TV-Film

Drama über Sextäter - „Ein Mensch wird nicht böse geboren“

Catherine Flemming und Oliver Mommsen spielen im TV-Drama „Ein offener Käfig“. Darin wird der Umgang mit verurteilten Sexualstraftätern thematisiert. Wir sprachen mit ihnen über Schuld und Vergebung.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Berliner Morgenpost: Wenn man eine Rolle in so einem ernsthaften Film angeboten bekommt, überlegt man sich dann nicht zwei Mal, ob man da wirklich mitmachen will?

Catherine Flemming: Es ist für mich immer wieder ein Privileg Rollenangebote zu bekommen, für die ich recherchieren kann und dabei für meine Arbeit so viel lernen darf.

Was meinen Sie mit Privileg?

Flemming: Ich habe viel beobachtet und bin mit spannenden Menschen zusammen gekommen. Mein Blick für meine Umwelt wird immer wieder aufs Neue geschult.

Sie, Herr Mommsen, hatten auch keine Zweifel?

Oliver Mommsen: Der Regisseur wurde einmal gefragt: Warum haben Sie den Mommsen besetzt? Er überlegte kurz und sagte dann: Weil ich wusste, dass er diese Rolle spielen will.

Und damit hat er ins Schwarze getroffen?

Mommsen: Ich werde gerne in lustigen Filmen besetzt und man kennt mich aus dem Tatort. Diesmal spiele ich einen Normalo, der mit einem Problem konfrontiert wird, dass für ihn viel zu groß ist. Das bringt sein ganzes Leben durcheinander, aber er muss mit ganz normalen Mitteln damit klar kommen. Und hat keine Pistole, oder Dienstausweis zur Hilfe wie ein Tatortkommissar.

Wie viel Zeit hat man denn für eine umfangreiche Vorbereitung?

Mommsen: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal ist eine Produktion eine heiß gestrickte Geschichte, da musst du dich quasi über Nacht in eine Geschichte reinwühlen. Doch dieser Film war ein Projekt, das sehr gewissenhaft vorbereitet wurde. Wir hatten etwa einen Monat Zeit.

Flemming: Der Regisseur hat sich viel Zeit genommen, um mit seinem Team bei Leseproben und persönlichen Gesprächen offene Fragen zu klären.

Mommsen: Ja, Leseproben sind Gold wert. Und wir hatten sogar das Glück, dass der Autor dabei war. Manchmal war es sogar wie bei „Wünsch dir was“ und wir konnten Änderungen einbauen lassen.

Was wollten Sie denn verändern?

Mommsen: Ich hatte ein Problem mit meiner Figur. Robert Dühring hat immer nur reagiert, war niemals offensiv. Und das hat mich so genervt. Und ich glaube auch, dass man das als Zuschauer nicht sehen will. Ich habe mich immer gefragt, wo denn bloß sein Kampfgeist ist. Und um diesen Kampfgeist habe wiederum ich sehr gekämpft. Wenn ich das Gefühl habe, ich verstehe die Figur und das was sie tut, dann kann ich sie auch spielen.

Flemming: Das empfinde ich ebenso. Mir ist es wichtig, in meiner Arbeit glaubhaft und wahrhaftig zu sein

Aber kann man einen Sexualstraftäter wirklich verstehen? Herr Mommsen, hätten Sie sich vorstellen können, die Rolle von Martin Feifel zu übernehmen?

Mommsen: Das ist mein Beruf, ich kann mir erst mal alles vorstellen. Ob ich geeignet bin, das muss jemand anders entscheiden. Aber klar ist, dass man jede Rolle zu 150 Prozent im Film verteidigen muss, wenn man sie annimmt. Auch den Sexualstraftäter.

Und Sie, Frau Flemming? Können Sie einen solchen Mann verstehen?

Flemming: Ich habe immer das Gefühl, dass wir in unserer Gesellschaft zu schnell von Schuld reden. Im Film wird dargestellt, welche Einflüsse dazu führen können, dass Menschen sich in eine kriminelle Richtung entwickeln.

Und zwar?

Flemming: Die Vergewaltigungen, die er vollzieht, sind vielleicht auch Schreie nach der Mutter, die nie da war. Sein Vater kam damit nicht klar und er hat ihn geprügelt. Psychische Veränderungen sind da für mich eine logische Konsequenz. Dennoch stellen sich mir immer wieder neue Fragen.

Haben Sie Lösungen gefunden?

Flemming: Eher das Bewusstsein über die große Frage: Bekommt so ein Mensch, wenn er nach der Sicherheitsverwahrung wieder in die Gesellschaft kommt, eine Chance?

Mommsen: Ich sehe das ein bisschen anders. Die Psyche und Erfahrungen aus der Vergangenheit sind nicht die Antwort für alles, was ein Mensch tut.

Flemming: Stimmt, aber das ist ein wichtiger Aspekt, eine gewaltige und wichtige Ursache.

Aber wenn Sie mit dieser Erklärung einer vergewaltigten Frau gegenüber stehen: Meinen Sie, dass diese das nachvollziehen kann?

Flemming: Es ist klar, dass es niemals eine befriedigende Erklärung geben wird. Es gibt nur ein Verstehen und Begreifen wollen. Es ist nichts zu Entschuldigen. Aber: Ein Mensch wird nicht böse geboren.

Ist das die Aussage des Films?

Mommsen: Was ich an dem Film sehr schätze ist, dass er eben keine klare Antwort liefert. Das zentrale Thema ist doch, dass man in einem solchen Fall einen Menschen erst einmal ganz schnell verurteilt. Aber dann merkst du auch ganz schnell: Moment, so einfach ist das nicht. Der Film bringt dich zum Nachdenken.

Aber wollen Zuschauer über ein solches Thema wirklich nachdenken, wenn sie einen Spielfilm schauen?

Mommsen: Du kannst ein großes Thema anpacken, und trotzdem gleichzeitig eine spannende Geschichte erzählen und die Leute emotional fesseln. Ich glaube das schafft unser Film.

Frau Flemming, haben Sie Frauen kennengelernt, die vergewaltigt wurden? Und haben Sie als Frau nicht zunächst einmal mehr Empathie für die Opfer?

Flemming: Ich habe beide Seiten angesehen. Ich war dabei, als ein Täter und ein Opfer miteinander konfrontiert wurden.

Erzählen Sie uns davon?

Flemming: Für mich war das sehr spannend, weil Fragen gestellt wurden. Viele Fragen. Es wurde geschrien, geweint. Und es fand eine kleine Reflektion statt.

Aber hilft das Frauen, mit dem Thema abzuschließen?

Flemming: Eine solche Frau wird bis zum Ende ihres Lebens das Ganze nicht komplett verarbeiten können, sondern nur lernen, damit zu leben. Und meine Rolle hat die Chance, durch den Vorfall mit ihrem eigenen Schicksal noch einmal konfrontiert zu werden – und sich diesem zu stellen.

Und wie ist es Ihnen gelungen, das Gefühl einer solchen Frau glaubwürdig rüberzubringen?

Flemming: Vor schweren Szenen habe ich mir immer gedacht: Ich muss das jetzt einfach versuchen so rüberzubringen, wie ich es verstanden habe. Und was ich dabei gefühlt habe.

Wie schafft man es, nach einem Drehtag wieder eine angenehme Stimmung zu bekommen?

Mommsen: Da ist jeder anders. Ich denke immer darüber nach, ob ich wirklich mein Bestes gegeben habe. Manchmal bist du wahnsinnig unsicher.

Ich meinte jetzt eher auf der Gefühlsebene...

Mommsen: Ich hatte mal nach einer harmlosen Liebesszene echten Liebeskummer, weil ich mich so emotional in die Situation eingelassen habe. Da war ich richtig verknallt.

Haben Sie ein Geheimrezept, wie Sie persönlich da wieder heraus kommen?

Mommsen: Indem ich in mich reinhöre und meine Phantomschmerzen ernst nehme. Manchmal hilft ein Spaziergang, manchmal starre ich einfach Löcher in die Luft. Ein Gespräch mit meiner Frau kann helfen, oder beim Sport richtig auspowern, die Jungs treffen. Das kommt ganz drauf an wie sehr dir so ein Drehtag eingefahren ist.

Flemming: Ich schlafe nach harten Drehtagen oft wie ein Baby, weil ich so fertig bin, so erschöpft. Und weil mich die Szenen oft bis aufs äußerste fordern.

Mommsen: Und wenn man sich zu sehr in etwas hineinsteigert, dann ist man auch manchmal froh, wenn jemand sagt: Hallo, das ist nur ein Film hier! Wir arbeiten mit Emotionen und veräppeln dabei oftmals unser eigenes Gefühlsleben enorm.

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