Normalerweise straft ZDF-Moderator Markus Lanz vage Aussagen von Studiogästen gnadenlos ab. Beim früheren SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert aber blieb er freundlich und verzieh ihm mit Ironie. „Sie haben mich damals kalt angelogen!“ rief der Moderator lachend am Donnerstag in seiner Talkrunde im ZDF dem Hauptgast entgegen.
Am 7. Oktober 2024 hatte Kühnert seinen Rücktritt erklärt. Vier Tage vorher war er noch von Lanz nach einem möglichen Rücktritt gefragt worden. Und hatte herumgedruckst, obwohl der Rücktritt für ihn schon fest stand: Er klebe nicht am Sessel, ein Rücktritt sei kein „unorthodoxes Verhalten“. Im Rückblick sagte Kühnert, dass Lanz ihn „da ein bissle erwischt“ habe. Kevin Kühnert war früher Juso-Vorsitzender, dann Generalsekretär seiner Partei und wegen seiner Beredtheit auch Talkshow-König, einer der am meisten eingeladenen Gäste. Warum der Rückzug eines politischen Talents?
Söders Stil ist nicht Kühnerts Ding
Bevor in der Sendung das Motiv enthüllt wurde, ging es um den Politikstil von CSU-Chef Markus Söder. Schon dessen Erörterung ließ den Frust von Kühnert über den Politikbetrieb erahnen. Über Söder hatte Kühnert einen kritisch-respektvollen Artikel im „Rolling Stone“ geschrieben. Die Selbstinszenierung ist ein Markenzeichen von Söder. Der mache aus seinem Herzen keine Mördergrube, er versuche „den Alltag in die Politik“ zu kriegen, bemerkte die Journalistin Kerstin Münstermann („Rheinische Post“). Politikerinnen wie Heidi Reichinnek seien auf Social Media – auftretend wie Jeanne d‘Arc auf den Barrikaden – zum Star geworden. Man müsse als Politiker heute „ein Influencer“ sein, meinte auch der Politologe Peter Neumann.
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Kevin Kühnert erklärte das Phänomen Söder so: Je komplizierter die Weltlage werde, desto einfacher wolle es das Volk: „Söder hat das intuitiv verstanden. Wir als Politiker denken in Kategorien von Gesetzen, Verordnungen und Zehn-Punkte-Programmen. Aber damit wirkt man nicht auf dem Marktplatz.“ Der Zuhörer dort frage sich, wie fühle er sich beim Auftritt des redenden Politikers. Und bei Söder – im Trachtenjanker, Würste essend – muss die Emotion mutmaßlich positiv sein.
Dabei fand Kühnert sogar lobende Worte für den CSU-Chef. Der habe „eine gute Beobachtungsgabe“ und erreiche die Leute. Selbst Lanz ist baff. „So weit ist es jetzt gekommen, dass Kevin Kühnert Markus Söder lobt?“, fragt er. „Nein, ist es nicht. Es ist ein Anerkennen, dass jemand versucht, eine Reaktion zu erreichen. Das ist das, was mir damals nicht möglich gewesen ist“, erklärt Kühnert.
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Nur Fehlerfreiheit im Amt – das war zu wenig
War es jetzt Erschöpfung oder das Wissen von Aussichtslosigkeit seiner Arbeit, die ihn zum Rückzug führte, wollte Lanz dann wissen. Vier Wochen später platzte ja die Ampel-Regierung. Seine eigene Wirksamkeit habe abgenommen, sein „Impact und sein Einfluß“ sei weniger geworden, sagte Kühnert. „Ich habe mich persönlich in einer Sackgasse empfunden.“ Das habe auch für sein Parteiamt gegolten.
Da nur „Fehlerfreiheit“ zu betreiben, das sei ihm zu wenig gewesen. Er habe sich gefragt, ob er mit den Themen, die ihn antrieben, im Politikbetrieb noch an der richtigen Stelle sei. Es sei so, wie wenn jemand eine Sportart gelernt habe, die übe man 20 Jahre aus, fast wie ein Profi: „Und dann werden radikal die Spielregeln verändert.“ Alle Tricks und Verhaltensweisen, die man sich erarbeitet habe, seien nichts mehr wert. „Jetzt geht es nur noch um die emotionale Aufladung von Einzelnen.“
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„Herr Kühnert, unsere Fußgängerzone!“
Die Veränderung hat Kühnert auch in den Gesprächen mit Bürgern „vor Ort“ erlebt. Man gehe da hin, beispielsweise mit Zahlen und Quoten über die Belegung von Wohnungen oder Kitas durch Flüchtlinge im Kopf. Aber das wollten die Leute gar nicht wissen. „Hundertmal habe ich als allererstes gehört: Herr Kühnert, in unserer Fußgängerzone war es früher schöner. Heute sind da nur noch Döner-Läden, Shisha-Bars und Ein-Euro-Läden.“ Dies sei ein Dilemma der Politik, meinte Kühnert: Dass ein „diffuses Gefühl“ bestehe, die Politik müsse etwas besser machen, was bei näherer Betrachtung aber ein Fall von Wandel sei. Dass in den Innenstädten Läden leer stünden und die Gaststätten keine Königsberger Klopse mehr servierten, das sei doch eine Frage der Marktentwicklung und nicht der Verfassung.
Für seine offenen Worte war Kühnert bekannt. Als er im „Spiegel“ – auch kurz vor dem Rücktritt – über homophobe Sprüche von muslimischen Männergruppen in seinem Kiez Tempelhof-Schöneberg klagte, da war ihm Rassismus vorgeworfen worden. Lanz wollte nun wissen, ob er diese Aussagen auch als noch aktiv wirkender Politiker getätigt hätte. Vermutlich nicht, antwortete Kühnert, aber aus einem einzigen Grund: Das sei zwar sein Thema, und er könne es auch „durchargumentieren“: „Aber wenn man voll im politischen Betrieb ist, überlegt man sich: Will ich jetzt noch fünf Wochen lang Stress mit diesem Thema haben?“
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Zwei Monate lang durch Alpen gewandert
Nach seinem Rückzug hat Kühnert zwei Monate lang allein die Alpen zu Fuß überquert, von Wien zum Bodensee. Jetzt arbeitet er für die von Gerhard Schick gegründete Nichtregierungsorganisation Finanzwende, die der Finanzlobby auf die Finger schaut und für einen fairen und nachhaltigen Finanzmarkt eintritt. Ob er da nicht mal mit Olaf Scholz wegen der Cum-Ex-Affäre zu tun bekomme, fragte Markus Lanz. „Ich schone Parteifreunde nicht“, sagte Kühnert. Finanzwende sei aber keine Ermittlungsbehörde und Cum-Ex sei nicht sein Aufgabengebiet.

Um die globale Finanzlobby ging es am Rande auch bei einem USA-Exkurs in der Sendung. Peter Neumann beschrieb drastisch die neue Sicherheitsstrategie der USA, die ein Scheidungspapier zu Europa bedeute. In einer geleakten Version des Entwurfs sei sogar die Herauslösung von Österreich, Italien, Ungarn und Polen aus der EU erwogen worden.
Geschildert wurde die enge Beziehung der Trump'schen Regierung zur AfD, die als Informantin in Washington auftritt und als befreundet gilt. Aber was würde ein AfD-Verbot in Deutschland in den USA für eine Wirkung entfalten, wollte Lanz wissen.
Neumann entwarf ein Schreckensszenario: Washington könnte mit Sanktionen, Strafzöllen und der Behinderung der Kommunikation reagieren. „Ich möchte gar nicht darüber sprechen, damit sie nicht noch auf mehr kommen.“ Besonders gefährlich wäre das Kappen von US-Geheimdienstinformationen. 80 Prozent aller Anschläge hierzulande würden verhindert aufgrund solcher Informationen.
Für Kühnert geht es in den USA um Macht- und Finanzinteressen. Gemeinsam mit Oligarchen von Musk, über Zuckerberg bis Bezos, solle ein libertärer Staat durchgesetzt werden, mit sinkenden Steuern und globaler Handlungsfreiheit durch eine Zerschlagung der EU. Da war der Ex-Politiker schon in seinem neuen Element – dem kritischen Blick auf die Finanzwelt.








