Es sagt etwas über eine Straße, wenn sie einen Kosenamen hat. In diesem Fall kürzt man sie zwar nur ab – die wenigsten sagen „Oderberger Straße“, die meisten schlicht „die Oderberger“. Aber schon das lässt erkennen, dass ihre Bewohner und ihre Gäste ein besonderes Verhältnis zu ihr haben. Niemand in Prenzlauer Berg würde von der „Ryke“ oder der „Kollwitz“ sprechen, aber sehr viele treffen sich abends an der Oderberger. Und dafür gibt es gute Gründe. Sie liegen nicht nur darin, dass man es hier nett hat beim Bier, weil es viele Kneipen gibt und die Lage zwischen Schönhauser Allee, Kastanienallee und Mauerpark ungezählte Chancen bietet, auch nach diesem Bier noch seinen Spaß zu haben. Wie kaum eine andere Straße der Stadt erzählt diese von der Geschichte Berlins.

Genau davon handelt die kleine, sehr liebevolle TV-Dokumentation von Freya Klier und ihrer Tochter Nadja, die heute Abend ausgestrahlt wird. Zehn Jahre lang haben sie an der Oderberger gelebt und erzählen damit auch ein kleines Stück persönlicher Biografie – aber auf eine sympathische, stille Weise, die sich nicht in den Vordergrund drängt. Denn die Oderberger ist ja nicht zu verstehen ohne die Gründerzeitbauten, ohne die qualmenden Schornsteine, die Schlachtereien und Molkereien, die sie bis heute prägen. Wie durch ein Wunder blieben die Gebäude im Zweiten Weltkrieg fast unbeschädigt – und auch die Jahrzehnte unter sozialistischer Ägide konnten sie nur verwittern und vergilben lassen.

Magnet für Gegenwartskunst

Und so erfahren wir, von vielen immer noch dort lebenden Zeitzeugen sachkundig begleitet, wie das alte Stadtbild zunächst in morbidem Charme versank und dann zum Magneten für zeitgenössische Kunst wurde. Wir hören von dem deutsch-italienischen Künstler Donatello Losito, der aus dem Westen Menschen zur Flucht verhalf. Wir erfahren von der Aussichtsplattform, die auf der westlichen Seite aufgebaut war und den Menschen auf der Oderberger vor der Wende oft das Gefühl gab, Tiere in einem Zoo zu sein – ohne dass freilich die Touristen im Westen ahnten, dass sie ihrerseits aus einer konspirativen Wohnung von der Stasi fotografiert wurden.

Und natürlich hören wir auch von der persönlichen Lebensgeschichte von Mutter und Tochter Klier – davon also, wie und warum sie zusammen mit Stephan Krawczyk 1988 in den Westen abgeschoben wurden. Es ist ein Mosaikstein in einem sehenswerten, funkelnden Geschichtsgemälde.

rbb, heute, 21 Uhr.