„Maischberger“

Warum Einbrecher in Deutschland oft ungeschoren davonkommen

Wenn Bürger selbst auf Patrouille gehen müssen: Die Runde bei Sandra Maischberger diskutierte, wer sich Sicherheit überhaupt noch leisten kann. Ein Kriminalbeamter gab ein paar freundliche Tipps.

Foto: hg cul / picture alliance / dpa

Sandra Maischbergers Redaktion hatte ein Thema ausgesucht, das die Millionen vom Champions-League-Spiel der Bayern sehr müde gewordenen Zuschauer in der ARD am Dienstagabend wieder aufwecken sollte: „Vorsicht Einbrecher – Opfer schlagen zurück“ verkündete sie am späten Abend, und massentauglicher ging es kaum. Denn wer nicht selbst in den vergangenen Jahren Opfer von Einbrechern war, kennt wohl zumindest mehrere, deren Wohnung oder Haus leergeräumt wurde.

Geschichten, die alltäglich und allnächtlich geworden sind – und von denen doch jede einzelne unglaublich klingt. Etwa die von den Einbrechern, die nachts so leise alle Räume durchsuchten, dass die Bestohlenen ruhig weiterschliefen. Von den Einbrechern, die über den Balkon im dritten Stock kamen. Von dem Einbrecher, der sich unterm Bett versteckte und dort auch noch lag, als die Polizei kam.

Herrschaft der Anekdote

Sich nicht mehr sicher in der eigenen Wohnung zu fühlen, über einen Umzug nachzudenken, zu fürchten, dass man tagelang ausspioniert wurde, sich zu fragen, ob der oder die Täter zurückkehren werden – viele Betroffene brauchen lange, um über das Geschehene hinwegzukommen. Und doch sind diese Geschichten genauso spannend zu erzählen wie anzuhören – für Sandra Maischbergers Talkrunde Segen und Fluch zugleich. Ziel ihrer Sendung war es zu klären, wie weit der Bürger gehen darf, um sich, seine Familie und sein Eigentum zu schützen. Doch über weite Strecken geriet Maischbergers Talk anekdotisch.

Yvonne Richter aus Leipzig schlief, als der Einbrecher kam. Sie merkte nichts, am nächsten Morgen stand die Wohnungstür einen Spalt offen, ihre Tasche war verschwunden – und um 4.51 Uhr hatte der Täter schon die ersten 1000 Euro von ihrem Konto abgehoben. In den nächsten Tagen konnte sie verfolgen, wie mit ihren Karten Smartphones gekauft, Ratenkäufe getätigt wurden. Doch bei der Polizei war der zuständige Beamte stets krank oder im Urlaub.

Der Polizei war es fast egal

Also machte sie sich selbst auf den Weg, besuchte die Geschäfte, in denen der Täter eingekauft hatte. An einer Tankstelle händigte man ihr das Videoband aus, auf dem der mutmaßliche Einbrecher und eine Komplizin zu sehen waren. Doch auch als sie mit dem Überwachungsvideo zur Polizei ging, interessierte das nicht sonderlich. Also vervielfältigte sie Bilder aus dem Video, verteilte sie im Freundeskreis.

Nach wenigen Tagen entdeckte ein Bekannter von Yvonne Richter das Paar auf der Straße. Richter verfolgte die beiden bis zu deren Wohnung. 21 Tage nach dem Einbruch hatte sie die Täter selbst ermittelt. Doch die gerufene Polizei nahm das Paar zunächst nicht fest, weil offensichtlich keine Fluchtgefahr bestand.

Duell mit Pfefferspray und Kuhfuß

Dirk Timm fing den Mann, der neunmal in seinen Reiterhof in Norderstedt eingebrochen war. Im Zweikampf schlug er den Täter mit dessen Einbruchswerkzeug, einem Kuhfuß nieder, nachdem er selbst zuvor niedergeschlagen und mit Pfefferspray besprüht worden war. Daraufhin sah er sich selbst einem Ermittlungsverfahren ausgesetzt. „Wäre ich nicht zuerst niedergeschlagen worden, hätte ich ein Problem gehabt“, sagte Timm.

Gertrud Blum und ihr Partner lagen im Bett, als sie Glas splittern hörten. Sekunden später standen zwei Maskierte im Schlafzimmer. Sie schlugen und fesselten ihre Opfer die beiden mussten den Tresor öffnen und werden in den Keller gesperrt. Das war im Juli 2013. Jetzt, neun Monate später, teilt die Polizei ihnen mit, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde.

Ermittlungen finden nicht statt

Drei Straftaten, drei Armutszeugnisse für die Polizei. Fast alle der geladenen Opfer haben das Vertrauen in die Ermittler verloren. André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, machte auch keinen Hehl daraus, dass die Polizei bei Einbrüchen meist machtlos ist. „Beileidsbesuch“ – so nennen die Beamten selbst ihre Kurzauftritt bei Einbruchsopfern. Wenn keine Spuren zu sichern sind, wird den Opfern von den Polizisten pflichtschuldigst kondoliert. Mit Ermittlungen haben sie nicht zu rechnen.

Doch den schwarzen Peter reichte Schulz weiter an die Politik: „Wir haben keine leistungsfähige Struktur mehr in diesem Bereich“, sagte er und warnte davor, in Flächenländern wie Brandenburg durch Abbau von Stellen bei der Polizei die Bürger sich selbst zu überlassen. Es gebe mehr Mitarbeiter im privaten Sicherheitsbereich als bei der Polizei, so Schulz.

Falscher Gast zur falschen Zeit

Es folgte der Auftritt des zugeschalteten Innenministers von Baden-Württemberg, Reinhold Gall (SPD). Er durfte reden, weil eines der Einbruchsopfer in seinem Bundesland wohnt und nach einer Einbruchserie einen privaten Sicherheitsdienst durch die Ortschaft Tiefenbronn patrouillieren lässt. Nach den vielen Geschichten von Betroffenen wollte Maischberger nun problematisieren. Die Frage der Selbstjustiz. Die schwindende Macht des Staates. Sicherheit nur noch für Reiche.

Doch Gall war der falsche Gast zur falschen Zeit, er wich aus, zerfaserte den Talk endgültig, indem er über das vergleichsweise sichere Baden-Württemberg redete und darüber, dass in seinem Bundesland keine Polizeikräfte eingespart würden. Maischberger beharrte, wollte den größeren Rahmen schaffen. Doch das misslang.

Schnell eingeschoben wurde noch der tragische Tod des deutschen Austauschschülers in Montana. Einigkeit in der Runde: Amerikanische Verhältnisse, die Schüsse auf Eindringlinge legitimieren, will keiner. So blieben ein paar Tipps vom Kriminalbeamten („Fenster und Türen sichern“) und das flaue Gefühl: Einbrecher müssen sich keine allzu großen Gedanken darüber machen, wie es sich anfühlt, im Gefängnis zu sitzen.