Musik

Berliner Rapper Prinz Pi ist ziemlich brav geworden

Er ist kein Prolet, sondern ein rhythmischer Chronist: Friedrich Kautz alias Prinz Pi gilt als klügster Rapper Deutschlands und hat in seinem neuen Album sogar Verständnis für die Probleme von Eltern.

Foto: Reto Klar

Er steht da draußen ganz ruhig in seiner grünen Barbour-Jacke vor dem Eingang zur Tutanchamun-Ausstellung in der Arena in Treptow. Gerade noch im kleinen Probenraum mit der niedrigen Decke. Die Band übt ohne ihn weiter. Seine neue Platte heißt „Kompass Ohne Norden“ und kam ganz schnell auf Platz 1 der Charts. Das ist eine Metapher. So ein Kompass ist ja ein sinnloser Gegenstand. Für denjenigen, der ihn benutzt, ist jegliche Orientierung unmöglich.

Eigentlich müsste der Berliner Rapper Prinz Pi unter Strom stehen, Haken schlagen, kreiseln, durchdrehen. Neue Platte, am nächsten Tag das große erste Konzert dazu. Aber wir gehen jetzt erst mal spazieren. Langsam die Spree entlanglaufen, Wind spüren. Auf ein totes Schiff schauen, auf dem Graffitis blühen.

Prinz Pi wird am 22. Oktober 1979 in Charlottenburg als Friedrich Kautz geboren. Wenn man ihn trifft, gibt er einem eine trockene Hand und er sagt auch „Hallo“. So trockene Hände haben sonst nur Segler oder Postboten. Briefumschläge ziehen unvorstellbar viel Wasser. Dann kommt eine kleine Pause und er sagt „Friedrich“. Ziemlich höflich ist das, sehr angenehm sogar.

Einzigartiges Sprachgefühl und eine nicht verkopfte Sichtweise

Friedrich Kautz ging auf das Hesse-Gymnasium in Steglitz. So eine altsprachliche Akademiker-Schmiede. Altgriechisch, Latein. Studienräte nach dem alten Schlag bekommen bei diesen Worten noch heute feuchte Augen. Ganz früher hat er sich mal Prinz Porno genannt. Aber das ist jetzt nicht mehr so schlimm, weil man in der Pubertät allerlei lustige und auch alberne Sachen macht, um zu rebellieren.

Irgendwann legt er das Porno ab und wählt Pi als seinen neuen Begleiter. Pi wie die Zahl. Unter diesem Namen hat er schon über zehn Alben veröffentlicht und sich mit einem einzigartigen Sprachgefühl und einer differenzierten, aber nicht verkopften Sichtweise den Status als Deutschlands klügster Rapper erarbeitet.

Unser Blick geht über die Oberbaumbrücke. Jenseits des Kanals sind Universal, MTV, Coca Cola, die Fernsehwerft zu sehen. Die ganze Medien-Irgendwas-Gesellschaft um die dreißig und mit bunten Turnschuhen geht da anschaffen, Klicks generieren, Trends ausdenken. Und am Wochenende gehen die Männer und Frauen gemeinsam schnupfend auf die Toiletten der Clubs. Den Druck im Exzess abbauen. Am nächsten Morgen Champagner-Frühstück und auf dem Flohmarkt eine alte Kommode für 343 Euro kaufen. Montag wieder ran und immer so weiter.

Prinz Pi ist ein rhythmischer Chronist

Prinz Pi hat sie genau beobachtet. Diese Szene, dieses Gefühl, alles das, was ganz Berlin durchzieht. „Moderne Zeiten“ heißt seine Beobachtung. Drei Minuten und zweiundzwanzig Sekunden lang. Klavier, Schlagzeug, Bass, Rap. „Beobachten“, sagt Prinz Pi, „ist meine Aufgabe“.

„Sneaker aus den Achtzigern, Musik wie in den Siebzigern/ Unsere neusten Fotos sehen wieder aus wie Polaroids/ Wir wünschen uns so sehr, dass wir im Gestern wären/ leben nach der Formel: Je retro desto neu/ Alles ist ironisch, Vintage und Second Hand/ Ist das ein Obdachloser oder doch der letzte Trend?/ Das war ein Redakteur der Vice voll auf Klonopin/ gutem Meth, schlechten Speed, der tut als wär' es Krokodil“

Und besser hat das noch keiner auf den Punkt gebracht. Ein Prinz Pi ist kein Prolet. Er muss nicht von Schlampen rappen, nicht von Geschlechtsteilen, nicht von einem erfundenen Kampf ums Überleben, vom Drogen verkaufen. Prinz Pi ist im allerbesten Sinne ein mündiger, rhythmischer Chronist, der seine Zeit versteht.

Der Rapper beruft sich als Texter auf Bob Dylan

Pi war nie einer der Dazugehörer. Zu wem soll man als Rapper denn auch gehören, wenn man aus Charlottenburg kommt? Straßenrap mit Milieu- und Kiezromantik geht nicht. Dicke Karren, Weiber, Drogen dealen? Höchstens vom E-Klasse-Kombi der Nachbarn könnte man singen.

Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als außenstehender Beobachter zu werden. So kann er die verschiedenen Rap-Szenen auf’s Korn nehmen, die Mitte der Gesellschaft, genauso wie die, die am Rande stehen. Pi ist ein Outsider von allem.

Der Rapper beruft sich als Texter auf Bob Dylan. Sein Vater hatte früher so ein Buch mit Dylans Texten auf Englisch und der deutschen Übersetzung daneben. Kautz war damals acht. „Wenn Rockmusik so wertvoll ist, dass man die Texte in einem Buch druckt, dann ist das doch genau so wertvoll, wie die Dichter und Schriftsteller, die ich kannte“, erinnert er sich. Moderne Musik galt in seiner Familie als Krach. Als weniger wert als Mozart.

Menschwerdung heißt für ihn Sprache entwickeln

Inzwischen hat der Musiker selber eine Tochter. Dreieinhalb ist sie. In dem Alter, in dem man eben schon richtig mit Kindern sprechen kann. „Vorher war sie ein kleines Baby. Jetzt ist sie ein richtiger Mensch“. Menschwerdung heißt für den Rapper, den Wortjongleur, Sprache entwickeln.

„Kompass ohne Norden“ ist voll mit Erinnerungen an die eigenen Schultage, an die Zeit ohne Orientierung, Schnapstrinken auf Klassenfahrten. Die blasse Magersüchtige, die mit großem Durst an der Wasserflasche hängt und mit jedem Schluck dünner werden will. Der Typ, der sich vor den Zug wirft. Kantige Erinnerungen, ein harter Beat, ein Stampfen. Ein wütendes Manifest. Schule versagt, weil Eltern versagen.

„Die Lehrer werden gezwungen, einen Job zu machen, den die Eltern machen müssen. Erziehen.“ Das macht ihn nachdenklich und doch würde er seine Tochter auf keine „zu gute Schule“ schicken wollen. Er möchte, dass sie alle soziale Schichten vorurteilsfrei kennenlernt, mit der Realität aufwächst und nicht in einem elitären Akademikerzirkel.

„Da kann man nicht meckern“

Eine Frau läuft das Spreeufer mit einem Ziehwägelchen entlang. Sie verteilt Flyer gegen die Bebauung des Spreeufers. „So sieht das dann aus“, sagt sie ganz bedrohlich und deutet auf die Fotomontage, auf der Hochhäuser zu sehen sind. Es gibt größere Probleme, sagt Kautz. Auch die Sache mit der Eastside Gallery findet er nicht so schlimm. Die Debatte um Gentrifizierung und steigende Mieten hält er für überzogen.

„Gemessen an anderen Städten sind wir immer noch wahnsinnig billig. Berliner jammern total gerne. Das Jammern in Berlin ist unser Ding. Das höchste Lob, was Dir ein Berliner geben kann, ist wenn er sagt ,Da kann man nicht meckern’.“

Die Frau geht weiter in Richtung Elsenbrücke. Und Kautz geht wieder zurück in den Proberaum bei Tutanchamun. Weiter proben und bloß nicht dazugehören.

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