Um es gleich zu sagen: Die Kanzlerin hatte auf Mailbox geschaltet. CDU-Politiker Wolfgang Bosbach hatte sich beim Prominenten-Special von „Wer wird Millionär?“ (RTL) am Montagabend bis zur 500.000-Euro-Frage hochgeraten.
Er hatte sich zurechtgelegt, warum man einen Hamster am besten nachmittags kauft und sich von einem Mann aus dem Publikum erklären lassen, dass eine Flinte zumindest dem Namen nach einen Feuerstein enthalte. Dann kam die Sache mit der Waschmaschine, und es wurde schwierig.
Denn, so lautete die „Frage mit DDR-Bezug“, die RTL schon zuvor geheimniskrämerisch geraunt hatte, um der Sendung Aufmerksamkeit zu sichern: „Die DDR-Kult-Waschmaschine ‚WM 66’ ist unter anderem dafür legendär, dass viele Besitzer mit dem Gerät auch ... a) Heizstrom erzeugten b) Obst einkochten c) Staub saugten d) Westradio empfingen“.
Bosbach, 1952 im DDR-fernen Bergisch Gladbach geboren, hatte natürlich keine Ahnung. Er könne ja mal die Kanzlerin anrufen, sagte er. Dann geschah folgendes: Jauch baute sich mit Mikrofon neben Bosbach auf, der mit seinem eilig herbeigeschafften und laut gestellten Handy tatsächlich Kanzlerin Angela Merkel anrief oder wie Bosbach es sagt: „die Angela“. Mailbox.
Bosbach blätterte im Telefonbuch
Die ersten Ziffern von Frau Merkels Nummer tönten noch ins Mikro, bevor Jauch es wegziehen konnte. Aber sie ging nicht ran. Auch beim zweiten Versuch nicht.
Eigentlich hätte es klar sein müssen, dass RTL mit Merkel-als-möglicher-Telefonjoker nur die Quote an einem lauen Sommerabend hochgeigen wollte. Aber witzig und unterhaltsam war es dann schon, wie Bosbach stattdessen ZDF-Moderatorin Maybrit Illner anrief, die in Ost-Berlin zur Welt kam. Doch sie hatte keinen Schimmer.
Bosbach gab auf. Aber immerhin erspielte der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag 125.000 Euro, die er auf mehrere soziale Projekte verteilte.
Die richtige Antwort lautete übrigens: b) Obst einkochen.
„Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich ihr einen Gefallen getan hätte, wenn sie ans Telefon gegangen wäre“, sagte Bosbach am Dienstag. „Vielleicht hätte sie mir auch verbal den Hosenboden strammgezogen, wenn sie mir gesagt hätte: „Jetzt komm mir nicht mit einer Frage bei ‚Wer wird Millionär?‘, ich muss gerade darüber verhandeln, wie es in Europa weitergeht“.“
Bosbach hat Merkel seit der Aufzeichnung noch nicht getroffen, wie er weiter sagte. „Ich weiß auch gar nicht, ob sie die Antwort überhaupt gewusst hätte.“
Offenbar schickte Merkel aber noch eine SMS, in der sie fragte, worum es denn gegangen sei. Bosbach schrieb zurück, es habe sich schon erledigt.
Hartmann und der linke Hoden
Bei Kandidat Waldemar Hartmann, mit dem es begann, erinnerte Jauch süffisant an jene peinliche Situation im November 2013, als Hartmann der Joker war. Welche Fußballmannschaft, wollte Jauch wissen, konnte im Laufe von 19 Weltmeisterschaften keinen Titel im eigenen Land erringen? Hartmann legte sich selbstgewiss und völlig falsch auf Deutschland fest und fügte peinlicherweise an, das könne man in seinem Buch nachlesen. Es war ein totaler Blackout des Fußballexperten.
Diesmal lief es besser. Hartmann wusste vieles, manchmal mit Hilfe des Publikums: Dass beim Mann der linke Hoden etwas tiefer hängt als der rechte oder dass sich der Name der Arbeitsministerin auf ihr Ressort reimt (Andrea Nahles - Bundesministerin für Arbeit und Soziales). 125.000 Euro waren es bei ihm am Ende.
Auch der immer etwas entrückt wirkende Christoph Daum und die dauerhaft fröhlich in die Sendung schnatternde Millionärsgattin Carmen Geiss samt Ehemann Robert erspielten Geld für gute Zwecke.
Doch die Sieger des Abends saßen nicht nur in wohltätigen Einrichtungen. Sie saßen auch in der Pressestelle von RTL. Die Sendung erzielte mit diesem PR-Coup schließlich eine Rekordquote von 7,7 Millionen Zuschauern.



