Am 16. Februar geht es los. Dann wird die Stadt wieder für elf Tage im Berlinale-Ausnahmezustand sein. Zwei Autorinnen und vier Autoren sind für die Berliner Morgenpost unterwegs, um darüber zu berichten. Vorab haben sie sich schon mal zum Reinschnuppern am Potsdamer Platz getroffen. Und hier verraten sie Lieblings-Momente und -Erinnerungen, die sie mit der Berlinale verbinden.
ELENA PHILIPP
Wenn alles beginnt – und der Bär sich dreht

Wenn sich der Bär ins Bild dreht und die Musik aufklingt, wenn auf der Leinwand eine ganze Weltkugel aus Berlinale-Wappentieren gen Fluchtpunkt trudelt und schließlich in Lichtpunkte explodiert – dann prickelt bei mir jedes Mal die Spannung: Wird der folgende Film seine Verheißung einlösen?
Ihren Trailer mit dem Bären-Feuerwerk zeigt die Berlinale seit 2002 vor jedem Film des Festivals. Eine 50 Sekunden-Animation, die als PR-Maßnahme die Marke stärkt und den Logos der Werbepartner einen Auftritt verschafft. Aber wie potenziell jeder ihm folgende Film ist auch der Berlinale-Trailer ein Tor in eine andere Welt.
Dort beugen sich Raum und Zeit der Phantasie und Kreativität der Regisseur:innen; oder die Wirklichkeit eines anderen Ortes materialisiert sich detailscharf vor unseren Augen. Werden wir weinen oder lachen, mitfühlen oder analysieren, wird uns das Gesehene berühren und einen Teil von uns für immer verändern?
Wenn sich der Bär ins Bild dreht und im Saal der Surround Sound aufklingt, blende ich die Welt um mich aus und werde eingesogen in das Paralleluniversum des Kinos und seiner Künstler:innen. Was kann es Schöneres geben?
PETER ZANDER
Der erste Tag in Berlin - und gleich auf dem Festival

Mein erster Tag in Berlin war Mitte Februar 1988. Es war fürchterlich kalt. Aber es war der erste Tag. Ich war aus dem fernen Süddeutschland für ein Wochenende hier, um mich an der Freien Universität zu immatrikulieren. Schaute mit großen Augen in die große Stadt. Und fuhr mit meiner Begleiterin den ganzen Tag U-Bahn. Klar, Provinz-Ei: Das gab es nicht in unsrer Kleinstadt. Und wir wollten, typisch Touristen!, nach Kreuzberg, wo die Nächte ja lang sind. Also fuhren wir Linie 1 hin und her. Und staunten, dass die U-Bahn auch überirdisch fuhr.
Abends landeten wir in Charlottenburg. Da war viel mehr los: Ein Filmfestival. Plötzlich standen wir vor einem Kino, wo „Linie 1“ lief: die Verfilmung des gleichnamigen Musicals. Kannten wir nicht. Aber die Linie 1 kannten wir! Also sind wir rein. Und sahen im Film mit Freude ein anderes Provinz-Ei, das sich die Stadt über die U-Bahn erschloss und genauso staunte, als sie überirdisch fuhr.
Erst Jahre später fand ich heraus, dass „Linie 1“ damals der Eröffnungsfilm der Berlinale war und wir per Zufall in eine Wiederholungsvorstellung geraten sind. Wie wir da an die Tickets kamen – Wurden sie uns geschenkt? Gab es welche an der Abendkasse? –, das wüsste ich heute selber gern. Aber gleich am ersten Berlin-Tag Berlinale: Das zeichnete irgendwie den Weg vor für den künftigen Filmjournalisten, der seit 1995 professionell auf dieses Festival geht.
EBERHARD VON ELTERLEIN
Ein großer Regisseur, der seine Anfänge nicht vergessen hat

Es muss an einem der vielen Berlinalen gewesen sein, an denen Andreas Dresen einen Film wahlweise im Wettbewerb, Panorama oder Forum hatte. Auf jeden Fall war die Berlinale schon an den Potsdamer Platz gezogen, und ich saß in einem Café. „Hallo, Eberhard, lange nicht gesehen“. Ja, es war tatsächlich Andreas Dresen.
Ich war erstaunt, dass er mich überhaupt noch kannte. Denn unsere letzte und einzige Begegnung war mindestens 15 Jahre her. Ich hatte damals, 1992, seinen Erstling „Stilles Land“ für die Morgenpost besprochen und ihn auch für ein Interview in seiner Babelsberger Wohnung besucht, wo wir unter einem Poster von Giulietta Masina saßen und über die Wende sprachen. Andreas war offen, freundlich, bodenständig, lustig, wie man halt als Erstling beim Film-Interview so ist.
Andreas ist danach sehr erfolgreich geworden. Er hätte allen Grund gehabt, den damals ebenfalls noch jungen Morgenpost-Kollegen zu vergessen. Hat er aber nicht. Als wäre keine Zeit vergangen, plauderten wir im Café über seinen Erfolg, die Berlinale und seine Anfänge. „Schön, dich wiedergesehen zu haben“, schloss er.
„Keine Schwermut, keine Larmoyanz, vielmehr die genaue Beobachtung alltäglicher Details der zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist seine Stärke“, schrieb ich in meiner Kritik zu „Stilles Land“. Seine große Bodenständigkeit hat mir Andreas dazu in unserer zweiten und bislang letzten Begegnung bewiesen.
THOMAS ABELTSHAUSER
Einer der schönsten Kinoerlebnisse - aber abseits, in der Oper

Eine meiner schönsten Erinnerungen ereignete sich abseits der üblichen Festivalorte. Im Februar 2007 saß ich in der Deutschen Oper und konnte meinen Augen und Ohren kaum glauben. Auf der Leinwand, die für den Anlass aufgespannt war, flackerten surrealistische Schwarzweißbilder, eine Frau mit verrücktem Blick, ein Leuchtturm vor tosender Brandung, ein offenes Gehirn unter einer Glashaube.
Die konkrete Handlung ist verblasst, etwas mit traumatischer Kindheit auf einsamer Insel. Was mir dagegen tief im Gedächtnis blieb, ist das Geschehen vor der Leinwand. Denn die alptraumartigen Szenen waren tonlos, der kanadische Avantgarde-Regisseur Guy Maddin hatte sein neuestes Werk „Brand Upon the Brain!“ als Stummfilm inszeniert, der an diesem Abend mit Liveorchester aufgeführt wurde, dirigiert vom Komponisten der Filmmusik, Jason Staczek.
Doch nicht nur das, auch alle anderen Töne entstanden auf der Bühne eigens für diesen Moment. Rechts auf einem Podest werkelte ein Geräuschemachertrio in weißen Kitteln, mit allerlei kuriosen Gegenständen wurde hantiert, Teller zerdeppert und das Brechen von Knochen mit Selleriestangen nachgeahmt. Und links stand im eleganten Anzug mit Krawatte eine Gestalt, die als Erzählstimme fungierte. Es war die unnachahmliche Isabella Rossellini, flüsternd, schreiend, singend. Ein großes Vergnügen, nach 16 Jahren noch unvergessen. Auch wenn es mir heute fast wie ein Traum vorkommt.
FELIX MÜLLER
Weltreisen in die Kiez-Kinos

Vor acht Jahren, als ich zum ersten Mal bei der Berlinale dabei war, erhielt ich den Auftrag, mich um die Sektion „Berlinale goes Kiez“ zu kümmern – und habe es seither immer wieder und immer lieber getan. Der 2010 eingeführte Teil des Festivals folgt der guten Idee, die Berlinale zu dezentralisieren und es Filmbegeisterten zu ermöglichen, die Lichtspielhäuser in ihrer Nachbarschaft zu nutzen.
Als jemand, der seit 32 Jahren in Berlin lebt, kannte ich natürlich viele der kleineren Spielstätten schon. Aber es war eine schöne Gelegenheit, ihnen nach langer Zeit einmal wieder einen Besuch abzustatten. Das Thalia in Lankwitz zum Beispiel, das es seit den 50er-Jahren gibt (und mit dem Capitol sogar einen Vorläufer aus den 30er-Jahren hat). Oder das Schöneberger Odeon, wo ich zu Studienzeiten 1995 Jim Jarmuschs „Dead Man“ gesehen hatte.
Zugleich aber bot der kleine Wanderzirkus der Sektion, der einen nur fünf Meter langen roten Teppich von Kiez zu Kiez transportiert, die Chance für Entdeckungen. Ohne ihn hätte es mich nie in die Neuen Kammerspiele von Kleinmachnow verschlagen, wo ich 2016 während des Filmdramas „24 Wochen“ ins Schluchzen geriet und mir meine ältere Sitznachbarin diskret ein Taschentuch reichte. Und die Weltreise zum wunderschönen Union-Kino in Friedrichshagen hätte ich auch nie angetreten. Die Kieze erweitern den Horizont!
CLARA ANDERSEN
Ich bin noch ein Berlinale-Küken

Roter Teppich, internationale Stars und natürlich das ganz große Kino – das sind wohl die ersten Assoziationen, die vielen Menschen – und so auch mir – bei dem Stichwort Berlinale in den Sinn kommen. Auch der Goldene Bär ist mir natürlich ein Begriff. Doch bis jetzt war die Berlinale für mich persönlich ein fernes Leinwand-Ereignis. Eines, das für mich als Normalsterbliche nicht wirklich greifbar ist.
Schließlich ist es eines der weltweit bedeutendsten Ereignisse der Filmbranche. Ein Event der Stars und Sternchen, von dem ich gelesen, gehört und im Fernsehen gesehen habe. Aber keines, mit dem ich näher in Berührung gekommen bin. Zumindest bis jetzt nicht. Doch das wird sich bei der 73. Berlinale zu meiner großen Vorfreude nun ändern!
Ob es also die Film-Premieren sind, auf die ich mich am meisten freue, der Festivalcharakter und das Zusammenkommen Tausender filmbegeisterter Menschen oder die Roten-Teppich-Events mit Stars wie Steven Spielberg und Kristen Stewart sind –, das ist noch ziemlich schwer zu sagen. Sicher ist aber: Ich kann es kaum erwarten, an einer künstlerischen Auseinandersetzung der obersten Liga teilzuhaben, internationale Filme jeden Genres zu sehen, auf Premieren mit Stars und Sternchen zu sein, besondere Ästhetiken der Spitzenklasse zu erleben. Und natürlich über all das zu berichten!



