Am Donnerstag ist es wieder so weit. Da fällt der Potsdamer Platz in den Ausnahmezustand – und mit ihm die halbe Stadt. Denn dann startet die Berlinale, und lauter Filmverrückte aus aller Welt drängen in die Stadt. Im Gegensatz zu den anderen großen A-Festivals in Cannes und Venedig hat dabei auch der ganz normale Kinozuschauer die Chance, das Festival nicht nur als Zaungast mitzuerleben, sondern die Filme, um die es geht, auch selbst zu sichten. Denn Berlin ist weltweit das größte Besucher-Filmfestival, hier werden alle Filme in mehreren Wiederholungen gezeigt. Und der letzte Berlinale-Tag, der 17. Februar, ist schon traditionell der „Publikumstag“.

400 Filme werden in diesem Jahr gezeigt, 15 mehr als im Vorjahr. 400 Filme, das sind bei zehn Festivaltagen – den Publikumstag mal abgezogen – sage und schreibe 40 Filme pro Tag. Das kann natürlich kein Mensch auch nur im Ansatz bewältigen. Die wichtigste Frage, die sich da stellt, ist deshalb immer wieder: In welchen Film soll man gehen? Wofür lohnt sich das stundenlange Anstehen in den langen Warteschlangen vor den Ticketcountern?

Unser Filmredakteur Peter Zander hat sich schon mal ein wenig umgesehen und aus der riesigen Masse eine kleine Auswahl getroffen. Das ist natürlich eine völlig subjektive Wahl, und sie ist auch ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll lediglich ein kleiner Wegweiser sein durch den kaum zu überschauenden Wald an Beiträgen und Sektionen. Eine Empfehlung in 20 Filmen.

The Kindness of Strangers (Eröffnungsfilm)

Die Berlinale wurde schon mit Musicals, Trickfilmen und Burlesken eröffnet. In Dieter Kosslicks letztem Jahr geht es dagegen gleich mit schwerer Kost los: Menschen in der Krise, die sich im winterlichen New York begegnen. Die dänische Regisseurin Lone Scherfig, ein Dauergast der Berlinale, lotet menschliches Verhalten unter ex­tremen Bedingungen aus. (ab 7.2.)

Der goldene Handschuh (Wettbewerb)

2004 gewann Fatih Akin für „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären. Danach war Akin eher in Cannes. Zu Kosslicks letzter Berlinale kehrt er nun aus Dankbarkeit zurück und zeigt seine Milieustudie über den Serienmörder Fritz Honka. Kaum zu erkennen als Honka ist Jonas Dassler, der erst letztes Jahr mit „Das schweigende Klassenzimmer“ auf der Berlinale debütierte. (ab 9.2.)

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Vice (Wettbewerb außer Konkurrenz)

Es gibt viele Arten, mit einem Politiker abzurechnen. Man kann es halten wie Michael Moore und kämpferische Pamphlete drehen. Oder bissige Politsatiren, wie Adam McKay in seinem Film über George W. Bushs Vizepräsidenten Dick Cheney, der sich im Weißen Haus zur grauen Eminenz aufschwang. Hinter der Maske als Cheney ist Christian Bale kaum zu erkennen. (ab 11.2.)

Grâce à Dieu (Wettbewerb)

Francois Ozon ist ein echtes Berlinale-Kind, fast schon ein Dauergast im Wettbewerb. Sein jüngster Film könnte aktueller kaum sein: Ein Drama über den Missbrauch von Kindern durch Priester und wie einige Opfer Jahre später gegen einen Täter vorgehen, der immer noch mit Kindern arbeiten darf. Ein Film, der Studie und Polemik zugleich ist und wütend macht (ab 8.2.)

Elisa & Marcella (Wettbewerb)

Netflix-Filme im Wettbewerb: zeigen oder nicht? Nein, sagt Cannes. Ja, sagt Venedig. Jein, sagt die Berlinale. Sie zeigt zumindest eine Produktion, die aber auch eine Kinoauswertung erfahren soll. Darin erzählt Isabel Coixet in schönen, strengen Schwarz-Weiß-Bildern von der Liebe zweier Frauen zueinander im Spanien um 1900, als lesbische Liebe noch ein Sakrileg war. (ab 13.2.)

Der Nachtportier (Hommage)

Der Ehrenbär geht dieses Jahr an die großartige Schauspielerin Charlotte Rampling. Wenn die 72-Jährige den Bären erhält, wird im Anschluss noch einmal jener Skandalfilm gezeigt, der sie 1974 schlagartig berühmt machte: ein finsteres Drama über einen SS-Arzt, der Sadomasospiele mit einer KZ-Insassin treibt. Eine Beziehung, die nach dem Krieg wieder aufgenommen wird. (ab 14.2.)

Brecht (Berlinale Special)

Gerade erst war Lars Eidinger im „Dreigroschen-film“ als Bert Brecht zu sehen. Nun hat sich Heinrich Breloer, berühmt für sein Dokudrama „Die Manns“, an den Dramatiker gewagt. Sein Dreistünder kommt im März ins Fernsehen, feiert Uraufführung auf der Berlinale. Und kann mit einem Bombencast aufwarten: Tom Schilling als junger und Burghart Klaußner als alter Brecht. (ab 9.2.)

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Die Sieger (Berlinale Classics)

Das Festival zeigt nicht nur neue Filme, sondern immer auch ein paar frisch restaurierte Werke. Wie Dominik Grafs früher Erfolgsfilm „Die Sieger“ über ein SEK-Team, das einem Komplott zwischen hoher Politik und organisiertem Verbrechen auf die Spur kommt. Zu sehen ist erstmalig der Director’s Cut mit drei Szenen, die beim Start 1994 der Schere zum Opfer gefallen sind. (Ab 11.2.)

8 Tage (Berlinale Series)

Es ist schon Tradition, dass die Berlinale auch Serie guckt. „8 Tage“ ist diesmal das einzige deutsche Format. Nur acht Tage, dann stürzt ein Asteroid auf die Erde und wird Europa zerstören. Wie reagiert man in solch einer Endzeit? Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky zeigt das mit großer Star-Besetzung in acht beklemmenden Folgen. Und lässt von Panik bis Anarchie nichts aus. (ab 13.2.)

The Operative (Außer Konkurrenz)

Fatih Akin und Diane Kruger waren das Dream-Team bei „Aus dem Nichts“. Der Zufall will’s, dass beide im Wettbewerb sind, nur diesmal nicht zusammen. In dem israelischen Spionagethriller geht die deutsche Schauspielerin gleichwohl wieder in die Vollen als Mossad-Agentin, die undercover unter Mullahs im Iran operiert. Tempo- und actionreich und doch hochpolitisch. (ab 10.2.)

Bandits (Retrospektive)

40 Prozent der Wettbewerbsfilme stammen dieses Jahr von Frauen. Ein neuer Rekord. Noch besser ist der Schnitt in der Retro „Selbstbestimmt“ : Er liegt bei vollen 100 Prozent. Wiederzuentdecken ist etwa Katja von Garniers Film von 1997, in dem vier in Haft sitzende Musikerinnen ausbrechen und zu Stars werden. Frauenpower mit Katja Riemann, Jasmin Tabatabai und ganz viel Musik. Selbst der Soundtrack hierzu war ein Hit. (ab 15.2.)

Weil du nur einmal lebst (Berlinale Special Gala)

Dass die Berlinale rockt, dafür sorgen immer wieder prominente Musik-Stars auf dem Festival, wie die Rolling Stones oder George Michael. In diesem Jahr wird ein Dokumentarfilm über die „Laune der Natour“-Tour 2018 der Toten Hosen vorgestellt. Und natürlich wird Deutschlands erfolgreichste Rockband dabei auch selbst auf den Teppich kommen. (ab 15.2.)

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Cleo (Generation Kplus)

Ein sehr verspielter, origineller und ur-eigener Berlin-Film ist Erik Schmitts Regiedebüt. Darin geht es um die Seele und lange Geschichte der Stadt, die schon mal bis ganz zum Urknall zurückgespult wird, um drei bizarre Berliner Freaks, eine junge Frau, die die Schicksalsschläge ihrer Kindheit ungeschehen machen will, und eine Schatzsuche. Ein skurril-rasanter Trip durch Berlin. (ab 13.2.)

Mid90s (Panorama)

Jonah Hill kennt man als Schauspieler etwa aus „Wolf on Wall Street“. Sein Regiedebüt überrascht mit einer sehr atmosphärischen Studie junger Skater Mitte der 90er in Los Angeles, die viel Spaß haben, aber sich in Drogen zu verlieren drohen. Der Film lebt durch unverbrauchte, authentische Darsteller. Einer der Teenies will ständig einen Film drehen. Dahinter darf man Hill selbst vermuten. (ab 10.2.)

Skin (Panorama)

Bedrückendes Drama mit hochaktuellem Thema, basierend auf einer wahren Aussteigergeschichte: Ein junger Mann (Jamie Bell) trägt seinen Hass nicht nur tief im Herzen, sondern sichtbar auf der Haut: lauter Tattoos mit rechten Symbolen. Als er aussteigen will, ist das nicht nur mit einer schmerzhaften Prozedur verbunden, seine rassistische „Familie“ will ihn auch nicht so ziehen lassen. (ab 11.2.)

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Berlin Bouncer (Perspektive Deutsches Kino)

Sie sind die Herren des Nachtlebens: die Türsteher, die darüber entscheiden, wer in welchen Club reinkommt und wer nicht. David Dietl, Sohn des verstorbenen Kultregisseurs Helmut Dietl, hat in seinem Dokumentarfilm drei Legenden dieser Spezies begleitet, die seit 25 Jahren die Clubkultur in Berlin prägen. Eine Kulturgeschichte der anderen, pulsierenden Art. (ab 10.2.)

All My Loving (Panorama)

Edward Berger hat 2014 mit „Jack“, einem Film über zwei Kinder, die von ihrer Mutter vernachlässigt werden, zu Tränen gerührt. Sein neuer Film handelt von drei Geschwistern in den 40ern, die sich alle längst im Leben eingerichtet haben und ihre Entwürfe doch gründlich überdenken müssen. Mit Lars Eidinger und Nele Mueller-Stöfen, die wie bei „Jack“ auch am Drehbuch mitwirkte. (ab 9.2.)

The Boy Who Harnessed the Wind (Berlinale Special Gala)

Und noch ein Regiedebüt eines Schauspielstars: Chiwetel Ejiofor („Twelve Years A Slave“) hat den autobiografischen Roman von William Kamkwamba verfilmt. Es geht um Dürre, Klimawandel, Armut und Not in Malawi, die ein findiger Junge durch die Konstruktion einer Windmühle beheben will. Ejiofor ist auch in der Rolle des Vaters zu sehen. (ab 12.2.)

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6 Minuten 66 (Perspektive Deutsches Kino)

Spannendes Experiment und Filmessay zugleich: 15 junge Berliner Filmemacher wie Dietrich Brüggemann, Axel Ranisch, Thomas Stuber, Christian Schwochow oder Helene Hegemann werden in einem Berliner Hotelzimmer jeweils allein mit Fragen um die Zukunft des Kinos konfrontiert. Und haben genau sechs Minuten und 66 Sekunden Zeit, sich dazu zu verhalten. (ab 15.2.)

A Portuguesa (Forum)

Dies ist mein Platz! Es ist ein unwirtliches Schloss in Norditalien. Und weil der Lord in den Krieg zieht, will er seine Gemahlin zurück in ihre Heimat Portugal schicken. Doch die Gattin bleibt und verteidigt den Sitz elf Jahre lang. Rita Azevedo Gomes hat Robert Musils im Mittelalter spielende Novelle mit starken Bildern und prächtigen Kostümen verfilmt. Und Ingrid Caven gurrt dazu Lieder. (ab 8.2.)

Tickets und Termine

Vorverkauf Am Donnerstag startet die 69. Berlinale mit „The Kindness of Strangers“. Ab dem heutigen Montag, 10 Uhr, startet der Vorverkauf für die Festivalfilme an vier zentralen Stellen: in den Potsdamer Platz Arkaden, im Kino International, im Haus der Berliner Festspiele und in der Audi City Berlin am Kurfürstendamm. Unter www.berlinale.de können Tickets auch online gebucht werden. Der Server war in der Vergangenheit aber oft überlastet. Die Tickets kosten regulär 13, Wettbewerbsfilme 16 Euro, am Publikumstag sind es 10 Euro.

Buchung Der Ticketvorverkauf findet jeweils drei Tage im Voraus statt. An den Tageskassen der einzelnen Kinos können zudem Restkarten erworben werden, hier ist aber nur Barzahlung möglich. In den Programmheften, die am Mittwoch in der Morgenpost lagen und auch an den Vorverkaufsstellen ausliegen, finden Sie alle Termine zu den einzelnen Vorführungen. Zur Bestellung nutzen Sie am besten den sechsstelligen Code, der hinter jedem Vorführungstermin steht. BM