„Saving Mr. Banks“

Wie der gute Onkel Walt zu Mary Poppins kam

50 Jahre Mary Poppins: Wie Walt Disney zu den Filmrechten kam, verrät der Film „Saving Mr. Banks“. Mit der Wahrheit darf man es nicht zu genau nehmen. Aber Tom Hanks und Emma Thompson retten den Film.

Foto: Disney Enterprises, Inc.

Supercalifragilistischexpialigorisch. Es gibt Menschen, denen das Wort heute noch stock- und fehlerfrei über die Lippen kommt. Aber auch alle anderen haben es schon einmal gehört. Und verbinden damit, ja sehen darin ein Schlüssel- und Zauberwort der (verlorenen) Kindheit, gegen den auch Pippi Langstrumpfs Allzweckfantasiewort „Spunk“ verblasst. Supercalifragilistischexpialigorisch: Der Zungenbrecher ist die Formel, auf die man „Mary Poppins“ bringen kann.

Den Film wohlgemerkt, denn in P.L. Travers zugrunde liegenden Kinderbüchern kommt das Wort nie vor. Es ist allein die Erfindung des Disney-Studios. Das zeigt einmal mehr, wie die Erinnerung an ein erfolgreiches Buch durch einen noch erfolgreicheren Film verblassen kann.

„Mary Poppins“, das Buch, wird in diesem Jahr 80. Aber kein Hahn würde danach krähen. „Mary Poppins“, der Film, wird dagegen 50. Und dass man sich an dieses Jubiläum erinnert, dafür sorgt das Disney-Studio schon selbst. Weil es nicht nur eine obligatorische DVD-Neuauflage gibt. Sondern auch einen Film zum Film, der die seltsame und durchaus amüsante Genesis der Adaption rekapituliert: „Saving Mr. Banks“. Er läuft an diesem Donnerstag (6. März 2014) in den Kinos an.

20 Jahre lang hat sich Walt Disney um die Filmrechte an den Kinderbüchern gerissen. 20 Jahre lang umsonst. Nie wollte die Autorin aus Großbritannien etwas mit dem Micky-Maus-Konzern zu tun haben. Hier setzt der Film von John Lee Hancock ein. Emma Thompson sitzt als verstockte Frau Travers in ihrem Londoner Domizil. Weigert sich nach wie vor. Kann aber die Putzfrau und die Telefonrechnung nicht mehr bezahlen. So überredet, ja erpresst sie ihr Verleger, endlich einzulenken. Damit beginnt die Posse: der Widerspenstigen Zähmung

Schon am Flughafen beschnuppert sie argwöhnich die Luft von Los Angeles. Das sei Jasmin, sagt ihr Chauffeur. Eher Chlor, kontert sie. Im Hotel findet sie ein Meer von Disney-Plüschfiguren und Luftballons mit Micky-Maus-Ohren, die sie empört in den Schrank stopft. Und im Studio kann sie nichts von allem, was schon vorbereitet wurde, gut finden. Dass Dick Van Dyke eine Hauptrolle spielen soll. Dass Teile des Films animiert werden. Dass getanzt und gesungen wird. Ihr Widerstand gipfelt in einem verzweifelten Generalverbot: Kein Rot im ganzen Film!. Als ihr die Komponisten „Chim chim cher-ee“ vorspielen, wirft sie die Notenblätter aus dem Fenster. Die eines anderen Lieds verstecken sie dann lieber: „Supercalifragilistischexpialigorisch.“

Rache ist süß

Aber da ist ja noch Tom Hanks als Widerpart Disney. Er wirkt wie der gute Onkel Walt, der alle Kinder liebt. Der in Frau Travers eine Seelenverwandte glaubte und überraschter ist als alle, dass da eine schwierige, schrullige Frau eisern ihre Figur und ihre Fantasie gegen seine verteidigt. „Saving Mr. Banks“ ist ein Film aus dem Hause Disney. Ein kritisches Porträt über den Herrscher des Mäuse-Imperiums war nicht zu erwarten. Ein wenig facettenreicher aber hätte man den Mogul schon anlegen können. „Saving Mr. Banks“ aber wirkt wie ein klassischer Disney-Film, ein Märchen wie „Mary Poppins“ selbst. Nur das diesmal nicht der Papa aus dem Kirschbaumweg 17, besagter Mr. Banks, durch seine Kinder und deren Gouvernante zum besseren Menschen bekehrt wird, sondern – die Autorin des Buchs selbst.

Seien wir doch ehrlich: Wer hat je Kiplings „Dschungelbuch“ gelesen? Wer Saltens „Bambi“? Wir kennen sie heute nur als Disney-Filme. Und verorten sie ins Disneyland. Die wahren Urheber sind darüber in Vergessenheit geraten. Davor hatte Frau Travers Angst, durchaus zu Recht. Deshalb hat sie sich verweigert. Das aber hat ihr ein noch übleres Los eingebracht: weil sie nun in diesem Film als ständig vergrätzte Kratzbürste mit dauerstrenger Miene gezeigt wird.

Im Bett mit Micky Maus

Sie sitzt hier allein in ihrem Londoner Haus wie eine alte Jungfer. Die ganz auf ihre britischen Marotten pocht, auch wenn doch in Rückblenden bald gezeigt wird, dass sie eigentlich aus Australien kommt. Was der Film aber nicht zeigt, ist, dass sie einmal verheiratet war, auch eine Beziehung zu einer Frau gehabt haben soll und später ein adoptiertes Kind aufzog. Der Film setzt ganz auf den Gegensatz der lockeren, sonnenverwöhnten Kalifornier und der verstockten Britin.

Dass Travers selber einmal in den USA gelebt und gearbeitet und darüber ebenfalls ein Buch geschrieben hat, auch davon kein Wort. Im Film kommt sie schlecht weg, die „Poppins“-Erfinderin. Und irgendwann wird sie halt, wie alle anderen, auch geknackt. Nur nicht durch Geld. Sondern weil Onkel Walt ihre eigene verletzte Kindheit erkennt. Und sie quasi eine Disney-Therapie erhält, deren Quittung der Film ist. Am Ende ist nicht nur alles dabei, was sie verhindern wollte, Dick Van Dyke, die Lieder, die animierten Pinguine – und die Farbe Rot. Nein, am Ende schmiegt sich Frau Travers im Bett sogar liebesbedürftig an die übergroße Plüsch-Micky-Maus.

Ein Krieg der Fantasien

Dass „Saving Mr. Banks“ nicht ganz zur Karikatur verkommt, ist nur den wunderbaren Darstellern zu verdanken. Allen voran Tom Hanks, der sich künftig wohl oft „Saving Mr. Hanks“ wird anhören müssen. Und noch mehr Emma Thompson. Sie hat in „Eine zauberhafte Nanny“ auch schon mary-poppins-artige Gouvernanten-Erfahrung gesammelt. Sie sieht Julie Andrews, die „Mary Poppins“ im Film verkörpert hat, sogar ein wenig ähnlich. Und sie legt ihre P.L. Travers mit einer Tiefe an, die das Schwarzweißkonstrukt des Drehbuchs vergessen lässt. Den Schlagabtausch, den Krieg der Fantasien, den sich Thompson und Hanks hier liefern, das allein ist sehenswert. Der Film hätte daraus aber etwas mehr machen können als nur einen Geschenkartikel zum Kinojubiläum. Supercalifragilistischexpialigorisch ist der Film deshalb nicht geworden. Super allegorisch für die Art, wie Hollywood mit Erfolgsbüchern umgeht, aber allemal.