Mussten die jetzt auch noch „Die Biene Maja“ ins Kino bringen? Das kommt doch jetzt alles wieder hoch. Als die Zeichentrickserie damals im Fernsehen lief, war der Autor dieser Zeilen gerade neun Jahre alt. Und ich habe nicht nur jede Folge geguckt. Ich bin nach Hause geflitzt wie von einer Hornisse gestochen, weil die Jungschar am Donnerstag bis 17 Uhr ging, die Serie im ZDF aber Punkt 17.10 Uhr losging. Nur zehn Minuten, um auf dem Bonanzarad nach Hause zu rasen. Und ich hechelte dann nicht nur schweißüberströmt auf dem Sofa, nein, es ist noch viel schlimmer, ich sang auch lauthals mit Karel Gott das Eröffnungslied mit: „In einem unbekannten Land...“
Woher kam diese Faszination an der flotten Biene? Natürlich war da der kindliche Reiz am Trickfilm – und Trickserien waren damals ja noch das absolute Novum, „Maja“ nach „Wickie und die starken Männer“ gerade erst die zweite Serie, die das ZDF in Auftrag gegeben hat. Und klar, da war auch der ohnehin kindliche Reiz am flimmernden Bild. Es gab ja mal eine Zeit, das muss man Nachgeborenen heute vielleicht erklären, in der die Glotze nicht den ganzen Tag auf allen Kanälen lief. In den 70er-Jahren gab es nur zwei öffentlich-rechtliche und dann noch ein drittes Regionalprogramm, bis 17 Uhr nur ein Testbild.
So aufmüpfig wie Pippi Langstrumpf
Dass die Biene nicht nur artig in ihrem Bienenstock hocken und in die Schule gehen will, dass sie lieber raus will, auf der Wiese Freunde finden und spielen und tollen, das haben wir damals natürlich noch nicht so klar analysiert. Aber intuitiv mitempfunden haben wir das schon. Vielleicht haben wir auch deshalb so lautstark mitgeträllert. Maja, das waren wir, damit konnten sich (wie mit Pippi Langstrumpf) sogar Jungs identifizieren (wenigstens besser als mit dem ewig trägen und quäkenden Willi).
Jetzt, knapp 40 Jahre später, sitzen wir also im Kinodunkel und gucken Maja reloaded. Zu Testzwecken sitzen wir auch nicht alleine. Wir haben das Kind unseres Vertrauens mitgenommen. Zum einen, um uns bei ihm beliebt zu machen. Zum anderen aber vor allem, um an ihm heimlich zu studieren, wie der Film bei dem eigentlichen Zielpublikum ankommt. Dass man sich als Erwachsener noch mal in die eigene Kindheit zurück katapultieren kann, dass haben sich die Macher – wie jüngst bei „Lego – The Movie“ schon mitgedacht, ist aber eher ein launiger Nebeneffekt.
Helene Fischer statt Karel Gott
Statt Karel Gott singt jetzt Helene Fischer, das macht das Lied nicht unbedingt frischer. Der Reiz zum Mitsingen kommt nicht auf, die alte Scham, es einst getan zu haben, treibt einem eher rote Flecken auf die Backen. Sieht ja aber keiner, ist ja dunkel.
Alles geht noch mal von vorne los. Wir müssen dem Kind unseres Vertrauens also nichts erklären, keine Vorgeschichte zuflüstern. Maja erwacht in ihrer Wabe, als sei da nichts gewesen, nicht die alte Zeichentrickserie aus der Steinzeit des Fernsehens und nicht der computeranimierte Reboot, der vor einem Jahr im Zweiten eher untergegangen ist.
Wir tun uns anfangs schwer mit dem neuen Look
Viel zu früh schlüpft Maja aus diesem honiggelben Waben-Uterus. Von Anfang an ist sie rebellisch und freiheitsliebend und verursacht gleich ein heilloses Chaos in der rein auf Honiggewinnung getrimmten Immenwelt. Das weckt unsere ersten Sympathien. Wir tun uns zwar, das müssen wir gestehen, schwer mit dem neuen computer-animierten Outfit: Maja, überhaupt alle Figuren fallen deutlich schlanker aus als früher, haben dafür alle diese Knuddelgesichter mit Kulleraugen, die heute offensichtlich in keiner Animation fehlen dürfen. Der Kopf ist so groß wie der Rest der Figur.
Und dann diese Betonfrisur, gegen die kein Windstoß ankommt! Aber in einer offensichtlich rein auf Leistung und Effizienz getrimmten Bienenstockordnung tanzt die kleine Biene buchstäblich aus der Reihe. „Zeit ist Honig“, wird eine verschnupfte Drohne knurren. Da haben wir also so etwas wie eine naive Kritik an der Leistungs- und Optimierungsgesellschaft. Da lacht nicht nur das Kind unseres Vertrauens, da grinsen auch wir.
Eine Wabenwelt wie in „Dalli Dalli“
Erst recht, wenn die vorlaute Maja dann aus ihrer Honigwelt ausbricht. Bis dahin war alles gelb in dieser an „Dalli Dalli“ gemahnenden Wabenkulisse, dann aber, auf der berühmten Klatschmohnwiese, explodiert der Film in einen satten Farbenrausch: Alles so schön bunt hier. So knallgrün das Gras, so knallblau der Himmel, so rot und blau und lila die Blumen. Und Maja fliegt und flitzt immer kreuz und quer hindurch und zieht auch ihren Willi mit. Das ergibt auch ein paar hübsche, federleichte, aber nicht unangenehm aufdringliche 3-D-Effekte.
Natürlich reicht es in einem Kinofilm nicht, nur ein paar Freunde zu treffen, wie den Grashüpfer Flip, der dem alten Serienfossil erstaunlich ähnelt. Oder ein paar böse Feinde wie die Spinne Thekla, die leider gar nicht mehr an früher erinnert und auch keine Geige malträtiert. Nein, in einem großen Kinofilm muss es wohl um Größeres geben. Also wird gleich ein Krieg zwischen Bienen und Hornissen angezettelt. Dabei sind die Hornissen gar nicht so böse. Okay, die haben schon ziemlich bedrohliche Ringe unter den Augen und sehen entsprechend fies aus. Aber der einzige wirklich Bösewicht ist Gunilla, die gemeine Beraterin der Bienenkönigin, die selbst nach dem Krönchen giert, die Königin ausschaltet und dafür den Hornissenschwarm verantwortlich macht.
Wir können alle Freunde sein
Natürlich liegt es jetzt an der kleinen, vorlauten Maja, an Willi und all dem anderen Krabbel- und Brummgetier da draußen, die Gemüter der „Großen“, vermeintlich Erwachsenen zu schlichten. Da klatscht das Kind unseres Vertrauens vergnügt. Und uns eröffnet sich plötzlich unverblümt eine Erkenntnis, die uns als Kind damals gar nicht so aufgegangen ist: Dass die Klatschmohnwiese schon immer so etwas wie der Feld-und-Wiesen-Archetyp der Multikulti-Gesellschaft war. Keine Vorurteile, das hat uns schon die Serie damals vorgeführt, und der Kinofilm führt uns das noch deutlicher vor Augen: Wir können alle Freunde sein.
Der einzige Wermutstropfen an diesem honigsüßen Spaß ist, dass er stimmlich von der Familie Hagen ein wenig dominiert wird. Die elfjährige Nina Schatton quietscht und kichert herrlich als Maja, und dem HipHopper Jan Delay gelingt das Kunststück, ganz wie der alte Willi zu klingen. Aber Nina Hagen als intrigante Gunilla stiehlt allen die Schau und scheint auch noch ein privates Süppchen am Köcheln zu haben mit ihrer Mutter Eva Maria, die die Bienenkönigin spricht, und ihrer Tochter Cosma Shiva als Lehrerin Kassandra. Aber das ist nur so ein doofer Einwand eines „Großen“. Das Kind unseres Vertrauens schert sich darum keinen Deut.



