Abba-Fans werden sich noch an den 16. November 1982 erinnern. Ein trauriges Datum. Der Anfang vom Ende. Denn an diesem Tag wurde das Musikvideo zu dem Song „Under Attack“ gedreht. Die Gruppe war in einem verlassenen Lagerhaus zu sehen. Es war das letzte Video. Und gut drei Wochen später trat das Quartett dann auch zum letzten Mal gemeinsam auf.
Andrea Pier summt „Under Attack“ mit. Wir haben uns mit der Leiterin des Theaters des Westens zu einem Probenbesuch verabredet. Am kommenden Sonntag hat das Abba-Musical „Mamma Mia!“ Premiere an der Kantstraße. Im Stück erklingt der Song in der Szene, in der Sophie von Albträumen geplagt im Bett hochschreckt. Die 20-Jährige lebt mit ihrer Mutter Donna auf einer griechischen Insel, sie betreibt dort eine Taverne. Die Tochter will jetzt ihre Jugendliebe Sky heiraten, aber vorher auf jeden Fall wissen, wer ihr Vater ist: Drei Männer kommen infrage, das hat sie im Tagebuch ihrer Mutter gelesen, sie lädt alle drei zur Feier ein.
Schlichte Geschichte
Das ist schon die ganze Geschichte von „Mamma Mia!“, dazu kommen noch 22 Abba-Hits von „Dancing Queen“, „The Winner Takes It All“ bis „Knowing Me, Knowing You“. Rund 54 Millionen Menschen haben sich das bislang weltweit angeschaut – und ein paar weitere Millionen den Film, der übrigens nach der Musicalvorlage entstand und 2008 in die Kinos kam. Offenbar ein Erfolgsrezept. Nach dem Muster von „Mamma Mia!“, also eine Story um Hits herum zu bauen und den Zuschauern gleichzeitig das Gefühl zu geben, die seien eigentlich eigens dafür komponiert worden, entstanden weitere Musicals, darunter „Ich war noch niemals in New York“ mit der Musik von Udo Jürgens oder „Hinterm Horizont“ mit Liedern von Udo Lindenberg.
Bei unserem Treffen proben die Darsteller noch nicht auf der richtigen Bühne, sondern im früheren Kulissenlager, das zum Probesaal umfunktioniert wurde. Eine Wand ist verspiegelt, es gibt sogar Fenster, durch die Tageslicht in den Raum dringt. Auf dem Boden sind Markierungen zu sehen. Linien und sehr fantasievoll wirkende geometrische Figuren. Sie dienen den Schauspielern zur Orientierung, eine angedeutete Treppe am Rand steht stellvertretend für ein Haus. Optimal wäre es natürlich, wenn der Saal dieselbe Größe wie die Bühne hätte. Aber daran hat der Architekt vor 100 Jahren nicht gedacht. „Wir haben die Probebühne maßstabgetreu verkleinert“, sagt Andrea Pier, „das erleichtert den Schauspielern die Arbeit.“
Die Suche nach dem Dudelsack
„Wo ist der Dudelsack?“ Paul Garrington redet ansonsten Englisch, aber in dieses deutsche Wort für das Instrument scheint er sich verliebt zu haben. Er wiederholt es noch mal genüsslich. Garrington ist gewissermaßen der Regisseur, gemeinsam mit der Choreografin Nichola Treherne leitet er als Teil des Kreativteams die Proben. Eigentlich ist die Produktion fertig, 1999 kam die Uraufführung in London heraus. Bei neuen Musicals ist es wegen der Rechte ja so, dass es eine Weltpremiere gibt und diese Arbeit dann das Muster für alle folgenden ist. Bei Nachinszenierungen kümmern sich meist frühere Assistenten um die Aufführung.
„Putzen“ nennt das Andrea Pier. Also die Dinge herauskehren, die wichtig waren, sich aber möglicherweise im Laufe der Aufführungszeit etwas abgenutzt haben. Denn ein Teil der Cast hat schon in diesem Musical gespielt, so wie Lara Grünfeld, die als Sophie in Stuttgart aufgetreten ist. Oder Cush Jung, der die Rolle des Harry, einer der drei möglichen Väter von Sophie, schon bei der deutschen „Mamma Mia!“-Erstaufführung 2002 in Hamburg gespielt hat.
Sabine Mayer spricht als Donna mit Paul Garrington. Sie wird gleich in der nächsten Szene richtig sauer, weil die Hochzeitsvorbereitungen nicht in Gang kommen und der künftige Schwiegersohn und dessen Kumpels ziemlich einen im Kahn haben. Sky hat sich den Schleierkranz von Sophie auf den Kopf gesetzt, ein kleiner Gag, ansonsten wird noch ohne Kostüme geprobt.
Schwarzes Schminkzimmer
Einige hängen in der black box auf der Hinterbühne. Der durch schwarze Vorhänge abgetrennte Raum dient während der Vorstellungen als Umkleide- und Schminkzimmer, bei einigen Szenen haben die Schauspieler nur sehr wenig Zeit zum Umziehen. Die Farbe der Kostüme markiert eine Zäsur: Vor wenigen Wochen dominierten hier noch Grau-, Braun- und Matschtöne, die Uniformen aus „Gefährten“. Jetzt sind die Kleidungsstücke knallbunt und sehen spacig aus.
Beide Produktionen trennen Welten. Das Wohlfühl-Musical „Mamma Mia!“ ist eine sichere Bank, mit „Gefährten“ versuchte Stage Entertainment neue Wege zu gehen. Das Stück erzählt die Geschichte eines Jungen und seines Pferdes, die beide in die Schlachtenwirren des Ersten Weltkriegs kommen: Die Bühne ist oft dunkel, die Kampfszenen sind realistisch inszeniert, die von mehreren Spielern geführte Pferdepuppe spektakulär. Im Londoner Westend ist das Stück ein Renner, in Berlin lief es knapp ein Jahr.
Möglicherweise hat das Publikum im Theater des Westens, das seit vielen Jahren ein Musicalort ist, etwas anderes erwartet als ein Sprechtheaterstück, in dem es nicht nur um Freundschaft, sondern auch um Krieg geht. Statt Schlachtenlärm ertönen jetzt Abba-Hits im Theater des Westens. Eine Versöhnung mit dem Publikum? Die Formulierung gefällt Andrea Pier nicht. „Wir haben keinen Bildungsauftrag, aber Anspruch“, sagt die Theaterleiterin und verweist auf die Aufführungsstatistik des Bühnenvereins.
Schillers „Kabale und Liebe“ zählte demnach mit 160.000 Besuchern an verschiedenen Bühnen deutschlandweit zu den meistbesuchten Stücken. „,Gefährten’ hatte bei uns über 200.000 Zuschauer“, sagt Pier. Aber wenn die Nachfrage nachlässt, muss etwas Neues kommen. So waren die Regeln im privaten Unterhaltungsgeschäft schon immer. Mittlerweile gelten die auch bei Staatstheatern, weil der Rechtfertigungsdruck für öffentliche Zuschüsse steigt.





