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Keine braunen Bären: Neuer Ärger bei der Berlinale

Kurz vor der 70. Berlinale kommt heraus, dass Alfred Bauer, der erste Leiter, des Festivals, seine NS-Karriere verschleiert hat.

Auf Tuchfühlung mit den Stars: Festspielleiter Afred Bauer begrüßt 1965 die italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida auf der Berlinale.

Auf Tuchfühlung mit den Stars: Festspielleiter Afred Bauer begrüßt 1965 die italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida auf der Berlinale.

Foto: Konrad Giehr / picture-alliance/dpa

Die Berlinale kommt nicht zur Ruhe. Fast muss einem das neue Team leid tun. Statt sich auf sein erstes Programm oder das Jubiläum zum 70. konzentrieren zu können, musste das Filmfestival erst neue Sponsoren und dann auch neue Kinos suchen. Dann fielen noch alte Äußerungen des frisch gekürten Jurypräsidenten Jeremy Irons, die ihn als ziemlich frauenfeindlich dastehen lassen, auf ihn zurück.

Am Mittwoch aber, als die neuen Festivalleiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian gerade ihre erste Berlinale-Pressekonferenz abgehalten hatten, ging eine Bombe hoch, die alle schlechten Nachrichten davor als Bagatellen erscheinen lassen.

„Eifriger SA-Mann voller Einsatz“

Denn wie erst jetzt bekannt wurde, war Alfred Bauer, der erste Berlinale-Direktor, der das Festival ein Vierteljahrhundert lang, von 1951 bis 1976 geleitet hat, ein hochrangiger Funktionär der nationalsozialistischen Filmbürokratie. Und hat seine Nazi-Vergangenheit später beschönigt und vertuscht.

Als erstes berichtete darüber das Wochenmagazin „Die Zeit“. Bereits im Januar hatte sich der Hobby-Filmwissenschaftler Ulrich Hähnel an die Zeitung gewandt, weil er bei einer Recherche auf Bauers Funktionen in der NS-Zeit aufmerksam geworden war.

Zentrale Stelle bei der Reichsfilmintendanz

Hähnel war im Bundesarchiv auf Dokumente gestoßen, die belegen, dass er nicht nur ein Mitglied der NSDAP, sondern auch der SA war. In einem Gesinnungszeugnis vom 27. Mai 1942 wird er als „eifriger SA-Mann“ bezeichnet, dessen politische Einstellung „einwandfrei“ sei und von dem „weiterhin voller Einsatz für Staat und Bewegung erwartet“ werde.

Die folgende Recherche, die „Die Zeit“ gemeinsam mit Hähnel betrieb, ergab, dass Bauer weit tiefer in die NS-Filmbürokratie verstrickt war, als er dies zeitlebens angegeben hatte. Drei Jahre lang, von 1942 bis zum Kriegsende, war er Referent der Reichsfilmintendanz, wo er eine organisatorisch zentrale Position einnahm.

Als Goebbels 1943 den „totalen Krieg“ ausrief, war Bauer etwa für die sogenannten Unabkömmlichkeitsstellungen der Filmschaffenden zuständig. Er entschied also, wer vom Kriegsdienst freigestellt wurde und wer nicht.

Innovationspreis mit Altlasten

Nach dem Krieg wurde Bauer zunächst mit einem Berufsverbot belegt. In seinem Entnazifizierungsverfahren soll er dann systematisch verschleiert und gelogen haben, soll seine Mitgliedschaften in NS-Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund verschwiegen, falsche Angaben zu seinen Tätigkeiten gemacht und sich als Antifaschist stilisiert haben, wofür er sich offenbar auch Persilscheine ausstellen ließ. Eine Umschreibung des eigenen Lebens.

Nach Bauers Tod 1986 wurde auf der Berlinale ein neuer, nach ihm benannter Preis gestiftet, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet. Der Silberne Bär Alfred-Bauer-Preis – so die etwas bürokratische Fachbezeichnung – ging an Filmemacher wie Leos Cara, Zhang Yimou, Agnieszka Holland und Alain Resnais. Zuletzt erhielt ihn die deutsche Filmemacherin Nora Fingscheidt 2019 für ihren Beitrag „Systemsprenger“. Nun erweist sich dieser Silberne im Nachhinein eher als Brauner Bär. Ausgerechnet der Preis für neue Perspektiven leidet unter schweren Altlasten.

Die Berlinale reagierte noch am Mittwochabend umgehend und verkündete, angesichts der neuen Erkenntnisse wolle sie den Bauer-Preis aussetzen. „Eine herausgehobene Position Alfred Bauers im Nationalsozialismus war dem Festival bislang nicht bekannt“, teilten die Filmfestspiele mit. Sie begrüßten ausdrücklich die Recherche und die Veröffentlichung in der „Zeit“ und griffen „die neue Informationslage auf, um die Festivalgeschichte mit externer fachwissenschaftlicher Unterstützung aufzuarbeiten“.

Es bleibt nur ein Blick zurück in Scham

Peinlich nur: Just zur 70. Berlinale sollte im Bebra-Verlag ein Buch über den ersten Berlinale-Leiter erscheinen: „Alfred Bauer – Die Grundlagen der Internationalen Filmfestspiele Berlin“. Geschrieben von Rolf Aurich, Filmhistoriker der Deutschen Kinemathek, die auch die Retrospektive der Berlinale verantwortet.

Eine Präsentation des Buchs war während des Jubiläumsfestivals geplant, am 24. Februar in der Kinemathek, in der Reihe „Blicke in die Archive“. Allzu tief sind diese Blicke wohl nicht ausgefallen. Aurich folgt unhinterfragt den Selbststilisierungen Bauers. Ihm lag zwar auch das Gesinnungszeugnis von 1942 vor. Doch er zitiert dabei nur die Charakterisierung Bauers als „bescheidener anspruchsloser Mensch“, nicht aber den „eifrigen SA-Mann“ oder die „einwandfreie politische Einstellung“.

Es bleibt nur ein Blick zurück in Scham

Auch davor ist Bauers Vergangenheit im eigenen Hause offenbar nie genauer untersucht worden. Weder in dem von der Berlinale und der Kinemathek herausgegebenen Jubiläumsband zur 50. Berlinale im Jahr 2000, noch in der erweiterten Neuausgabe zur 60. Berlinale. Die angekündigte Präsentation von Aurichs Buch ist nun abgesagt worden. Die dort herangezogenen Dokumente sollen „zusammen mit weiteren Quellen für eine vertiefte Bewertung herangezogen werden“, wie die Kinemathek verlauten lässt.

Wurde da nur geschludert oder absichtlich weggeschaut? Der Fall wirft auch auf die Kinemathek ein schiefes Licht. Nur so ist der Hinweis zu verstehen, externe Fachwissenschaftler hinzuzuziehen. Viel Lust auf die Jubiläums-Berlinale bleibt da nicht. Es wird wohl eher ein Blick zurück in Scham.