TV-Kritik

"Tatort": Weihnachtsmann unter lauter Zechkumpanen

Der „Tatort“ vom Bodensee ermittelt im Obdachlosen-Milieu. Es ist kalt, eine Frau ist tot - und es gibt eine SMS von ihrem Handy.

Unten angelangt: Hagen (Andreas Lust) und vor allem Bill (Frank Fink) machen sich Sorgen um Franzi (Friederike Linke), die verhaftet wurde

Unten angelangt: Hagen (Andreas Lust) und vor allem Bill (Frank Fink) machen sich Sorgen um Franzi (Friederike Linke), die verhaftet wurde

Foto: ARD / SWR/Johannes Krieg

Es ist gerade erst November, und aus dem „Tatort“ ist schon die erste Sichtung eines Weihnachtsmannes zu vermelden. Er hat leider keine Geschenke mitgebracht, sondern eine Axt, mit der er einer jungen Frau an einer Böschung am Rheinufer den Schädel spaltet. Dann schreibt er eine SMS mit dem Handy des Opfers: „Ich bin tot. Schilf am Ende vom Winterer Steig. Kümmern Sie sich um mein Baby. Bitte schnell.“ Der Kinderwagen mit dem Säugling steht in einem nahe gelegenen Waldstück herum. Es ist kalt.

„Côte d’Azur“ ist der 29. Fall für Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes), der seit 24 Episoden ihr Kollege Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) zur Seite steht. Allzu oft werden wir den beiden nicht mehr dabei zusehen können, wie sie am schönen Bodensee menschliche Abgründe ausleuchten. Der Südwestrundfunk hat angekündigt, sie 2016 in den Ruhestand zu schicken – leider ohne Begründung. An den Quoten kann es nicht liegen, die lagen in letzter Zeit immer stabil zwischen neun und zehn Millionen Zuschauern.

Diesmal steigen sie hinab in das Reich der obdachlosen Alkoholiker. Sie haben einen Treffpunkt am Rhein, eine Hütte mit dem traurigen Namen „Côte d’Azur“. Ihr Strand sind ein paar schmutzige Kiesel unter einer Brücke. Bill, Urs, Lucky und Franzi. Saufkumpane am Rande der Gesellschaft.

In diesen Kreisen war das Opfer unterwegs. Aber warum trug sie am Abend ihres Todes ein Abendkleid? Wohin ist der teure Ring verschwunden, den man auf Fotos von ihr sieht?

Blum und Perlmann glauben nicht an einen Raubmord. Warum sollte sich der Täter dann Sorgen um das Kind gemacht oder auch nur von ihm gewusst haben? Es überlebt, wenn auch mit schweren Unterkühlungen.

Die Spur führt zu den Zechfreunden, die sich nebenher als Weihnachtsmänner verdingen. Interessant ist der „Tatort“ vom Bodensee nicht wegen der Tätersuche. Regisseur Ed Herzog und Autor Wolfgang Stauch gelingt ein dif­ferenzierter Blick auf ein Milieu, in dem Sucht und Freundschaft eine trostlose Partnerschaft eingehen.

„Tatort: Côte d’Azur“, Sonntag,
20.15 Uhr, ARD