Fernsehpreis

„Unsere Mütter, unsere Väter“ - Ein Emmy für den Mut

Über diesen TV-Film sprach im letzten Jahr ganz Deutschland. Jetzt hat Nico Hofmanns Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ einen Fernseh-Oscar in New York gewonnen.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ heißt der Fernsehfilm, über den im Frühjahr 2013 ganz Deutschland diskutiert hat. Der Dreiteiler über die Erlebnisse von fünf jungen Freunden während des Zweiten Weltkriegs war in zahllosen Familien Anlass, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Nun ist das Werk des Produzenten Nico Hofmann mit dem „International Emmy“ ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung wurde am Montagabend bei einer Zeremonie in New York verliehen. Es ist die erste nicht-europäische Auszeichnung für den Film, der in Deutschland begeistert aufgenommen worden war, international aber auch Kritik bekam.

ZDF-Intendant Thomas Bellut sagte, die Auszeichnung sei „ein toller Erfolg“ für den Sender. Hauptdarsteller Tom Schillingen und Miriam Stein äußerten sich am Dienstag im ZDF-„Morgenmagazin“ überrascht: „So schlecht“, sagte Schilling, „ist das deutsche Fernsehen dann doch nicht.“ Sender in mehr als hundert Ländern hatten die Produktion gekauft. In vielen Ländern ist der Dreiteiler schon mit riesigem Erfolg in der Primetime gelaufen.

Der prominent besetzte Spielfilm (mit Katharina Schüttler, Ludwig Trepte und Volker Bruch) gilt als neuer Weg, im Fernsehen deutsche Vergangenheit zu schildern. In schonungslosen Bildern erzählt er die Geschichte von fünf jungen Berlinern im Zweiten Weltkrieg, von denen drei an die Front müssen. Im Sommer 1941 wollen sie noch einmal feiern, dann sagen sie sich hoffnungsvoll Lebewohl, denn „spätestens Weihnachten ist der Krieg vorbei“. Doch nicht alle überleben. Und die drei, die sich im Mai 1945 in ihrer alten Kneipe wieder treffen, sind Gezeichnete. Sie haben getötet, mit Tod, Angst und Hunger gelebt – und wurden zum Spielball ihrer bösen Zeit. Täter oder Opfer?

Aufarbeitung der Geschichte

Der Film zeigte Gräuel und Leiden des Krieges ebenso wie die moralischen Verwerfungen um den Nationalsozialismus. Ein heikles Unterfangen. Produziert wurde er von Nico Hofmann, der schon mit Filmen wie „Stauffenberg“, „Dresden“, „Die Flucht“ oder „Rommel“ gezeigt hatte, dass deutsche Geschichte auch zur besten Sendezeit erfolgreich erzählt werden kann. Das jetzt ausgezeichnete Werk nannte Hofmann damals „eine sensible, kritische Hommage an die Generation meiner Eltern, die nachdrücklich durch das Kriegsgeschehen geprägt wurde“. Regie führte Philipp Kadelbach, das Buch schrieb Stefan Kolditz.

Insgesamt hatten sich im März 2013 pro Abend rund sieben Millionen Zuschauer das Kriegsdrama angeschaut, den letzten Teil sahen sich 7,63 Millionen an. Das entspricht einem Marktanteil von 24,3 Prozent. Viele Medien nahmen die Ausstrahlung zum Anlass, den Zweiten Weltkrieg zum Thema zu machen – in Form historischer Aufarbeitungen, mit Zeitzeugenberichten, Debatten und Talkshows. Auch in vielen Familien wurde diskutiert. Nico Hofmann berichtete, er habe mit seinem damals 87-jährigen Vater nach dem Film tagelang – und zum ersten Mal – über das Thema gesprochen. Es geht um einen Abgrund deutscher Geschichte, über den die Beteiligten meist jahrzehntelang selbst im Familienkreis eisern geschwiegen haben – der Krieg der Wehrmacht gegen die Sowjetunion.

In Berlin, wo Teile des Films spielen, stieß der Film auf großes Interesse sowohl unter den Jüngeren als auch unter Zeitzeugen. Viele Leser der Berliner Morgenpost regte er dazu an, noch einmal die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Ihre Schilderungen aus dem kriegszerbombten Berlin, von Kindheiten zwischen Ruinen, ohne Väter und Großväter, verführt oder auch verfolgt von den Nationalsozialisten, ergaben ein bewegendes Bild der Berliner Vergangenheit. International gab es nach der Ausstrahlung aber auch viel Kritik.

Die polnischen Medien warfen den Machern des Films historische Ignoranz vor, es würden Stereotypen über Polen als Antisemiten verbreitet. Der polnische Botschafter in Berlin, Jerzy Marganski, sagte nach der Ausstrahlung, er sei ebenso wie viele seiner Landsleute „bestürzt“ über das darin vermittelte Bild der Polen und des polnischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Polen und Partisanen der „Heimatarmee“ (AK) würden als Antisemiten dargestellt, die sich kaum von den deutschen Nazis unterschieden, erklärte Marganski damals. Der Zuschauer erfahre nichts von der Hilfe polnischer Widerstandskämpfer für die Juden. Der Sender wies die Kritik zurück.

Kritik in den USA

Auch in den USA wurde der Film kritisch und zurückhaltend aufgenommen. Die Kinoversion unter dem Titel „Generation War“ wurde Anfang 2014 nur in wenigen Kinos gezeigt. „Die New York Times“ hielt dem Dreiteiler zwar zugute, er wolle das Verhältnis der jüngeren Generation zu deutschen Vergangenheit zu normalisieren. Jedoch ende dieser Versuch im Gegenteil, nämlich in Nostalgie und dem Plädoyer dafür, Vergangenes endlich vergangen sein zu lassen.

In Deutschland wurde der Film gleich mehrfach ausgezeichnet, so unter anderem mit dem Bayerischen Fernsehpreis für das Schauspieler-Ensemble und dem Deutschen Fernsehpreis und der die Goldenen Kamera. Beim Prix Europa wurde das Drama mit einer Auszeichnung als beste Miniserie geehrt, ebenso wie jetzt beim Emmy in New York.

Bei der Verleihung des Emmy setzte sich „Unsere Mütter, unsere Väter“ gegen „Alexander and Other Heroes“ aus Brasilien durch, gegen den BBC-Film „An Adventure in Space and Time“ sowie den japanischen Film „Radio“. Der Internationale Emmy ist ein Ableger des renommierten US-Fernsehpreises Emmy. Er wird vergeben für TV-Produktionen, die außerhalb der USA entstanden. Großbritannien gehörte mit sechs Nominierungen und drei Trophäen zu den großen Gewinnern der diesjährigen Verleihung. In den zehn Kategorien waren 40 TV-Produktionen aus 19 Ländern nominiert.