Ein halbes Jahr nach Amtsantritt stellt sich Bundeskanzler Friedrich Merz am Sonntagabend den Fragen von Caren Miosga – und wirkt dabei zugleich entschlossen und unter Druck. Die ARD-Talkshow gerät zu einem Ritt durch außenpolitische Gefahrenlagen, innenpolitische Reformvorhaben und die Frage, ob seine Regierung den selbst ausgerufenen „Herbst der Reformen“ tatsächlich umsetzen kann.
Drohnen als neue Bedrohung – Merz: Deutschland hat zu spät reagiert
Gleich zu Beginn konfrontiert Caren Miosga den Kanzler mit den jüngsten Drohnensichtungen an europäischen Flughäfen. „Wir sind mit einer Bedrohung konfrontiert, die wir in dieser Massivität in den letzten Jahren nicht gekannt haben“, warnt Merz. Er macht Russland dafür verantwortlich, betont aber: „Wir haben bislang nicht einen einzigen Vorfall mit einer bewaffneten Drohne gehabt. Es sind Ausspähversuche, die die Bevölkerung verunsichern sollen.“
Der Umgang damit sei noch schwierig, weil die Zuständigkeit bei der Polizei liege, der die technischen Abwehrmechanismen fehlten. Zur Not könne aber die Bundeswehr unterstützen. Miosga fragt kritisch nach, ob die Bundesregierung die Gefahr zu spät erkannt habe – „Wir haben in der Vergangenheit die Situation unterschätzt“, räumt Merz ein.
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Sorge vor russischer Aggression – Merz will Abschreckung
Miosga zitiert den aktuellen Deutschlandtrend, laut dem 63 Prozent der Befragten sagen, sie hätten große oder sehr große Sorgen, dass Russland ein weiteres europäisches Land angreift. „Ich teile die Sorge – und nach allem, was wir hören, ist sie auch berechtigt“, sagt der Kanzler. Das könne Moldau, das Baltikum oder Polen betreffen. Merz fordert, die Nato müsse so stark werden, „dass Russland abgeschreckt wird. Wir wollen uns verteidigen können, damit wir uns nicht verteidigen müssen.“
Dafür braucht es vor allem mehr Personal. Der deutschen Bundeswehr fehlen derzeit rund 80.000 Soldaten. Deswegen sollte möglichst zeitnah über den neuen Wehrdienst im Bundestag beraten werden. Doch die Union hat die Debatte um eine Woche verschoben, „weil nicht ganz klar sei, wann die Freiwilligkeit aufhöre, und die Pflicht beginne“, zitiert Miosga die Union. „Das ist eine gute Vorgehensweise der Vorsitzenden und Stellvertretenden“, lobt der Kanzler.
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Wehrdienst-Debatte: Oder doch direkt die Pflicht?
„Warum sagt der Verteidigungsminister denn, das sei grob fahrlässig, das jetzt zu verschieben?“, hakt Miosga nach. Merz argumentiert mit mangelnder Information: „Es kann sein, dass er die internen Vorgänge im Parlament so nicht mitbekommen hat.“
Schließlich wird der Kanzler deutlicher: „Ich vermute, es wird bei Freiwilligkeit allein nicht bleiben“ – ein Satz, der andeutet, dass die Rückkehr zur Dienstpflicht in Wahrheit bei der Union längst beschlossene Sache ist. Außerdem hält Merz an seiner Idee fest, mittelfristig ein allgemeines Pflichtjahr für junge Menschen einzuführen.
Während er beim Thema Wehrdienst nüchtern über den möglichen Einzug junger Menschen spricht, wird er emotional, als es um den Nahen Osten geht. Im Sommer hatte seine Regierung beschlossen, keine neuen Waffen nach Israel zu liefern, die im Gazakrieg eingesetzt werden könnten. Da habe es am Telefon mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu „ordentlich gerummst“, erzählt Merz.
Gaza: Deutschland hält an Zwei-Staaten-Lösung fest
„Unsere uneingeschränkte Solidarität mit Israel hat für mich nie auf dem Prüfstand gestanden“, betont er. Zugleich sagt er, die israelische Armee sei im Krieg gegen die Hamas „zu weit gegangen“. Eine Zwei-Staaten-Lösung bleibe für Deutschland das Ziel – auch wenn die aktuelle israelische Regierung diese ablehne.
Merz schlägt dabei einen selten persönlichen Ton an. Eingespielt wird ein Ausschnitt seiner Rede über das Leben von Rachel Salamander, die als Kind in einem Nachkriegslager für heimatlose Juden in Bayern aufwuchs. „Ob denn den Juden niemand geholfen habe, hätte Rachel als kleines Mädchen gefragt“, erzählt Merz in der Rede. Die Stimme bricht, als er ergänzt, die allermeisten Deutschen hätten damals weggeschaut.
Weshalb ihn das so berühre, möchte Miosga wissen. „Weil es um Kinder geht?“, fragt sie. Merz hält inne: „Ich bin an dieser Stelle sehr empfindlich, gerade wenn es um Kinder geht.“ Er sei seit 1989 der erste Bundeskanzler, der eigene Kinder habe. „Ich möchte, dass unser Land ein Land ist, in dem Kinder, gerade auch jüdische Kinder, in Sicherheit großwerden können.“
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Israel beim ESC: „Skandal, dass darüber überhaupt diskutiert wird“
Und er warnt vor Symbolpolitik in Europa: Sollte Israel vom Eurovision Song Contest ausgeschlossen werden, sollte laut Merz auch Deutschland aus Solidarität nicht antreten. „Ich halte es für einen Skandal, dass darüber überhaupt diskutiert wird.“
Der Kanzler wirkt an diesem Abend zugewandt, freundlich, fast versöhnlich – ein deutlicher Kontrast zu seinen oft schroffen Auftritten im Wahlkampf. Er präsentiert sich als jemand, der zusammenführt und mahnt. Dabei schiebt er die Verantwortung geschickt auf andere: auf frühere Regierungen, auf die Koalitionspartner, auf äußere Umstände.



![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)








