„Maischberger“

Petry und Wagenknecht erstes Mal zusammen in einer Talkshow

Sommerpause vorbei auch bei Sandra Maischberger: Spannend wurde das erste Aufeinandertreffen von Sahra Wagenknecht und Frauke Petry.

Von Lars Wienand
Im Talk von Sandra Maischberger trafen erstmals Frauke Petry und Sahra Wagenknecht im TV aufeinander. Die Rollen als Vertreterinnen von Protestparteien nahmen sie nicht immer an.

Im Talk von Sandra Maischberger trafen erstmals Frauke Petry und Sahra Wagenknecht im TV aufeinander. Die Rollen als Vertreterinnen von Protestparteien nahmen sie nicht immer an.

Foto: Imago/Montage FMG

Berlin.  Direkt vor „Maischberger“ am späten Mittwoch zeigte die ARD-Sportschau noch ein lahmes 0:0. Danach sahen die Zuschauer die spannende Partie Volksparteien gegen Protestparteien mit den geschrumpften großen Parteien als überlegenem Sieger.
Oder nicht? Wen interessiert denn noch, was stimmt? Die Frage ist Teil des Phänomens, um das sich die Sendung drehte: Sind die Volksparteien Vergangenheit, die Protestparteien von rechts und links die Zukunft? Und wo liegen die Probleme der alten Parteien?

Vielleicht haben sie etwas mit Fakten zu tun, die beim Protest keine Rolle spielen und bei Volksparteien auch nicht immer klar benannt werden. „Leben wir in postfaktischen Zeiten, in denen die Echoräume des Internets Fakten nicht mehr gelten lassen?“, warf der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke ein, der für AfD-Anhänger faktisch ein rotes Tuch ist.

Volksparteien gegen Protestparteien

Dort die Volksparteien, die sich um die Probleme kümmern, auf der anderen Seite die, die das ignorieren? Auf diese Erklärung stürzte sich auch die SPD-Generalsekretärin Katharina Barley: Volksparteien gehen Lösungen an, versuchen die Gesellschaft zusammenzuhalten und müssen für das große Ganze auch unangenehme Kompromisse schließen, erklärte sie. Populisten versuchten, Verunsicherung zu schüren. „Die leben davon, dass die Probleme nicht gelöst werden.“

AfD-Chefin Frauke Petry drehte das um: „Die Volksparteien scheitern daran, dass sie den Bürgern nicht die Wahrheit sagen. Wir bringen die Diskussion, die in den Parlamenten seit Jahren nicht mehr geführt worden, dorthin wieder zurück.“ Mit sehr wenig Substanz, wie Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht einwandte. Aber das waren ja wieder Fakten.

Petry und Wagenknecht in einer Sendung

Petry war von der Maischberger-Redaktion offenbar ebenso als Vertreterin der Protestparteien eingeladen wie Wagenknecht – erstmals beide gemeinsam in einer Sendung. Doch sie wollten mit der Rollenverteilung nicht ganz einher gehen. Petry nannte ihre AfD gar eine „kleine Volkspartei“, ihre Stellvertreterin Beatrix von Storch twitterte genüsslich ein Zitat von Moderatorin Sandra Maischberger, die CDU und AfD „bürgerliche Parteien“ nannte. Ein Prädikat, das Politikwissenschaftler von Lucke der AfD engagiert absprach.

Wagenknecht hielt ihrer eigenen Partei vor, als Teil eines „Parteienkartells“ angesehen zu werden. Sprachlich ist das nahe an Petry, die von den „alten Parteien“ als „Einheitspartei“ sprach. Große Überschneidungen zwischen den großen Parteien bestritt niemand in der Runde.

SPD-Politikerin Barley macht Wagenknecht Hoffnungen

Auf die Linke, die nicht mehr weiß, ob sie zumindest noch im Osten Volkspartei ist oder als Protestpartei taugt, könnte ja noch eine weitere Rolle zukommen: SPD-Frau Barley machte Wagenknecht jedenfalls Avancen, als es in der Runde um Koalitionen der Zukunft geht. Abseits der Kameras solle man sich zusammensetzen und reden und dann schauen.

Den Status der nicht vertretenen CSU ließ die Runde offen: Ob sie Volks- oder Protestpartei sei, „das ändere sich ja stündlich“, ätzte Barley. Der Politstratege Peter Radunski, Manager zahlreicher CDU-Wahlkämpfe, hatte zumindest eine Prognose: Mit dem Näherrücken der Bundestagswahl werde die CSU sich auch der CDU annähern. Und Merkel, die ihre Flüchtlingspolitik zur Abstimmung stellen wolle, habe „gute Chancen, damit zu gewinnen“.

Politikwissenschaftler sieht bei Merkel fehlende Einsicht

Doch die Flüchtlingspolitik kann auch als Beleg herhalten, dass das Faktische auch an der Spitze einer Volkspartei nicht unbedingt benannt wird: Politikwissenschaftler von Lucke sah bei Merkel das „große Problem, dass sie nicht eingestehen kann, dass unter dem Druck der CSU aus der Willkommens- längst eine Abschottungskultur geworden ist“.

Wenn sechs Parteien im Bundestag Realität würden, müssten auch bislang unvorstellbare Koalitionen Thema werden, sagte Wahlstratege Radunski, ruderte aber etwas zurück: Man müsse noch abwarten, wie sich die AfD entwickele. An Petry gerichtet sagte der Politikberater: „Sie sind auf eine Goldader gestoßen: Sie reden mit dem Volk, wie das Volk redet. Ob das auf Dauer trägt, wird man sehen.“ Die alten Parteien müssten auch neue Wege der Kommunikation finden. Radunski setzt Hoffnungen in CDU-Generalsekretär Peter Tauber und das Internet.

„Ein Großteil wählt die AfD nicht wegen des AfD-Programms“

Wagenknecht bemühte sich, Blattgold bei der AfD abzukratzen und einen hässlichen Kern freizulegen: Sie schaute auf das Programm, attestierte neoliberalen Sozialabbau, ganz entgegen den Interessen der kleinen Leute. Auf Twitter wünschten sich Menschen an dieser Stelle Wagenknecht „für den linken Flügel der AfD“. Sie hielt fest: „Ein Großteil wählt die AfD nicht wegen des AfD-Programms, zum Glück, sondern weil sie von den anderen Parteien enttäuscht sind.“

Vielleicht könnte ein solches Sammelbecken der Unzufriedenen ja gut sein, fragte Maischberger. Barley widersprach mit der Frage nach der Grundlage: „Das ist Verunsicherung, Wut, Unzufriedenheit. Das brauchen sie und schüren sie. Sie müssen das immer aufrecht erhalten, deshalb kommt kein interessantes Konzept.“ Dieses Defizit hat die Wähler an den Urnen bisher nicht erreicht oder interessiert, in der Runde stand Wagenknecht auch alleine da mit dem Versuch, Petry so zu stellen.

Petry lächelt Rassismuswürfe weg

Dafür wärmte Moderatorin Maischberger vielfach gezeigte Belege für Nationalismus und Rassismus in der AfD auf, routiniert weggelächelt von Petry, vom AfD-Wähler am Fernsehschirm vermutlich mit Aufstöhnen kommentiert. Petry musste da nicht einmal mit Reinreden den Wortbeitrag unverständlich machen, wie sie es mehrfach tat, wenn es ihr zu kritisch wurde.

Und Maischberger drängte Barley auch genau in die Rolle, in die sie gar nicht wollte – sie sollte nach dem Einspieler über die AfD die Nazi-Keule schwingen. Petry analysierte richtig: So lange die „alten Parteien“ vor allem auf die AfD einschlügen, werde man sie nur stärker machen. „Ich habe keine Lust, über die AfD zu reden“, sagte Barley folgerichtig, die lieber über die Volksparteien sprechen will, die die Gesellschaft zusammen halten.

Schlechte Aussichten für Volksparteien

Maischberger beharrte, und AfD-Fans im Netz feixten. Beleg für sie erbracht, dass die großen Parteien bei Problemen die Augen verschließen. Es ist ein schwieriges Spiel für die Volksparteien – hohe Siege nicht in Sicht.