Kino

Das ganze Leben auf zehn Quadratmetern: „Raum“

Ein beklemmendes Filmdrama, das den Fall Fritzl aufgreift und weiterspinnt. Für ihre Leistung bekam Brie Larson gerade völlig zurecht den Oscar.

Die Idylle trügt: Die Mutter (Brie Larson) und ihr Sohn Jack (Jacob Tremblay) werden auf engstem Raum gefangen gehalten

Die Idylle trügt: Die Mutter (Brie Larson) und ihr Sohn Jack (Jacob Tremblay) werden auf engstem Raum gefangen gehalten

Foto: George Kraychyk / picture alliance / AP Photo

Es ist keine wahre Geschichte, die in „Room“ erzählt wird, und trotzdem geht von ihr jene zwiespältige Faszination aus, die die wahre Geschichte von Natascha Kampusch oder den Fall Fritzl (von dem sich die Autorin der Vorlage, die irisch-kanadische Emma Donoghue, inspirieren ließ) zu regelrechten Medienereignissen machten.

Zwiespältig ist diese Faszination, weil sich in ihr die Lust am Grusel mit dem Schrecken über die menschliche Natur und dem Mitgefühl für das langjährige Leiden der Opfer mischen. Der irische Regisseur Lenny Abrahamson folgt in seiner Verfilmung der Vorlage, wenn er seine Erzählung konsequent aus der Perspektive der Opfer anlegt. Es ist ein Weg, um dem allzu reißerischen Umgang mit dem Thema zu entgehen.

Alles aus der Perspektive des Kindes

In der ersten Hälfte des Films sind wir deshalb mit der von Brie Larson gespielten jungen Frau und ihrem fünfjährigen Sohn Jack (Jacob Tremblay) völlig allein im titelgebenden Raum. Er ist für die beiden die Welt. Während die junge Mutter zwar weiß, dass es da draußen noch etwas anderes gibt, hat der Kleine, so viel wird schon nach wenigen Minuten klar, davon keinen Begriff.

Für ihn umfasst der „Raum“, eine allenfalls zehn Quadratmeter große Hütte, die Gesamtheit des Universums. Die Spannung und das Erlebnis dieser ersten Filmstunde besteht ganz darin, mitzuerleben, wie erfindungsreich seine Mutter darin ist, die natürliche Neugier des Kleinen nicht etwa abzuwehren, sondern ihn fantasievoll anzuleiten.

Jack spielt und lernt, lernt und spielt, fast wie jedes andere Kind. Er ist mal guter und mal schlechter Laune, mal zufrieden und mal verunsichert. Aber er weiß seine Mutter immer nah bei sich. Selbst wenn er sich in eine Art Schrank verziehen muss, wenn „Old Nick“ (Sean Bridgers) hereinkommt und ihnen Lebensmittel bringt.

Das Bedrückende und Schreckensvolle ihrer Lage wird auf diese Weise erst nach und nach deutlich. Sie spiegelt sich im Gesicht der jungen Frau, die viel Kraft aufbringen muss, um ihr Kind nicht mit der eigenen Depression und Verzweiflung anzustecken.

Wie hält man das aus?

Manchmal kann sie nicht mehr und bricht genervt ein Spiel ab oder gibt eine patzige Antwort. Und wie auch in anderen Kinderstuben nimmt der Junge die Ausfälle seiner Mutter prompt zum Anlass, um selbst einen Trotz- oder Schreianfall zu bekommen. Aber keiner der beiden kann vor dem anderen fliehen oder auch nur mal eine Tür zumachen. Wie hält man das aus?

Mit fast unmenschlicher Willenskraft, so liest man es in der vor Anstrengung manchmal ganz ausdruckslos werdenden Miene von Brie Larson, die für ihre Leistung gerade völlig zurecht den Oscar als beste Schauspielerin bekam.

Als Zuschauer trägt man die Indizien nach und nach zu einem schlüssigen Bild der Lage und der Geschehnisse, die zu ihr führten, zusammen: „Old Nick“, dessen Gesicht kaum gezeigt wird, hat Brie Larsons Figur noch als kleines Mädchen von einem Spielplatz weg entführt, wenige Jahre darauf kam Jack zur Welt.

Hoffnungslos überfordert

Der „Raum“ ist eine von ihm quasi zur Festung ausgebaute und versteckt gelegene Hütte auf seinem Grundstück. Das eine Fenster am Dach ist so unerreichbar wie die gesicherte Tür von innen aufzubrechen ist. Aber bald stellt sich heraus, dass die junge Frau einen Plan verfolgt. Und in diesem kommt Jack eine Schlüsselfunktion zu. Dass sie ihn damit hoffnungslos überfordert, macht noch einmal die schiere Ausweglosigkeit ihrer Situation deutlich.

„Raum“ gehört zu jenen Filmen, über die man im Vorhinein nicht zu viel wissen möchte. Deshalb sei nur angedeutet, dass in der zweiten Filmhälfte (oder ist es das letzte Drittel?) alles anders ist. Mit Joan Allen und William H. Macy treten die Eltern der jungen Frau auf. Es geht um Aufarbeitung und Schuld – und darum, wie man das Erlittene als Opfer auch wieder überwinden kann.

Auch während dessen bleibt der Film ganz bei der Perspektive des kleinen Jungen. Mit ihm, seiner kindlichen Arglosigkeit und seinen unschuldigen Grundoptimismus schlägt der Film am Ende einen etwas zu süßlichen Ton an, aber zugleich möchte man die wärmenden Emotionen nach so viel Schrecken auch nicht missen.