Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst von Thomas Piketty. Eigentlich ist es ja bei Höchststrafe verboten, Texte noch mit einer Erster-Satz-Paraphrase des Kommunistischen Manifestes zu beginnen, aber in diesem Fall scheint es wirklich berechtigt. Denn der französische, an der Paris School of Economics lehrende Ökonom Thomas Piketty hat ein dickes Buch geschrieben, das derzeit weit über das Feuilleton hinaus die wirtschaftliche Debatte beherrscht. „Capital in the 21st Century“ stellt, kurz gesagt, auf seinen 621 nun auf Englisch vorliegenden Seiten dem Kapitalismus ein so düsteres Zeugnis aus, wie wir es seit Marx und Engels nicht mehr gelesen haben. Es stellt die These auf, dass im Kapitalismus nur die Schicht der Superreichen gewinnt, während der Rest der Gesellschaften fast zwangsläufig verliert.

Das haben andere Kapitalismuskritiker auch schon gesagt, aber Piketty versucht das mit einer Unmenge an Daten aus über 30 Ländern zu belegen – und sein pointierter, unterhaltsamer Stil hat sicher nicht minder zum Erfolg des Buches beigetragen. Die Runde bei Anne Will versuchte, seine Befunde auf Deutschland anzuwenden und zu überprüfen. Rainer Hank, der angenehm temperamentvolle Wirtschaftschef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, knöpfte sich sogleich Pikettys Kritik daran vor, dass im modernen Kapitalismus das Leistungsprinzip eine viel zu nachgeordnete Rolle spiele und Geburt und Erbschaft im wesentlichen die soziale Schichtzugehörigkeit bestimmten. Hank gab zu bedenken, dass gerade die Erfahrung von Ungleichheit eine entscheidende Triebfeder kapitalistischen Handelns und Denkens sei – und Leistung mithin erst durch sie entstehe.

Amerikas Weg in den Kollaps

Giacomo Corneo, Finanzwissenschaftler an der FU Berlin, konnte Pikettys Werk neben der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping sicherlich am meisten Sympathie entgegenbringen. Es sei leichtsinnig, sagte Corneo, „das herunterzuspielen, was im Gange ist“: nämlich tatsächlich eine Verschärfung der Ungleichheit in den kapitalistischen Systemen. Das ließe sich nicht nur an Statistiken, sondern auch an Amerika studieren, wo dieses Phänomen schließlich in den Kollaps geführt habe. „Ein Wesensmerkmal der Aristokratie“, sekundierte Kipping, „ist es, dass man ganz stark angewiesen ist auf die Gnade der späten Geburt“, und forderte eine Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 53 Prozent.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Steffen Kampeter, Staatssekretär in Wolfgang Schäubles Finanzministerium, die Schwarzmalerei für die deutschen Verhältnisse nicht allzu gern gelten lassen wollte. Er wies auf die besondere, rheinisch geprägte Version des Kapitalismus hin, die hierzulande praktiziert werde und eine starke fürsorgliche Komponente habe: „Jeder zweite Euro wird in Soziales investiert“. Insofern sei Deutschland weder eine gute Zielscheibe für Pikettys Kritik noch sein sozialer Frieden sonderlich gefährdet. Hank immerhin sah ein Problem darin, wie die Deutschen mit ihrem Wohlstand umgehen: Sie stecken ihr Geld zum Beispiel lieber in Lebensversicherungen, statt in Immobilien zu investieren. „Sie sparen wie die Weltmeister, aber sie sparen falsch“, zitierte er Piketty und gab ihm Recht – in diesem Punkt.

Die Sache mit dem „Rentenquatsch“

Die Diskussion kreiste in der zweiten Hälfte um zwei praktische Fragen. Anne Will wollte erstens wissen, warum Kapitalerträge in Deutschland pauschal mit 25 Prozent, Löhne aber progressiv bis zum Spitzensteuersatz von 47,5 Prozent besteuert werden. Dass hierin eine strukturelle Ungerechtigkeit liegt, wollte in der Runde niemand wirklich bestreiten - mit Ausnahme Kampeters, der dafür freilich auch kein Argument, sondern nur eine These im Köcher hatte (“Eine stärkere steuerliche Belastung von Kapitalerträgen ist falsch“).

Zweitens ging es um das derzeit häufig debattierte Problem, wie die sogenannte „kalte Progression“ in den Griff zu bekommen ist – also die unangenehme Situation, dass der Staat und nicht der werktätige Mensch im steigenden Maße von Lohnerhöhungen profitiert. Dass dies gestoppt werden muss, darin waren sich alle in der Runde einig. In der Frage, ob das auch bezahlt werden kann, nicht. „Wenn Sie diesen Rentenquatsch gelassen hätten, dann wäre jetzt Geld dafür übrig“, entfuhr es Hank in Richtung Kampeters. Der war dafür nun vielleicht der falsche Ansprechpartner, denn das neue Rentenpaket ist ja vor allem auf Betreiben der Sozialdemokraten entstanden. Aber so ist das nun einmal in Großen Koalitionen, so ist es immer schon gewesen: Man muss sich manchmal für Kompromisse rechtfertigen, die der eigenen Partei fast wesensfremd sind. Das Unbehagen daran war Steffen Kampeter manchmal deutlich anzumerken.