Heute beginnt die 72. Berlinale. Und die wird in Zeiten der Omikron-Variante – auch wenn das Festival und seine Stadt schon viele bewegte Zeiten erlebt haben – wohl die ungewöhnlichste werden, die es je gab. Zur Eröffnung läuft im Berlinale-Palast die Weltpremiere von François Ozons „Peter von Kant“. Sieben Berlinale-Gäste aber gucken schon seit Mittwoch Filme: Die Mitglieder der Internationalen Jury würden es sonst gar nicht schaffen, 18 Wettbewerbsfilme in fünf Tagen zu sichten, um dann am 16. Februar über die Bären zu entscheiden. Wir haben am Mittwoch, gleich nach seiner ersten Filmvorführung, den Mann getroffen, der dieses Jahr den Vorsitz über die Jury hat: M. Night Shyamalan, der indisch-stämmige US-Regisseur von Kultfilmen wie „The Sixth Sense“, „Unbreakbale“ und jüngst „Old“ und Showrunner der Erfolgsserie „Servant“.
Herr Shyamalan, das ist Ihre erste Berlinale, richtig? Sie waren bisher noch nie auf diesem Festival.
M. Night Shyamalan: Es ist mein allererstes Mal! Ich war schon oft in Berlin, um Filme zu promoten, aber noch nie auf der Berlinale. Halt, doch, einmal, da war ich noch blutjung, 21, mit meinem allerersten Film. Aber der lief nicht im Programm, er wurde nur intern auf dem Filmmarkt gezeigt, der ja parallel stattfindet.
Was bedeutet es dann für Sie, jetzt gleich Präsident der Internationalen Jury zu sein?
Ganz ehrlich, das ist eine riesige Ehre. Es trifft mich genau da, wofür mein Herz am meisten schlägt. Wenn man mich fragt, was ich all die Zeit mache: Ich liebe es, verschiedene Stimmen zu hören und Talente zu unterstützen. All das macht mein Leben aus. Und ich lerne davon. Deshalb war das eine perfekte Anfrage. Sie hätten keinen dankbareren Kandidaten finden können.
Dennoch wird das eine sehr spezielle Berlinale. Wie sicher fühlen Sie sich in diesen Pandemie-Zeiten mit den derzeitigen Omikron-Hochwerten in Berlin?
Ich versuche, dem angemessen und verantwortungsvoll zu begegnen, und wir wollen sicherstellen, dass wir alle so umsichtig wie möglich miteinander umgehen. Es gibt ja die einen, die sagen: Hey, wir möchten wieder alles tun dürfen, was wir immer getan haben. Und die anderen, die meinen: O nein, alles runterfahren. Wir müssen einen Weg dazwischen finden. Und den müssen wir diszipliniert gehen. Ich halte das Kino für einen sicheren Ort. Und für unsere Jury sowieso. Wir sind ja nur eine kleine Gruppe, wir schauen gesondert, und wir passen sehr auf, dass wir nicht zu oft rausgehen. Ich bin zurückhaltend, aber sehr inspiriert. Das alles beherrscht meine Gedanken nicht auf negative Weise.

Gerade wird kontrovers diskutiert, ob eine analoge Massenveranstaltung wie die Berlinale, auch wenn sie stark reduziert ist, in der Hochphase von Omikron wirklich das richtige Signal ist. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Ich gehöre natürlich nicht zu den Entscheidungsträgern, die das zu verantworten haben. Aber meine Wahrnehmung von Deutschland und in Berlin ist sehr von dem Festival beeinflusst. Klar, ich bin ein Filmemacher, das muss so sein. Aber auch in Philadelphia, wo ich lebe, hat das die Wahrnehmung mitbestimmt. Wir schreiben diesem Land und dieser Stadt eine Liebe zu den Künsten zu, eine Liebe zu neuen, manchmal auch gewagten, kontroversen Stimmen. Und das wirkt sich entscheidend darauf aus, wer du bist und was dein Seelenleben ausmacht. Deshalb ist es sehr wichtig, mit dem Kulturleben weiterzumachen. Für uns Menschenwesen ist es unerlässlich, dass unsere Seelen frischen Wind bekommen. Es ist wichtig, das zu ermöglichen. Und wir tun das jetzt in der verantwortungsvollsten Weise.
Sie stehen für ein sehr spezielles Kino, voller Fantasy, Horror und düsteren Geschichten. Das Festival ist eher bekannt für seine politischen Themen. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Wie passt das zusammen? Oder haben Sie da vielleicht gerade einen interessanten Blick von außen?
Das habe ich mich ehrlich gesagt nie gefragt, als die Anfrage kam. Ich verstehe mich in erster Linie als Independent-Filmemacher. Und habe mich immer so definiert. Auch als manche Filme durch ein Studiosystem gingen und in Multiplexen gezeigt wurden. Ich arbeite bei mir zu Hause in Philadelphia, 3000 Meilen von Hollywood weg. In den letzten acht Jahren habe ich meine Stoffe alle selber finanziert, und sie haben sich auch eingespielt. Ich muss da auch schauen, wie ich ein Publikum erreiche. Ich mache das nicht wie die Studios. Ich gehe nicht in den Supermarkt und greife in bestimmte Regale. Ich frage mich vielmehr, wie ich die Zuschauer provozieren und schocken kann. Da ist eine gewisse Nähe zu politischen Provokateuren, die mit ähnlichen Narrativen arbeiten. Wir teilen das, da gibt es eine gewisse Überschneidung. Vielleicht durchschaue ich das besser.

Kennen Sie eigentlich schon Ihre anderen Jurymitglieder? Haben Sie sich schon vorher einmal getroffen?
Nein, ich kannte keinen von ihnen. Ich musste mich über sie schlau machen, musste Filme schauen und einen Roman lesen. Aber das ist Teil des Spaßes: dass ich jetzt sechs neue Freunde finden werde. Die hoffentlich Freunde fürs Leben werden. Diese Jury wird sehr eng miteinander sein. Das fühle ich schon jetzt, am ersten Tag.
Ach, Sie sind schon zusammen aktiv?
Ich bin seit Dienstag da. Und heute früh ging es gleich morgens los.
Und wie gehen Sie als Jury-Präsident vor? Leiten Sie Ihre Jury an, Filme unter bestimmten Gesichtspunkten zu schauen? Oder gucken Sie erst mal und lassen sich mitreißen? Und wird es am Ende, wie in vielen Ihrer Filme, eine Überraschung geben, auf die keiner gekommen wäre?
Lustig, dass Sie das fragen. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie ich diese Truppe am besten anführen soll. Bei meiner Vorstellung von Kino und Kunst bin ich sehr energisch. Aber ich will nicht alle gleich damit überfallen und im Zaum halten. Ich möchte versuchen, nur eine von sieben Stimmen zu sein. Dabei ist mein Hauptanliegen, dass jeder gleich angehört wird, dass auch das leiseste Jurymitglied genauso zu Wort kommt wie das lauteste. Und ich will dabei sehr behutsam sein. Denn ich habe schon viele Gruppendynamiken studiert und weiß genau, wie Dinge in eine Richtung laufen können, die nicht mehr die Gruppe repräsentieren. Sondern nur noch den Druck, der auf sie ausgeübt wurde.

Die Berlinale-Tage wurden reduziert, der Wettbewerb aber nicht. Sie müssen in sechs Tagen 18 Filme schauen. Wie ist das zu schaffen?
Das war halt einer der Kompromisse, die die Berlinale in Corona-Zeiten eingehen musste. Das erfordert ziemlich Disziplin, damit wir wach bleiben und jeder Film sich auch verdauen lässt. Denn große Filme hören nicht auf, wenn sie zu Ende sind, die arbeiten weiter in einem. Aber dann geht schon der nächste los. Das könnte sich verwischen. Davor habe ich am meisten Angst. Aber das ist halt eine der Herausforderungen eines Festivals.
Bleibt bei diesem Pensum überhaupt noch Zeit für etwas anderes? Für einen Museumsbesuch, eine Besichtigungstour? Kriegen Sie überhaupt was mit von Berlin?
Ich würde wahnsinnig gern in ein paar Restaurants und ein Museum gehen. Aber dafür ist keine Zeit. Wir gucken von morgens bis abends. Das ist leider ein anderer Nachteil. Du kommst gar nicht so viel raus. Vielleicht sollte ich den Job kündigen, um es wenigstens in ein Restaurant zu schaffen. (lacht)
Normalerweise erhalten Jurymitglieder auch die Möglichkeit, einen eigenen Film vorzustellen oder einen Talent-Workshop zu halten. Das ist in diesem Jahr alles nicht möglich. Bedauern Sie das, nicht in Kontakt mit dem Publikum treten zu können?
Das würde ich wirklich gerne tun. Ich liebe Diskussionen, liebe es, andere Meinungen zu hören und davon inspiriert zu werden. Denn ich sehe mich nicht als Lehrer, sondern als ewigen Studenten, der immer weiter lernt. Man lernt, wenn man im Austausch miteinander ist. Das ist wie eine Therapie. Leider geht das jetzt alles nicht. Es ist eben ein sehr spezielles Jahr, aber es ist auch ein Ansporn, daraus das Beste zu machen.
Und wie werden Sie diesen Ritt durchstehen? Haben Sie dafür irgendwelche Strategien oder Hilfsmittel?
Viel Kaffee! Und ich werde penibel darauf achten, genug Schlaf zu kriegen. Denn ich will ja nicht wegnicken. Ich will provoziert, ich will herausgefordert werden. Von jedem einzelnen Film.


