Stell dir vor, es ist Berlinale, und keiner geht hin. Am heutigen Montag beginnt der Ticket-Vorverkauf für die 72. Filmfestspiele von Berlin, die am Donnerstag eröffnet werden. Aber die bange Frage, der sich die Veranstalter stellen müssen, ist: Werden die Zuschauer sich, in Zeiten der Pandemie und den Rekord-Inzidenzwerten der Omikron-Variante, überhaupt auf eine solche Massenveranstaltung trauen? Die Festivalleitung hat zwar, in enger Absprache mit den zuständigen Behörden, ein umfangreiches Hygiene- und Sicherheitskonzept erarbeitet. In diesem Jahr wird es auch keine Ticket-Counter und die schon legendären Warteschlangen davor geben.

Donnerstag

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Karten gibt es in diesem Jahr ausschließlich online. Und für die Vorstellungen gilt eine strenge 2Gplus-Regelung: Man muss geimpft oder genesen sein, wenn man nicht geboostert ist, einen gültigen Tagestest vorlegen und während der gesamten Veranstaltung Maske tragen. Aber die umfangreichen Kontrollen werden unweigerlich zu jenen Staus führen, die man doch eigentlich vermeiden will. Und viele von einem Besuch eher abschrecken. Von einem Festival-Fieber, das Cineasten sonst im Februar befällt, kann in diesem Jahr jedenfalls keine Rede sein. Eben aus der Angst, man könnte wirklich Fieber bekommen – wenn man sich hier ansteckt.

Die große Angst vor einem Superspreader-Event

Analog oder gar nicht: Diese Losung wiederholen die Festivalleiter, die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und der künstlerische Leiter Carlo Chatrian, fast mantraartig. Einen Plan B, das Festival kurzfristig online zu verlegen, war nie geplant. Aber ist eine Massenveranstaltung wie die Berlinale derzeit überhaupt zu verantworten? Ist es nicht geradezu fahrlässig, Zuschauer unter diesen Umständen in die Kinos zu locken? Auch wenn die Säle nur halb gefüllt sind, an den Eingängen wird es zu Andrängen kommen. Und bei diesen Temperaturen will keiner lange draußen in der Kälte bibbern.

Vor zwei Jahren hatte die Berlinale noch echt Glück. Bei der Jubiläumsausgabe zum 70. wurde in den letzten Tagen immer häufiger über die besorgniserregenden Nachrichten aus China gesprochen. Doch wie durch ein Wunder konnte das Festival am 1. März 2020 regulär beendet werden, ohne dass ein Infektionsfall bekannt geworden wäre. Und das, obwohl sogar eine Delegation aus Wuhan vor Ort war.

Mehr zum Thema: Analog oder gar nicht: Die Festivalleiter über die Berlinale 2022

Festivalleitung in schwierigen Zeiten: Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian.
Festivalleitung in schwierigen Zeiten: Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian.© dpa | Markus Schreiber

Im vergangenen Jahr wurde das Festival dann in zwei Hälften gesplittet, in einen digitalen Branchentreff im März und ein Publikumsevent im Juni. Was zwar zu lauschigen Open-Air-Abenden im Sommer führte, aber kein wirklich stimmiges Konzept war. Weil das Publikum, auf das in Berlin doch so großen Wert gelegt wird, doch zur zweiten Klasse degradiert und obendrein die alte, leidige Diskussion neu entfacht wurde, ob man das Festival wieder ganz in den Sommer verlegen sollte.

Nun aber findet, nach zwei Jahren Pandemie, die Berlinale wieder ganz analog statt. Als gebe es nicht täglich besorgniserregende Nachrichten und immer neue Rekordwerte. Messen wie die ITB oder die Grüne Woche wurden vorsorglich abgesagt oder verlegt, die Olympischen Spiele finden in leeren Stadien statt. Und Filmfestivals schwenken um auf online, wie Sundance, oder hybrid, wie Max Ophüls in Saarbrücken.

Versuchskaninchen zur Durchseuchung und Herdenimmunität?

Aber just in der Hauptstadt, deren Inzidenzwerte weit über dem Bundesdurchschnitt liegen, die seit Wochen unter den Corona-Herden den traurigen ersten Platz belegt und in deren Theater- und Konzerthäusern ständig die Programme wegen Corona-Ausfällen umgestellt werden müssen – ausgerechnet hier nun wird ein Festival gefeiert. Und frühestens wenn die Bären verliehen werden, so rechnen die Experten, könnte der Peak der Omikron-Welle erreicht sein. Sind die Zuschauer also Versuchskaninchen in einem großen Laborversuch zur Durchseuchung und Herdenimmunität?

Es scheint, als habe die Festivalleitung bis zuletzt auf eine Kursänderung durch die Politik gewartet. Denn vom Bund ist die Berlinale ja finanziell abhängig. Und da die Zweiteilung 2021 deutlich teurer war, als in den Vorjahren, steht man unter großem Druck. Aber es ist schon absurd, wenn ein Bundespräsident und ein Gesundheitsminister die Nation seit Monaten bitten, Kontakte weitestmöglich zu reduzieren, dann aber die neue Kulturstaatsministerin eine analoge Berlinale als wichtiges politisches Signal für die angeschlagene Kulturbranche bezeichnet.

Mehr zum Thema: Claudia Roth: „Wir lassen uns die Berlinale nicht wegnehmen“

Sie sieht in der analogen Berlinale ein kulturpolitisches Signal: Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen). Sie selbst ist gerade von Corona genesen.
Sie sieht in der analogen Berlinale ein kulturpolitisches Signal: Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen). Sie selbst ist gerade von Corona genesen. © dpa | Michael Kappeler

Sollte auch Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) die Berlinale nur als Teppich zur eigenen Profilierung verstehen? So zumindest hat ihre resolute Vorgängerin Monika Grütters (CDU) sie stets genutzt. Und Frau Roth war ja vor kurzem an Corona erkrankt, sie ist erst mal immun. Die Berliner Morgenpost verzichtet in diesem Jahr wegen der hohen Verantwortung erstmals darauf, eine Leserjury für den Wettbewerb einzuberufen. Und was ist mit all jenen, die das Festival nicht nur aus freiem Willen mal für einen Abend besuchen, sondern für die das zum täglichen Brot gehört?

Während die Berliner Schulen die Präsenzpflicht aufheben, führt die Berlinale eine ein. Die Filmjournalistin Anna Wollner (RBB) forderte in einem viel beachteten Kommentar: „Sagt die Berlinale ab!“ Alles andere sei Realitätsverweigerung.. Viele Kollegen stimmten ihr bei diesen berechtigen Ängsten zu. Und gaben ihre Akkreditierungen teils zurück. Aber der Filmverleiher Torsten Frehse (Neue Visionen) hielt auch dagegen und nannte das „kultur-“, ja „demokratiefeindlich“. Auch das hat das Festival also erreicht: Die Kulturbranche, die bislang recht geschlossen und verständnisvoll zu allen Corona-Regeln stand, zu spalten.

Das Festival spaltet schon jetzt die Kulturbranche

Die Berliner Morgenpost verzichtet wegen der hohen Verantwortung erstmals darauf, eine Leserjury einzuberufen. Und was ist mit all jenen, die das Festival nicht nur aus freiem Willen mal für einen Abend besuchen, sondern für die das zum täglichen Brot gehört? Auch für Journalisten gibt es keine Online-Angebote. Während die Berliner Schulen die Präsenzpflicht aufheben, führt die Berlinale eine ein. Die Filmjournalistin Anna Wollner (RBB) forderte in einem viel beachteten Kommentar: „Sagt die Berlinale ab!“ Alles andere sei Realitätsverweigerung.

Viele Kollegen stimmten ihr zu, einige gaben sogar ihre Akkreditierungen zurück. Aber der Filmverleiher Torsten Frehse (Neue Visionen) ätzte gegen solch berechtigte Ängste: „Unter dieser Gruppe Menschen gibt es jetzt zunehmend eine Stim­mungs­lage, die geradezu kultur­feind­lich ist“. Auch das hat das Festival also erreicht: Die Kulturbranche, die bislang recht geschlossen und verständnisvoll zu allen Corona-Regeln stand, zu spalten.

Hoffen wir, dass alles gut geht. Aber wie international wird das Festival wirklich sein, wer traut sich in diesen Tagen in unsere Stadt? Und was, wenn sich das Filmfest nun doch zu einem Superspreader-Event entwickelt? Und Besucher nicht nur erkranken, sondern es schlimmstenfalls gar einen Todesfall gäbe? Das wäre der Super-GAU für das ohnehin angeschlagene Festival. Dann hätten die Veranstalter der Berlinale einen echten Bärendienst erwiesen. Das Festivalplakat ’22 mit dem abweisend zackigen, offenbar schockgefrorenen Bären ist jedenfalls ein eindringliches Bild. Die 72. Berlinale, sie ist nur was für Hartgesottene. Und man wird einmal nicht über die Filme diskutieren, sondern über die Situation, in der sie gezeigt werden. Eine Berlinale mit Unbehagen.

So kommen Sie an die Berlinale Tickets:Die üblichen Ticketcounter und Warteschlangen sind in Zeiten der Pandemie undenkbar. In diesem Jahr gibt es Tickets ausschließlich online. Der Verkauf beginnt immer drei Tage im Voraus, ab zehn Uhr. Das Programm wie den Ticketshop des Festivals finden Sie auf www.berlinale.de. Bezahlt werden kann per Kreditkarte oder Sofortüberweisung. Gekaufte Tickets werden dann per E-Mail als Mobile Tickets bzw. print@home-Tickets zugestellt. Karten vom 10. bis 16. Februar kosten 13, für den Wettbewerb 16 Euro. Für die vier Publikumstage bis 20. Februar kosten alle Vorstellungen 10 Euro. Es können bis zu zwei Tickets pro Person und Vorstellung gebucht werden. Zuschauer müssen geimpft oder genesen (dann mit gültigem Tagestest) oder geboostert sein. Während der Vorstellung gilt Maskenpflicht. Wegen der Sicherheitskontrollen beim Einlass sollte mehr Zeit einkalkuliert werden.