TV-Politthriller

„Die Spiegel-Affäre“ zeigt das Duell von Augstein und Strauß

„Die Spiegel-Affäre“ feiert seine beiden Hauptcharaktere Franz Josef Strauß und Rudolf Augstein. Doch historisch stimmt nicht alles. Warum der Film von Roland Suso Richter trotzdem sehenswert ist.

Die beiden haben nur ein paar Dinge gemeinsam. Sie sind sehr intelligent. Sie sind sehr ehrgeizig. Und sie sind sehr hinter den Frauen her. Das war es auch schon. Der Rest ist Gegensatz. Und diesen Gegensatz feiert Regisseur Roland Suso Richter in seinem Politthriller „Die Spiegel-Affäre“.

Da ist dieser große, schwere Mann, der unbedingt Kanzler werden will. Franz Josef Strauß, der Verteidigungsminister, der Kraftbolzen, der bayerische Keiler. Verglichen mit ihm ist der heutige CSU-Chef Horst Seehofer ein Milchbubi. Wenn Strauß in Hamburg ist, will er lieber auf die Reeperbahn, als mit Journalisten sprechen. Er poltert durch sein Ministerium, brüllt in Telefone. Und er trinkt viel Bier, gierig, in großen Schlucken. In den Mann passt einiges rein. Strauß ist Strauß, dachte man, den kann man nicht spielen. Doch das stimmt nicht. Francis Fulton-Smith kann es. Und wie. Er spielt Strauß so, dass man ihm nicht begegnen möchte.

Mit runtergelassenen Hosen erwischt

Sein Gegner ist dieser eigenwillige, selbstverliebte, bubihafte Intellektuelle Rudolf Augstein. Wenn er im Gefängnis sitzt und hört, wie hoch seine Kaution ist, guckt er ein bisschen irre und freut sich: „Eine Million? Wusste gar nicht, dass ich so viel wert bin.“ Seinen Mitstreiter Conrad Ahlers nennt er schnippisch den „schönen Conny“. Seine Frau erwischt ihn schon mal mit runtergelassenen Hosen im Büro. Augstein wird von Theaterschauspieler Sebastian Rudolph verkörpert, der diesem ambivalenten Charakter eine gute Mischung aus Charme und Lausbubentum mitgibt.

Diese beiden Egomanen prallen also direkt aufeinander. Es ist auch das Duell zweier Unsympathen. An einer Stelle sagt Verlagsleiter Hans Detlev Becker zu Augsteins Bruder Josef: „Die Leute halten Rudolf für genau den selbstherrlichen Zyniker, der er nun mal ist. Aber sie halten eben auch Strauß für den selbstherrlichen Intriganten, der er nun mal ist.“

„Radioaktiver Mundgeruch“ der Sowjets

Das Duell beginnt 1957. Strauß besucht abends den „Spiegel“-Chef in dessen Haus, wobei er sofort Augsteins Frau Katharina schöne Augen macht, wie man damals gesagt hätte. Der Bier trinkende Verteidigungsminister palavert im breitesten Bayerisch vom „radioaktiven Mundgeruch“ der Sowjets und vom „preemptive strike“ – lieber will er selber Atombomben abschießen, als von denen des Kreml ausgelöscht zu werden. Augstein provoziert ihn, schließlich rastet Strauß aus, steht auf, taumelt, kippt mit dem Sessel um. Augstein sagt süffisant: „Ich bring’ Sie, glaub’ ich, noch zur Tür, Herr Strauß.“

Nach dieser Begegnung hält Strauß den „Spiegel“-Chef für „einen Deufel, von Moskau gesteuert“. Und Augstein gibt in der Redaktionskonferenz die Parole aus: „Wir müssen mit allen Mitteln verhindern, dass dieser Mann Kanzler wird.“ Zunächst haben beide Seiten Spaß an den Keilereien. Doch irgendwann eskaliert das Duell.

Der historische Hintergrund ist der Bau der Berliner Mauer 1961 und die Kuba-Krise 1962. Wir stehen vor dem Dritten Weltkrieg, dachten viele Menschen. Damals ging es auch um die Frage: Braucht die Bundesrepublik Atomwaffen? Ja, sagte Strauß. Nein, sagte Augstein.

Im Oktober 1962 druckt der „Spiegel“ einen Artikel mit der Überschrift „Bedingt abwehrbereit“. Augstein überfliegt ihn nur, weil er so langweilig ist. Strauß kann sich darüber nicht aufregen, das Ganze sei „so spannend wie das Telefonbuch von Bad Tölz“.

Der Vorwurf lautet Landesverrat

Doch dann bekommt Strauß einen Tipp: Der Artikel ist so detailliert, dem „Spiegel“ müssen gemeine Dokumente vorgelegen haben – das ist Landesverrat. Schließlich werden die Redaktionsräume durchsucht, ein paar Redakteure, auch Augstein, landen im Gefängnis.

Die „Spiegel-Affäre“ gehört zur DNA der Bundesrepublik. Bis heute gilt sie als Meilenstein, weil die Pressefreiheit, also ein Standbein der Demokratie, auch mithilfe von Demonstranten in Hamburg in Bonn, über die Staatsmacht triumphierte. Der Film zeigt einen elementaren Konflikt der jungen Bundesrepublik.

Historisch stimmt einiges nicht. „Quark“ und „Blödsinn“, schreibt Augstein-Tochter Franziska, geboren 1964, in der „Süddeutschen Zeitung“. Der Film hat mit der wirklichen Affäre um den „Spiegel“ lediglich am Rande zu tun, so ihr Resümee. Sie kritisiert die Konzentration auf das Duell zwischen Strauß und Augstein. Das eigentliche Drama, so Franziska Augstein, spielte sich „im Bundestag ab sowie zwischen dem ,Spiegel’ und der Bundesanwaltschaft“.

Augstein schrieb nie auf der Schreibmaschine

Auch Kleinigkeiten passen nicht: Conrad Ahlers, der Autor des Artikels „Bedingt abwehrbereit“, wohnte damals nicht in Bonn, sondern in Hamburg. Und Augstein, so die Tochter, hat nie auf der Schreibmaschine geschrieben, sondern „von Hand“.

Ein Film, der ausdrücklich keine Dokumentation ist, darf zuspitzen. Die Filmemacher wollten wahrscheinlich lieber einen unterhaltsamen Politthriller drehen, anstatt einen fast schon ermüdenden, bis ins kleinste Detail originalgetreuen Historienfilm wie Steven Spielberg mit „Lincoln“. Ärgerlich sind die vielen Fehler in der „Spiegel-Affäre“ dennoch. Weil der Zuschauer denkt: Das ist so gewesen.

Zigarettenqualm- und Paternoster-Nostalgie

Und doch lohnt es sich, die „Spiegel-Affäre“ anzuschauen. Aus mindestens drei Gründen. Erstens: die Schauspieler. Auch die Nebenrollen sind kraftvoll besetzt, etwa mit Johann von Bülow als Augstein-Vertrauter Hans Detlev Becker, David Rott als Conrad Ahlers, und mit Alexander Held als dem zweifelnden Bundesanwalt Siegfried Buback. Wohltuend auch, dass die immergleichen deutschen Schauspieler Heino Ferch oder Veronica Ferres nicht dabei sein.

Zweitens: das Interieur. Der Zuschauer findet sich zwar im verrauchten Ambiente alter Redaktionsstuben wieder. Doch das hat nichts mit der Nostalgie der „Mad Men“ zu tun, der glamourösen US-Serie, die die Werbemenschen der 60er-Jahre in New York feiert. In der „Spiegel-Affäre“ sind die Büros dunkel, die Fenster mit muffigen Gardinen verhangen. Stilvoll sind höchstens der Bungalow von Strauß und die Horn-Brille von Augstein. Der leuchtende US-Präsident John F. Kennedy ist weit weg. Er taucht nur ab und zu im Fernsehen auf.

Wie bei den „Lümmeln von der letzten Bank“

Und drittens: Der Film macht auch Spaß, weil er manches subtil erzählt. Besonders die Rolle des alten Kanzlers Konrad Adenauer (Otto Mellies), der in aller Ruhe Rosen schneidet und mit seinem Kanzleramtschef Hans Globke die Geschehnisse aus dem Hintergrund beeinflusst. Adenauer gibt Strauß freie Hand, um ihm am Ende fallen zu lassen. So entledigte sich der Alte des lästigen potenziellen Nachfolgers. (Die große Koalitionskrise zwischen Union und FDP, die nach der Affäre um den „Spiegel“ folgte, wird übrigens nicht erzählt.)

Umso unbeholfener wirkt es, wenn diese Subtilität untergraben wird. Zum Beispiel in der Schlussszene: Augstein, gerade aus dem Gefängnis entlassen, geht mit einigen seiner Redakteure einen trinken, und die Männer springen in die Luft und schlagen die Hacken zusammen. Als wären sie die Jungs in „Das fliegende Klassenzimmer“ oder die „Lümmel von der letzten Bank“.

Arte, am heutigen 2. Mai um 20.15 Uhr, und am 7. Mai in der ARD (20.15 Uhr).