Theater

Diese „Gefährten“ lassen niemanden unbewegt

Der Sensationshit aus England „Gefährten“ („War Horse“) hat eine umjubelte Deutschland-Premiere im Berliner Theater des Westens gefeiert. In dem Musical sind künstliche Pferde die großen Stars.

Foto: Morris Mac Matzen / obs

Der Erste Weltkrieg fristet auf deutschen Bühnen ein Schattendasein. Bislang. Jetzt spielt Deutschlands größter Musical-Produzent Stage Entertainment mit „Gefährten“ den Vorreiter und bringt ein Stück im Theater des Westens heraus, in dem zwar gelegentlich auch gesungen wird, dass aber eigentlich ein klassisches Theaterstück ist. Eines über den Krieg. Der zweite Teil spielt komplett auf den Schlachtfeldern in Frankreich – entsprechend düster und laut geht es auf der Bühne zu.

Ein Beitrag zum anstehenden Gedenkjahr 2014, in dem sich der Ausbruch des 1. Weltkriegs zum 100. Mal jährt. Eine mutige Entscheidung. Die Premiere am Sonntagabend wurde bejubelt, aber bewähren muss sich die Produktion im Alltag.

Schauspieler haben nicht gern Tiere und Kinder auf der Bühne. Sie ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. In „Gefährten“ setzen die Macher ganz auf diese alte Bühnenweisheit: Die Stars des Stücks sind Pferde. Keine echten, sondern Puppen, die von der Handspring Puppet Company entwicket wurden. Jeweils drei Spieler erwecken die Tiere zum Leben, ihre Bewegungen wirken täuschend echt. Das macht den Zauber der Produktion aus.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Der Held heißt Joey, wir befinden uns im Sommer 1912 in einem Dorf in England. Auf einer Auktion leisten sich die verfeindeten Brüder Narracott einen Wettstreit um ein Jagdfohlen. Farmer Ted ist hoch verschuldet, aber er will es seinem Bruder zeigen und ersteigert das Tier für einen unglaublich hohen Preis. Teds Sohn Albert kümmert sich um das Fohlen, das schließlich auf seinen Eulenruf hört. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die Stellungskriege und Giftgasangriffe überlebt.

Heinz Hoenig spielt den dem Alkohol zugeneigten Farmer als bodenständigen, schlichten Charakter. Ein Klischee-Bauer. Dass die Beziehung zu seinem Sohn immer schlechter wird, nimmt er in Kauf, er will mit dem Pferd ein gutes Geschäft machen. Denn mittlerweile ist England in den Krieg gegen Deutschland eingetreten und die Army sucht nicht nur Soldaten, sondern auch Tiere. Ted verkauft Joey für einen Superpreis, sein Sohn will gleich mit in den Kampf ziehen, ist aber mit 16 Jahren noch zu jung. Pferde spielten im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle, rund eine Million Tiere brachte die britische Armee nach Frankreich, nur wenige kehrten zurück, die meisten verendeten im Stacheldraht oder im Maschinengewehrfeuer.

Der Krieg aus der Sicht des Pferdes

Der Krieg dauert viel länger, als alle erwartet haben. Man dachte, in ein paar Monaten sei alles vorbei. Eine tragische Fehleinschätzung. Schließlich hat das Schlachten über vier Jahre gedauert. Albert (Philipp Lind) kann deshalb doch noch nach seinem geliebten Joey suchen, er lernt die Gräuel des Krieges kennen, wird verwundet und trifft sein Pferd schlussendlich im Lazarett wieder. Ein Happyend, dass muss schon sein. Alles andere wäre für die Produktion wahrscheinlich tödlich.

Dass das ganze Geschichte märchenhafte Züge trägt, liegt auch daran, dass die Vorlage ein Jugendbuch ist. Michael Morpurgo schrieb die Novelle „War Horse“, so heißt auch die Originalproduktion, und schildert darin den Krieg aus Sicht eines Pferdes. Steven Spielberg verfilmte den Stoff, das Werk kam Anfang 2012 in die deutschen Kinos – und floppte. Vielleicht auch, weil der Erste Weltkrieg in Deutschland, im Gegensatz zu England oder Frankreich, immer im Schatten des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus stand.

Riesen-Hit am Londoner West End

Aber auch in England rechnete anfangs niemand mit einem solchen Erfolg. Im Herbst 2007 kam die Dramatisierung des Buches am National Theatre in London im Repertoirebetrieb heraus, ein paar Vorstellungen waren geplant. Wegen des großen Erfolges entschloss sich die Bühne, 2009 ein eigenes Theater im West End, dem Londoner Musical-District, anzumieten und dort „War Horse“ en suite zu spielen. Diese Inszenierung von Marianne Elliott und Tom Morris, dem damaligen Direktor des National Theatre, wird jetzt als Koproduktion von Stage Entertainment im Theater des Westens gezeigt.

Die Regie verzichtet auf aufwendige Dekorationen, Häuser werden nur mit einem Tür- und Fensterrahmen angedeutet. Die wechselnden Schauplätze und Zeiten werden auf einer Projektionsfläche über der Bühne angekündigt, dort laufen auch kurze Animationsfilme von 59 Productions, die im Stile einer bewegten Graphic Novel Truppen marschieren und Granaten einschlagen lassen. Das ist technisch fein gemacht, mitunter sehr laut und kann ein bisschen davon ablenken, dass die Charaktere der Figuren im Laufe des Stücks nicht weiter entwickelt werden. So bleibt Alberts Mutter (Silke Geertz) immer ein verständnisvoller, gutmütiger Mensch, egal, was passiert.

Völkerverständigung ohne Pathos

Während in der englischen Originalfassung auch Französisch und Deutsch gesprochen wird, verzichtet Übersetzer John von Düffel, im Hauptberuf Dramaturg am Deutschen Theater und Autor zahlreicher Romandramatisierungen, in Berlin auf jegliche Mehrsprachigkeit. Das wirkt dann doch etwas befremdlich in der bewegenden Szene mit dem französischen Waisenmädchen Emelie und bei der Begegnung von deutschen und englischen Soldaten im Niemandsland, wo zwei Soldaten mit einem Münzwurf entscheiden, wer den verletzten Joey bekommt und Völkerverständigung ohne Pathos praktiziert wird.

Im Westen also was Neues: „Gefährten“ ist der Versuch, von der strengen deutschen Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur wegzukommen, die es in angelsächsischen Ländern nicht gibt. In Deutschland erwartet man entweder ein ernst zu nehmendes, bewegendes Drama über den 1. Weltkrieg oder ein Show. Stage Entertainment unternimmt im Theater des Westens, wo zuvor der "Schuh des Manitu" oder der "Tanz der Vampire" lief, den gewagten Versuch, beides zu verschmelzen.

Theater des Westens, Kantstr. 12, Charlottenburg. Tel.: 01805/4444.

Di-F, 19.30 Uhr, Sa 14.30 u. 19.30 Uhr, So. 14.30 Uhr.