„Selbst wenn wir morgen in Deutschland klimaneutral wären, … würde keine einzige Überschwemmung in Texas weniger geschehen“, hatte Kanzler Friedrich Merz im Bundestag erklärt. Markus Lanz greift die Provokation in seiner „ZDF“-Sendung am Donnerstag auf und lässt seine Runde ­– Boris Palmer, Maja Göpel, Jochem Marotzke und Axel Bojanowski – daran ihr Klimaverständnis messen. 

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen.
Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen.© dpa | Bernd Weißbrod

Palmer verteidigt Merz und setzt auf günstige Stromtrassen

Überraschend springt in dieser Sache der parteilose Tübinger Oberbürgermeister Merz bei. Er hält Merz’ Satz für nüchterne Physik statt Defätismus. Klimaschutz, sagt er, müsse „ein Vorbild des Gelingens und nicht der Verarmung“ sein. Kurz: wirtschaftlich sein. Dass das geht, demonstriere er mit seiner Verpackungssteuer: Seit 2022 werden in Tübingen bis zu 1,50 Euro pro Einwegmahlzeit fällig. Der Effekt: viermal so viele Mehrwegbecher, eine siebenstellige Summe für lokale Umwelttöpfe – und, wie Palmer betont, kein wachsender Schuldenberg.

Nach der Sturzflut in Texas
Ein Haus am Sandy Meadow Circle am Ufer des Big Sandy Creek in der Nähe von Leander, Texas, wurde bei der Überschwemmung am Wochenende des 4. Juli schwer beschädigt.© Jay Janner/Austin American-Statesman via AP/dpa | Jay Janner

Palmer setzt noch einen zweiten Hebel: die Stromautobahnen. Unterirdische Erdkabel, erinnert er, verteuerten den Netzausbau um zweistellige Milliardenbeträge. Die Bundesnetzagentur beziffert das Einsparpotenzial von Freileitungen inzwischen auf bis zu 18,5 Milliarden Euro. „Wer Geld im Boden vergräbt, verbaut es dem Klimaschutz“, warnt Palmer – denn ohne günstige Leitungen komme der Windstrom aus dem Norden nie in den Süden, und jedes abge­regelte Megawatt bedeute zusätzliche Gas-Emissionen.

Politikökonomin: Erderwärmung in Europa doppelt so schnell

Maja Göpel widerspricht weniger der Rechnung als der Gelassenheit. Die Politik­ökonomin zitiert den neuen Copernicus-Report, wonach sich Europa seit den 1980ern etwa doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt und 2024 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen war. „Wenn alle so argumentieren wie Herr Merz, dann können wir’s vergessen“, sagt sie und fordert einen klaren Pfad zu Netto-Null, damit Investoren wissen, wohin die Reise geht – und Bürger nicht alle zwei Jahre neue Zielmarken hören.

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Der Klimaforscher Jochem Marotzke setzt die physikalische Klammer: „Ab 42 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit kann Schweiß nicht mehr ausreichend kühlen – das kann tödlich werden.“ Er erinnert daran, dass heutige Emissionen Jahrhunderte nachwirken. Kleine modulare Atomreaktoren? „Powerpoint-Reaktoren“, solange sie nur auf Folien existierten. Mit Blick auf den Kanzler mahnt er: Nationale Anstrengungen seien sinnvoll, aber nur als Teil eines europäischen Netzes und globaler Allianzen.

Axel Bojanowski: Klimaschutz soll nicht die Apokalypse zeichnen!

„Welt“-Wissenschaftsredakteur Axel Bojanowski rückt die Debatte von der Emissionsseite auf die Vorsorge: Deutschlands Küstendeiche seien Weltklasse, die Niederlande lägen zu einem Viertel unter Meeresspiegel und hätten doch die besten Schutzsysteme. Anpassung, so sein Credo, sei keine Ausrede, sondern ein zweites Standbein neben CO₂-Reduktion. Er warnt jedoch, Technikfeindlichkeit könne Fortschritt ausbremsen – ob bei Atomkraft oder bei sicheren Endlagern.

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Mit einer persönlichen Anekdote will Bojanowski klarmachen: Es hilft nicht, wenn Klimaschutz die Apokalypse zeichnet. Sein Sohn, erzählt er, habe ihm mit fünf Jahren gesagt: „Papa, wenn der Meeresspiegel steigt, dann sterben wir!“ Daraufhin habe er seinem Sohn die Sturmflutmauern an der Elbe gezeigt. Erklärt, dass sie Hamburg schützen sollen. „Was Küstenschutz angeht, ist Deutschland ziemlich gut mit den Deichen“, sagt er in der Runde – und plädiert für eine Erzählweise, die Erfolge zeigt. 

Für erfolgreichen Klimaschutz: Kosten, Tempo und Zuversicht verbinden

Statt großem, emotionalem Streit bleibt am Ende der Sendung vier zentrale Punkte hängen: Kosten zählen – sagt Palmer: Klimaschutz muss bezahlbar bleiben, sonst verliert er Nachahmer. Tempo zählt – mahnt Göpel: Europa heize sich schneller auf als der Rest der Welt. Grenzen zählen – erklärt Marotzke: Jenseits biologischer Schwellen helfe keine Technik mehr. Bojanowski ergänzt den vierten: Zuversicht zählt – wer nur Untergang malt, verliert das Publikum, bevor die nächste Sturmflut kommt.