Spaziergang

Alexander König ist der Mann für das Spitzenpaar

Alexander König ist Eiskunstlauftrainer. Mit ihm machen wir in der Sonntagsserie einen ein Spaziergang durch Köpenick.

Alexander Koenig, Eiskunstlauftrainer - hier in Koepenick

Alexander Koenig, Eiskunstlauftrainer - hier in Koepenick

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Wie aus einer anderen Welt liegt die Wuhle da. Ein paar Meter weiter steht das Forum Köpenick, ein Einkaufszentrum wie so viele, laut, hektisch, geschäftig. Aber nur wenige Schritte entfernt wuchert das Grün, tritt das Urbane in den Hintergrund. Wird verdrängt von einem Flecken Natur, der fast so unberührt wirkt wie der Dschungel irgendwo in Äquatornähe. Dicht stehen die Bäume, Büsche ranken hinein in das Bächlein.

Wenn er will, kann Alexander König jeden Tag an diesen verwunschenen Ort flüchten. Er wohnt gleich in der Nähe. „Das ist ein Ruhepol“, sagt er. Am Ufer entlang zu schlendern, führt die Gedanken weit weg vom Alltag. Obwohl der ihn ohnehin gerade nicht in der allergrößten Routine festhält. Daran trägt der Meniskus im rechten Knie eine Teilschuld. „Zum dritten Mal ist der schon gerissen.“ Verletzt ist er also, man ahnt es, wenn man ihn sieht. König läuft nicht ganz rund, aber er läuft. Der Spaziergang ist ausgemacht und der Meniskus für ihn kein Grund, daran zu rütteln. Obwohl er eigentlich lieber Rad fährt.

Sein bevorzugtes Gefilde bleibt trotzdem das Eis. Darauf führt er Paare zu einer unvergleichlichen Harmonie der Körper, die im Einklang von sportlicher Athletik und künstlerischer Ästhetik zur Musik ihre Perfektion erlangt. Der 51-Jährige ist Eiskunstlauftrainer. Sogar der allerbeste? Das würde König, der Paarlaufspezialist, nie behaupten. „Was du lernen musst, ist, dich von der gezeigten Wettkampfleistung deiner Schüler zu distanzieren“, erzählt er. Was ganz schön schwerfällt, wenn die Schüler gerade eine Saison erlebten, die immer neue Superlative erschuf.

Sieger im Grand-Prix-Finale, inklusive Weltbestwertung in der Kür, Olympiasieger, wieder mit Weltrekord in der Kür, zum Abschluss der Weltmeistertitel. Der Winter war wie ein Rausch.

Rückkehr nach zehn aufregenden Jahren in Bayern

Trotzdem bleibt Eiskunstlauf unberechenbar, oft landen die Sportler nicht nur mit den Schlittschuhen auf dem Eis. Im Prinzip weiß man vorher nie, ob alles gut geht. Zittern, hoffen, bangen. Ein Trainer steht immer kurz vor dem Verzweifeln, wenn er sich nicht distanzieren kann. „Es ist ein nervenaufreibender Job“, sagt König, der mit Aljona Savchenko und Bruno Massot etwas Einzigartiges kreierte.

Nun fließt die Wuhle ganz unaufgeregt neben ihm dahin. Alles ist anders. Die unfassbaren Erfolge haben ihren Platz im Gedächtnis eingenommen. Nur die Weste, die König trägt, schafft noch eine offensichtliche Verbindung. „Team D“ ist auf dem schwarzen Stoff eingestickt, für Team Deutschland, ein Teil der offiziellen Olympiabekleidung. Ansonsten beginnt ein neuer Abschnitt.

Seit Anfang Mai wieder in Berlin

König ist zurück, lebt seit Anfang Mai wieder in Berlin. Unweit der Wuhle, unweit also auch des Stadions an der Alten Försterei. Er sei schon dort gewesen, beim 1. FC Union, erzählt König, als die Tribünen der Arena vom Uferweg aus zu sehen sind. Doch Fußball mag er nicht so, der erdrückt den ganzen anderen Sport mit seiner medialen und finanziellen Allmacht.

Wo die Wuhle in die Spree mündet, steuern wir über die Lindenstraße den Schlosspark an. Eine Bank verschafft dem maladen Knie die notwendige Entspannung. Hier lässt sich toll das Treiben auf dem Wasser verfolgen. Oder nachdenken. Warum eigentlich Oberstdorf? Zehn Jahre lebte König in Bayern. „Das Herz war immer in Berlin“, sagt er. Aber die Lebensqualität dort gefiel ihm sehr. Doch deswegen blieb er nicht so lange da, sondern wegen des Berufs. Anfangs arbeitete er bei einem Kollegen in der Eislaufschule, dann „habe ich mein eigenes Ding gemacht“. Er gründete selbst eine Schule.

Die hätte ihn vermutlich auch nicht eine halbe Ewigkeit in Bayern gehalten, doch dann kam dieser Anruf. König nimmt sein Handy, schaut skeptisch drauf. „Aljona Savchenko? Was will die denn von mir?“ So lief das 2014 ungefähr ab. „Das war ein Geschenk des Himmels, dass sie angerufen hat und sagte, dass die beiden einen Trainer suchen“, so König.

Mit fünf WM-Titeln und zwei Olympia-Bronzemedaillen, die sie an der Seite von Robin Szolkowy gewonnen hatte, zählte Savchenko zu den größten Persönlichkeiten ihres Sports. Doch ein Traum blieb ihr verwehrt, ihr größter, den sie schon als kleine Eisprinzessin im Kopf trug. König sollte helfen, ihn endlich zu erfüllen, die Karriere mit dem Olympiagold zu krönen.

Mit dem bis dahin unbekannten Partner Bruno Massot stellte sich das Projekt als große Herausforderung dar. Der Franzose besaß anfangs weder Erfahrung noch Klasse der gebürtigen Ukrainerin, die schon lange für Deutschland startete. Vor allem aber die verschiedenen Charaktere, bedingt durch die unterschiedlichen Sozialisationen der beiden in Ost und West, ließen alle drei an Grenzen stoßen.

„Wir waren kurz davor aufzuhören, im ersten Jahr und auch später“, verrät der Trainer, der in diesem Team verschiedene Rollen einnahm. Als Bindeglied war er gefragt, und konnte das als jemand, der selbst aus der DDR stammt, aber längst mehr vom Westen erlebt hat, sehr gut leisten. Aber er musste auch derjenige sein, der den Ehrgeiz der beiden in die richtigen Bahnen lenkt. Die verbissene Savchenko steigerte sich oft in die Dinge hinein. Massot mit seiner französischen Mentalität ließ es gern lockerer angehen.

Jeder profitierte vom anderen

Die Mischung aller Elemente war am Ende ein Teil des Erfolgs, jeder profitierte vom anderen. Weil sich alle aufeinander eingelassen haben. „Die Sportler müssen verstehen, was du als Trainer willst, sie müssen es fühlen. Und als Trainer musst du jede Reaktion sofort in dir spüren und wissen, was sie bedeutet. Darin bin ich nicht schlecht, glaube ich.“ Das Knie hat sich erholt, wir haben die Richtung gewechselt und stehen am Schlossplatz.

Warum aber nun die Heimkehr? Die war lange geplant. Die Familie kam schon vor einem Jahr zurück. „Ich habe gesagt, ich mache die Sache mit Bruno und Aljona noch zu Ende.“ Savchenko ist 34 Jahre alt, Massot 29, ihre Zukunft als Eiskunstlaufpaar beschränkt sich auf die Show „Holiday on Ice“. Die Rückkehr in den Wettkampfsport ist unwahrscheinlich. „Wir haben einen guten Abschluss gefunden“, sagt König. Den schönsten. Das macht es leichter, neu anzufangen.

Als Nachbar der Schwiegermutter. Sie ist 80 und der Anlass für den Ortswechsel. „Irgendwann fragst du dich, was ist wichtig im Leben. Familie ist wichtig, dass man füreinander da ist“, erzählt König. Weil die Schwiegermutter schon lange in Köpenick lebt, kennt sich auch König gut aus in der Gegend. Obwohl er vor der Oberstdorfer Episode in Mitte wohnte.

An der am Schlossplatz liegenden Grünstraße gibt es einen Laden für orthopädische Schuhe. Neulich ist er mal rein da, hat gefragt, ob die Dame hinterm Tresen den Herrn Malinowski noch kenne. Der sei ihr früherer Chef gewesen, entgegnete sie. Mit dem Herrn hatte König 1993 geschäftlich zu tun. „Das war mein erster Sponsor.“ In dem Laden wurden zu DDR-Zeiten und danach Eiskunstlauf-Schlittschuhe nach Maß gefertigt.

König war selbst Paarläufer, startete dreimal bei Olympia, war dreimal Siebter dort. 5000 Mark spendierte Herr Malinowski und ein paar Schlittschuhe für jeden natürlich. „Dafür haben wir bei Wettbewerben Prospekte verteilt, damit sie mit den Schlittschuhen ein bisschen Geschäft machen.“ Aus seiner aktiven Laufbahn ergab sich die Fortführung der Karriere als Trainer. Der Vater riet ihm dazu. Obwohl auch ein Job im Hotelgewerbe im Raum stand, König hatte Koch gelernt. Im früheren Sporthotel im Sportforum Hohenschönhausen, das jetzt vor sich hin rottet.

Ein Paarlaufzentrum baut der Trainer nun in Berlin auf

Das Sportforum ist nun wieder Mittelpunkt seiner Arbeit geworden. Noch nicht ganz in der erhofften Form. „Es ist zäh“, sagt König. Ein Paarlaufzentrum soll er in Berlin aufbauen, eine tolle Idee, für die er brennt. 2022 ist für Deutschland ein Olympiasieg zu verteidigen, „Utopie“, so König. Selbst eine Medaille sei unwahrscheinlich. Doch eine Platzierung unter den ersten zehn und dazu ein zweites Paar am Start zu haben, „dafür lohnt es sich zu kämpfen“.

Berlin sei der einzige Ort, um diese Paare zu entwickeln. Jedes Jahr fangen hier etwa 1000 Kinder an eiszulaufen. So viel wie nirgends sonst in Deutschland. Doch Bürokratie und finanzielle Hürden bereiten dem Projekt einige Startschwierigkeiten. Trotz aller Aufbruchsstimmung im Verband nach dem Gold-Coup. Aber es geht voran.

Fast ein bisschen wie damals, als König und seine Frau heiraten wollten. Also nicht das Geld war das Problem. Im Rathaus von Mitte klingelten die beiden einst am falschen Tag. „Heute gibt es nur Sterbeurkunden“, schallte es aus der Gegensprechanlage, als sie ihr Aufgebot bestellen wollten. Das vermieste den Gedanken an eine Hochzeit dort, und der Zufall führte das junge Paar zum Rathaus Köpenick. 1995 war das.

Wir stehen wieder vor dem großen Backsteingebäude. Mit Eiskunstlauf, sagt König, haben Frau und Kinder es bis heute nicht so. „Das ist eine wunderschöne Parallelwelt. Meine Frau arbeitet im Krankenhaus, da hat sie mit wirklichen Problemen zu tun.“ Unterstützung bekommt er dennoch für seine Arbeit, die mit Savchenko und Massot zuletzt Maßstäbe setzte. Die drei haben den Paarlauf von der rein athletischen, sehr an Sprüngen orientierten Darbietung an den künstlerisch orientierten Eistanz herangeführt und beides verschmolzen. Mit dem nun besten deutschen Paar, Annika Hocke und Ruben Blommaert, das er jetzt mitbetreut, möchte er diesen Stil fortführen.

Hier am Rathaus, das König „meine Hochzeitsbude“ nennt, trat aber auch die künstlerische Ader der Familie seiner Frau zum Vorschein. Einst trieb hier der Hauptmann von Köpenick sein Unwesen. Zwischen 2010 und 2015 spielte Königs inzwischen verstorbener Schwiegervater in der Laientruppe der Hauptmann-Garde das starke Stück vor dem Rathaus nach. Um die Ecke in einer Kneipe „haben sie sich immer umgezogen und zum Abschluss ein Bierchen getrunken.“

Der Mann hat viele Talente

Wir nähern uns auch dem Ende, über die Lindenstraße und die Bahnhofstraße geht es wieder in Richtung des Forums Köpenick. Das Knie hat durchgehalten. Wie es die nächsten Wochen beeinflussen wird, ist nicht vorherzusehen. Doch selbst mit beschränktem Einsatz an der Eisbahn müsste König nicht langweilig werden. Der Mann hat viele Talente, und er versteckt sie nicht.

Er malt, er schreibt, hält das Eiskunstlaufen in Bildern und Worten fest. Zwei Kinderbücher mit Bildern von ihm sind erschienen, ein drittes ist in Planung. Es soll die Erlebnisse der vergangenen vier Jahre mit Aljona Savchenko und Bruno Massot verarbeiten, transformiert wieder in ein Kinderbuch. Dabei wird ihm noch einmal alles vor Augen sein, der lange Weg zu den Olympischen Spielen, die detailversessene Arbeit, der grandiose Triumph. „Ein tiefes Zufriedenheitsgefühl, das ist nach wie vor noch sehr intensiv und bleibt es wahrscheinlich auch noch eine Weile. Olympiasieger, wenn ich mir das sage, es wirkt immer noch“, erzählt König und lächelt glückselig.

Kurz vor dem Ziel schreckt er noch einmal auf. Letztens fuhr er mit der Straßenbahn, in die wir auch gerade eingestiegen sind, hier entlang und wollte mit seinem Sohn kurz vor dem Einkaufszentrum schnell aus der Bahn springen. Doch die Tür blieb zu. „Plötzlich schoss ein Lieferwagen vorbei. Da hatte ich erst gemerkt, dass der Fahrer die Tür nicht freigegeben hatte, weil er den Wagen gesehen hat“, so König. Dem Fahrer würde er unbekannterweise gern danken für seine Weitsicht, die er hier gezeigt hat kurz vor dem Haupteingang des Forums. Wo es laut ist, hektisch und geschäftig. Wo nichts daran erinnert, dass auf der anderen Seite des Gebäudes die Wuhle sanft dahinfließt.

Zur Person:

Sportler

Alexander König wurde in Eilenburg geboren, zog aber früh mit seinen Eltern nach Berlin. Er entwickelte sich zu einem erfolgreichen Paarläufer. Zusammen mit Peggy Schwarz gewann er 1988 Bronze bei der EM für die DDR. Ein Jahr später wurden beide WM-Vierte. Jeweils Platz sieben gelang ihnen bei den Olympischen Spielen 1988, 1992 und 1994. König und Schwarz waren DDR-Meister und gesamtdeutsche Meister.

Trainer

Nach der aktiven Karriere ließ sich König zum Eiskunstlauftrainer ausbilden. Zunächst arbeitete er in Stuttgart, später in Chemnitz, ab 2001 dann wieder in Berlin. Sieben Jahre später zog es ihn nach Oberstdorf, wo er bald seine eigene Eiskunstlaufschule führte. Ab Mitte 2014 betreute er Aljona Savchenko und Bruno Massot, gemeinsam feierten sie im Februar 2018 den Olympiasieg im Paarlauf und wurden einen Monat später Weltmeister.

Spaziergang

Vom Forum Köpenick an der Wuhle entlang bis zur Lindenstraße. Dieser folgend durch die Altstadt Köpenick, hier den Uferweg entlang, bis zum Schlosspark. Von dort zurück auf den Schlossplatz, anschließend auf der Straße Alt-Köpenick vorbei am Rathaus, wieder auf die Lindenstraße zurück und mit der Straßenbahn über die Bahnhofstraße zum Forum Köpenick.

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