne zu verklären.

„Wenn ich mir täglich 30 Minuten erzählen würde, dass alles schiefläuft, müsste man wohl nach dem nächsten Strick schauen – das kann und darf aber nicht unsere Aufgabe sein!“ Und doch stecken Böhme und die Autorin plötzlich mittendrin im großen Mist.

Wir grooven uns ein in eine längere Passage über Altersarmut, Wohnungsnot und die Angst von Freiberuflern (auch von ihr). Über junge Menschen, die manchmal in so großer Panik stecken, dass sie lieber auf Kinder verzichten (macht sie traurig). Über den Umgang mit Flüchtlingen und die Bürgersolidarität (bereitet ihr bis heute Gänsehaut vor Rührung). Über die Stadt, die über die Hälfte nicht mehr Berlin gehört, sondern ausländischen Investoren (macht sie wütend).

Trotz all der Ernsthaftigkeit lacht sie nun wieder so herzhaft, einfach weil es in der Fülle so absurd scheint. Ihre Lache klingt ein klitzekleines bisschen rau, man hört, dass sie mal geraucht hat. Wohlgemerkt 16 Jahre. Aber dann mit 40 kam nachts dieser Traum, in dem sie krank war. Seitdem hat sie nie wieder eine Zigarette angefasst.

Jobs in Mainz oder Köln ausgeschlagen

Berlin als Ort war für Böhme übrigens immer das stärkste Argument im Laufe ihrer Karriere. Viele ihrer Kollegen sehen das regionale Fernsehen bloß als Sprungbrett in die großen Sender. ARD, ZDF, RTL. Das Credo „dann, wenn …“ habe sie aber nie gereizt. Sogar gute Jobs in Mainz oder Köln hat sie ausgeschlagen.

Klar sei allerdings: „Wer groß Karriere machen möchte, muss irgendwann ins Überregionale wechseln.“ Sie aber habe ihre Jobs nie als Durchlauferhitzer gesehen, „nie war etwas bloß eine Übergangslösung, ich habe mich immer jeweils total mit meiner Aufgabe und Umgebung identifiziert“. Mit Berlin und seinen Bewohnern.

Und vielleicht ist das ein Geheimnis ihres Erfolgs, der so wenig mit Allüren zu tun hat und so viel mit ihrer bodenständigen Aura. Man könnte noch eine ganze Weile so mit ihr hier sitzen. Womöglich noch ihre Mutter besuchen oder mit den Enkelkindern, die gerade Böhmes Mann hütet, spielen. Ach nein, das wäre doch zu viel Privates. Dafür, dass sie sonst nie davon erzählt, hat sie heute tief blicken lassen. Danke und bis bald!

Zur Person:

Leben

1964 als Tochter eines Mediziners und der DDR-Chefansagerin Erika Radtke in Berlin geboren. 1982 legte sie ihr Abitur ab und studierte dann an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Journalismus. Zusammen mit Alexander Osang waren sie die „bunten Vögel“ – vorlaut, arrogant, frech.

Familie

Böhme ist seit 1984 verheiratet. Sie hat eine 34 Jahre alte Tochter und ist Oma von zwei Enkelsöhnen.

Karriere

Während des Studiums machte sie ein Volontariat beim DDR-Fernsehen und wurde Redakteurin beim DFF 2. Von 1990 bis 1991 war sie Chefmoderatorin im gerade gegründeten Landessender Brandenburg, dem Vorläufer des ORB. Dort moderierte sie die Sendung „LSB aktuell“. Von 1991 bis 1992 arbeitete sie im News Burda Verlag als Redakteurin und wechselte anschließend zum RTL-Frühstücksfernsehen. 1995 kam Cathrin Böhme zum SFB, dem heutigen RBB. Sie moderierte zunächst die „Spät Abendschau“ und seit 1997 bis Herbst 2018 die Hauptausgabe der „Abendschau“.

Spaziergang

Treffpunkt ist der Parkplatz des „Seehotels Grunewald“. Bevor ein Kaffee dort auf der Terrasse am Wasser getrunken wird, spazieren wir hoch zum Schildhorndenkmal und drehen eine Runde am Ufer entlang.

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