Wie wendet sich Gott diesmal an die Menschen? Als sonore Stimme aus dem Off, wie wir das aus den meisten Bibelfilmen kennen? Oder, auch eine kinogängige Metapher, als brennender Busch? Nein, in „Noah“, der an diesem Donnerstag (3. April 2014) ins Kino kommt, fällt ein Regentropfen vom Himmel. Auf einen vertrockneten, Boden, aus dem plötzlich eine Pflanze sprießt. Gott spricht buchstäblich durch die Blume. Das passt ja ganz gut zu einem Film, der Noah quasi als ersten Umweltschützer, als Ur-Öko der Geschichte darstellt.

Es gibt unzählige Bibel-Verfilmungen. Ein Film über Noah war erstaunlicherweise noch nie dabei. Darren Aronofsky aber war von jeher von der Geschichte fasziniert. Schon als 13-Jähriger soll er ein Gedicht über den Arche-Erbauer verfasst haben. Und spätestens als er „The Fountain“ (2006) gedreht hat, hat er auch an einem Drehbuch zum Thema gearbeitet.

Dafür fanden sich lange keine Produzenten. „Noah“ wurde erst mal ein Comic, pardon: ein Graphic Novel. Doch spätestens nach dem Oscar-Sieg von Aranofksys „Black Swan“ 2010 war der Regisseur kreditwürdig. Nur: Hat er jetzt die Bibel verfilmt? Oder seinen Comic? Oder ist das letzten Endes einerlei?

Fantasy-Riesen aus Stein

Wenig wissen wir über die Zeit vor der großen Flut. Auch die Bibel gibt da nicht viele Anhaltspunkte. Da kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen. Und das hat Aronofsky nach Kräften getan. Die Welt, die da unterging, war eine andere als die unsere. Das ist seine Allzweckthese. Sein Noah trägt denn auch nicht das übliche vorzeitliche Leinenhemd, und er stiefelt auch nicht durch Wüstenlandschaften in Nahost. Nein, Aronofsky hat in Island gedreht, zeigt unglaubliche, unglaublich fremde Panoramen. Und sein Noah, erst recht aber die anderen Menschen, die kein Erbarmen finden vor ihrem Erschöpfer, tragen panzerartige Kittel, die eher an ein vages Mittealter gemahnen.

Und dann gibt es noch regelrechte Fantasygestalten. Von denen ist zwar auch in der Bibel die Rede, Nephilim heißen sie dort und sind mal Riesen, mal gefallene Engel. Bei Aronofsky jedoch werden sie zu Steinmonstern, die ein wenig an den Steinbeißer in „Die unendlicher Geschichte“ erinnern. Sie helfen Noah nicht nur beim Arche-Bau, sie schlagen auf die anderen Menschen, die mit an Bord wollen, wollen, mit Riesenkeulen ein. Wozu braucht’s da eigentlich noch eine Sintflut, fragt man sich verwundert. Aronofsky macht aus der Bibel einen Fantasyfilm, aus der Genesis einen Tolkien. Und meint das wirklich ernst.

Brad Pitt als Pilatus, Dwayne Johnson als Goliath

Der Bibelfilm kehrt zurück. 50 Jahre lang war er weg, von Mel Gibsons „Passion Christi“ einmal abgesehen. Aber jetzt kehrt er mit Macht zurück. „Noah“ ist nur der Anfang. Als nächstes wird Ridley Scott in „Exodus“ Christian Bale als Moses in die Wüste schicken. Ang Lee arbeitet an einem weiteren Moses-Film, „Gods and Kings“, den ursprünglich Steven Spielberg drehen wollte. Paul Verhoeven, der Skandalfilmer, hat nicht nur ein ernsthaftes Buch über Jesus geschrieben, er will es jetzt auch verfilmen.

Das Warner-Studio plant einen Film über Pontius Pilatus, für den Brad Pitt im Gespräch ist. Taylor „Twilight“ Lautner und Dwayne „The Rock“ Johnson sollen David und Goliath spielen. Mel Gibson macht sich erneut an einen Bibelstoff, diesmal der Kampf der Makkabäer. Und Will Smith plant sein Regiedebüt mit „The Redemption of Cain“.

Woher kommt dieser plötzliche Bibelrausch? Die hehren religiösen Themen waren immer dann beliebt, wenn filmtechnische Neuerungen anstanden. Der Ton-, der Farb-, vor allem aber der Breitwandfilm lösten wahre Bibelfilmfluten aus. Der erste Cinemascopefilm sollte ja eigentlich 1953 „Blondinen bevorzugt“ sein; aber das war den Studios zu gewagt. Deshalb zog man damals das Bibelepos „Das Gewand“ vor. Das Monumentalkino der 50-er/60-er war die Goldene Ära des Bibelfilms - bis zu John Hustons dreistündigem Megaflop „Die Bibel“, der das Genre 1965 drastisch beendete.

Christen stellen ein dankbares Publikum

Jetzt ist es wieder da. Und alle fragen sich, woher das neue Interesse kommt. Sollte es wieder die neue Technik sein? Tatsächlich können sich die CGI-Effekte-Tüftler am Computer herzlich austoben bei all den biblischen Plagen, die da auf uns niederkommen. Aronofsky bietet uns mit seinem großen Regen einen spektakulären Vorgeschmack. Dennoch: Die Computereffekte werden zwar immer ausgetüftelter, neu sind sie aber nicht. Dieser Technikrausch begann in den Neunzigern – und arbeitete sich erst mal am Katastrophenfilm ab.

Sollte es die Krise sein, die uns wieder zu starken, tradierten Werten zurückführt? Aber nein, dann würde man es sich wohl nicht leisten, sowohl den arabischen Raum zu verprellen, bei dem „Noah“ sogleich auf den Index kam, als auch fundamentalistische Anglikaner, die in den USA Sturm laufen gegen Aronofskys Verfilmung.

Der Grund ist letztlich ein rein pekuniärer. Das Blockbusterkino scheint ausgereizt. Immer mehr Mega-Produktionen aus Hollywood spielen ihr Geld nicht mehr ein. Da denkt man nur allzu gern an die rund 200 Millionen Christen, die allein in den USA ein potenzielles Publikum stellen. Auch Gibsons „Passion“ war zwar 2010 sehr umstritten, spielte aber weltweit 600 Millionen ein.

Ein biblisches Waterworld

Der neue, alte Bibeltrend könnte, das immerhin wäre ein Trost, das Ende der Fahnenstange des derzeitigen fantasielosen Comic-Dauerkinos sein. Aber die Bibel wird dann auch deren Ersatz. Aronofsky stilisiert seinen Noah ja ernsthaft als Comic-Heroen. In einer Welt, in der jeder Superheld einen eigenen Film bekommt, so der Regisseur, „wollte ich zu den ursprünglichen Superhelden zurückkehren.“ Der muss entsprechend mit lauter Knalleffekten gespickt werden.

Auch auf die Gefahr hin, mit allen Religionsfundamentalisten in einen Topf geworfen zu werden, müssen wir hier attestieren, dass Aranofsky mit seinem Herrn der Fluten ein ähnliches künstlerisches Desaster erlebt wie einst Kevin Costner mit „Waterworld“, einem anderen Wasserspiel. „Noah“ ist Aronofskys Waterloo, ein biblisches Waterworld. Die Studios ficht das nicht an. „Noah“ spülte gleich auf Platz Eins der US-Charts. Das ermutigt eher. Nach den Sintflut-Steinbeißern soll Will Smiths Kain-Film sogar irgendwie mit Vampiren zu tun haben. In seiner Profitgier scheint Hollywood nichts mehr heilig zu sein.