Zum modernen Leben gehört das Gefühl, immerzu beobachtet zu werden. Das ist schon seit Jahrzehnten so, und Hollywood hat dafür längst eine eigene Bildsprache entwickelt. In Filmen wie Tony Scotts „Staatsfeind Nr. 1“ von 1998 sehen wir in schnellen Schnittfolgen die Aufzeichnungen aus Überwachungskameras, aus Satelliten, Drohnen und Nachtsichtgeräten. Alles ist unscharf. Zahlenkolonnen flackern über einem monochromen Brei aus Pixeln, doch was bedeuten sie?
Dann blinkt ein Cursor kurz auf und verschwindet wieder, ein Fadenkreuz nimmt etwas ins Visier - aber wir wissen nicht, was. Diese Bilder sind ein einziges Rätsel. Sie sind ein Sinnbild unserer Ohnmacht: Sie zeigen uns alles. Aber wir können es nicht entziffern.
Wilhelmshaven ist nicht Hollywood, und der Jade-Weser-Port ist nicht der Sunset Boulevard, sondern ein teurer und schlecht ausgelasteter Containerhafen auf riesiger Fläche. Aber Marvin Kren ist ein interessanter Regisseur. Mit seinen vielfach preisgekrönten Zombie- und Monsterfilmen „Rammbock“ und „Blutgletscher“ hat der Österreicher viel Gespür für die Traditionen des Genres bewiesen und zugleich starke, beängstigende Erzählungen auf die Leinwand gebracht.
Nun wendet er sich dem deutschen Heiligtum des Sonntagabends zu, dem ARD-„Tatort“. Und auch hier nutzt er die Chance, seiner Zitierlust nachzugehen und all die guten Filme heraufzubeschwören, die schon dasselbe Lied gesungen haben: Von den gierigen Augen der Kameras. Und von der Angst, die wir von ihnen haben.
Jähes Ende einer Liebesbeziehung
In „Kaltstart“ huschen jedenfalls am Jade-Weser-Port die Schatten durch das Dunkel zwischen den Containern. Zwei Ermittler sind einem Menschenhändler auf der Spur, der Flüchtlinge aus dem Kongo nach Deutschland schleust. Als sie ihn stellen wollen, fliegen sie gemeinsam mit ihm in die Luft – jemand hat eine Propangasflasche in eine Bombe verwandelt. Nur ein Ermittler überlebt schwer verletzt, seine Kollegin stirbt. Es stellt sich heraus, dass sie eine Liebesbeziehung mit Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) hatte, der nun die Ermittlungen übernimmt.
Das ist ein weiteres Motiv dieser „Tatort“-Folge: bodenloser Verlust. Möhring übersetzt es in eine Mischung aus Übernächtigung, verbissener Arbeitswut und Trauer, die seiner Figur echte Tiefe gibt – und diesem „Tatort“ natürlich auch jeden Raum für Humor und Leichtigkeit nimmt. Aber das ist nicht schlimm, denn dem Film ist es bitter ernst mit seinem Thema. Am Jade-Weser-Port, wo die legalen Geschäfte nicht recht laufen wollen, hat man sich eben auf den Menschenhandel verlegt. Man fälscht munter Pässe und riskiert das Leben der Armutsflüchtlinge, die man wochenlang in Containern einsperrt und über ihre Zukunft im Unklaren lässt. Oft sterben sie auch einfach.
Der Hüne aus dem Kongo
Falke und seine Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller), mit der er langsam ein echtes Ermittlerduo bildet, treffen auf eine Reihe dubioser Gestalten im Umfeld des Ermordeten. Da ist ein windiger Spediteur, der offensichtlich von den kriminellen Geschäften profitierte. Da ist ein kongolesischer Hüne mit wilder Narbe im Gesicht, der auf einer Motocrossmaschine durch Wilhelmshaven brettert und die Drecksarbeit für andere zu erledigen scheint. Und da ist vor allem der Sicherheitsmann Jertz, gespielt vom großartigen André Hennicke.
Hennicke ist mit seinem markanten, seltsam verhärmten Gesicht und seinem reduzierten Spiel in den letzten Jahren zu einer Kapazität für die Verzweifelten und die Bösen dieser Welt geworden. Hier sehen wir ihn als Sendboten einer unbekannten Macht, die ihn nicht nur mit modernstem Gerät ausstattet, sondern auch die Überwachungseinheiten steuert, die dem Film seine paranoide Stimmung geben. Hennicke muss gar nicht viel tun. Es reicht, dass er im Auto sitzt, Tonbandschnitte anhört und dabei Sonnenblumenkerne kaut – und schon haben wir Angst vor ihm und dem, was er vorhaben könnte. Es ist ein virtuoses Spiel mit den Bösewichter-Klischees der Filmgeschichte. Und das lässt genug Raum für den Verdacht, dass alles auch ganz anders sein könnte, als es scheint. Ein mutiger, schillernder, sehenswerter „Tatort“.
„Kaltstart“ am heutigen Sonntag (27. April 2014) in der ARD um 20.15 Uhr sowie auf EinsFestival 21.45 Uhr und noch einmal 23.45 Uhr








