ARD-“Tatort“

Wenn Maria Furtwängler mit Wurst beschenkt wird

Der Chauffeur des Fleischbarons wird erschossen. Der „Tatort“ führt Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) ganz tief in die Provinz Niedersachsens - und plötzlich bekommt sie auch Präsentkörbe.

Foto: NDR/Christine Schroeder

„Fleisch“, sagt der Fleischbaron in seinem fleischfinanzierten Auto, „mögen alle, und keiner mag den Schlachter.“ Er schaltet einen Gang nach oben. „Für mich ist Fleisch ein Genussmittel, so wie für andere Champagner oder gute Zigarren. Nur: Fleisch ist für alle da. Fleisch ist demokratisch.“

Er heißt Jan-Peter Landmann (Heino Ferch), beherrscht den niedersächsischen Schweinefleischmarkt, duzt den Innenminister und muss um sein Leben fürchten. Denn als er sich eines Abends nach Hause chauffieren lässt, da verdankt er es nur seiner Lust auf ein paar Minuten Vollgas, dass nun sein Chauffeur und nicht er selbst ein Einschussloch auf der Stirn hat.

Landmann hat viele Feinde, und das liegt am Fleisch. Alle wollen es essen: paniert, gepökelt, gesotten, gebraten und frittiert, als Dauerwurst und als Schnitzel, als Steak und als Aufstrich. Aber ein paar wenige ärgern sich über die Folgen, die das hat. Für die Tiere und das Land. Regisseur und Drehbuchautor Alexander Adolph führt es uns in idyllischen Einstellungen vor: Die Sonne streichelt die Halme, endlos breiten sich die Felder, eine Sau trottet durch den Heuschober.

Also bekommt Landmann Briefe mit Mordphantasien, geschrieben von Umweltschützern und Landwirten. Sie alle wollen sehen, wie er geschlachtet und zu Wurst verarbeitet wird, sie wollen ihn leiden sehen wie die Schweine, die in seinen Schlachthäusern sterben. In dieser engen Welt zwischen Mastanlagen und Empfängen des Bürgermeisters beginnt Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler) zu ermitteln, an ihrer Seite eine spröde Assistentin, die sich eigentlich um Verkehrssachen und geklaute Fahrräder kümmert.

Und diese Kommissarin Bär, gespielt von der wunderbaren Bibiana Beglau, ist das mit großem Abstand Beste an diesem „Tatort“, vom ersten Augenblick an: „Kommissarin Lindholm“, sagt Kommissarin Lindholm und blickt ihr direkt in die Augen. „O-kay“, sagt sie nur und weiter nichts, ihre Augen irrlichtern irgendwohin. Und dann kommen diese sozial peinigenden Schweigesekunden, die immer dann zu ertragen sind, wenn sich zwei Menschen so gar nicht miteinander verstehen. Ein paar Minuten später laufen die beiden auf freiem Feld nebeneinander her. „Was denken Sie?“, will Kommissarin Lindholm wissen. „Denken Sie überhaupt etwas?“

Lobeyhymnen auf Regisseur Alexander Adolph

Alexander Adolph hat 2012 einen „Tatort“ mit den Münchener Kommissaren Leitmayr und Batic gedreht, den viele zurecht für einen der besten der gesamten Serie gehalten haben. „Der tiefe Schlaf“ handelte von dem Mord an einem Kind und von der Zumutung, dass manche auch nur zufällig zu Tätern werden. Die Lobeshymnen, mit denen „Der tiefe Schlaf“ überschüttet wurde, scheinen für diese Folge nicht ohne Wirkung geblieben zu sein. Und man muss sagen: leider.

Kommissarin Lindholm sieht sich bald vom Fleischbaron umgarnt, der doch zugleich immer mehr vom Verfolgten zum Verdächtigen mutiert. War es wirklich so zufällig, dass der Chauffeur auf der Rückbank saß, als die tödlichen Schüsse abgegeben wurden? Welche Rolle spielt die neue Konservierungsmethode für Fleisch, die so auffällig beiläufig immer wieder erwähnt wird? Was ist das überhaupt für ein merkwürdiger Familienbetrieb, in dem alle leitenden Angestellten einander zu hassen scheinen?

Lindholm, die allein erziehende Mutter, bekommt Präsentkörbe und unerwünschte Upgrades für ihr Hotelzimmer. Plötzlich weiß der Fleischbaron sogar, wie ihr Sohn heißt. Sie reagiert auf eine spezifisch weibliche Weise: Sie weist den balzenden Herren zurück und legt mehr Parfüm für ihn auf.

Am Ende dreht sie fast durch, weil sie die Wahrheit nicht beweisen kann. Sie fiebert, fast deliriert sie – genau wie Kommissar Leitmayr im „Tiefen Schlaf“. Und was da noch kraftvoll und echt wirkte, hat jetzt nur noch den matten Glanz des Selbstzitats. So ist es mit vielem in diesem Krimi: Ganz gut, aber auch schon mal gesehen. Schade.

Tatort: Der sanfte Tod, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr