Er ist einer der auch international erfolgreichsten Filmemacher Deutschlands. Tom Tykwer kennt man auch in den USA, seit „Lola rennt“ und auch für Filme wie „Cloud Atlas“ und die Serie „Sense8“. Auf der Berlinale war der 52-Jährige auch schon mehrfach vertreten, durfte sogar zwei Mal das Festival eröffnen. In diesem Jahr tritt er allerdings ein Amt an, das er noch nie innehatte: Er wird der Präsident der Internationalen Jury, die am Ende über die Bären entscheidet. Wir haben den Regisseur vorab, noch ganz entspannt, im „Café Einstein“ Unter den Linden getroffen.
Herr Tykwer, Sie haben ein neues Büro im Holzmarkt bezogen. Gehen Sie auf Distanz zum Hause X Filme?
Tom Tykwer: Aber nein. Das ist unser Projektbüro außerhalb von X. Aus dem einfachen Grund: Wenn wir im Haus sind, kommt man nicht zum Arbeiten, weil so viel anderes ansteht. Der Holzmarkt ist aber auch ein traumschönes Gelände, wo gerade sehr viel passiert; es ist die kreativste Zone der Stadt. Wir schauen da über die S-Bahn-Gleise hinweg auf die Spree, eingerahmt von Platte und Fernsehturm. Mehr Berlin geht eigentlich nicht. Ich bin total verknallt in diesen Ort und die Menschen, die hier leben und arbeiten.
Sie sind auf dieser Berlinale Jurypräsident. Ist das Amt eine große Ehre? Oder kommt es nicht eigentlich zur Unzeit? Sie sitzen mitten an den Drehbüchern zur dritten Staffel von „Babylon Berlin“.
Ich muss zugeben, dass ich gerade eine große Lust zur Pause habe. Wie das mit Serien läuft, ist schon eine Form von Wahnsinn. Man hat die letzte Staffel gerade fertig geschnitten und sitzt schon an den Drehbüchern zur nächsten. Ich bin zum Glück abgefedert, weil ich mit Achim von Borries und Henk Handloegten zusammen schreibe. Wir sind gut aufeinander abgestimmt, so dass sich auch mal einer ausklinken kann. Aber man muss ständig weitermarschieren, um die schiere Menge an Material unterzukriegen. Wir sind manchmal schon ein bisschen fertig mit den Nerven.

Lustig, dass Sie die Jury-Arbeit als Erholung bezeichnen. Andere haben schon gestöhnt, drei Filme am Tag und dann noch all die Empfänge.
Wer sich nicht auf die Berlinale freut, der muss als Filmschaffender sein Berufsfeld überprüfen. Ich meine: Wir schauen den ganzen Tag Filme. Und reden darüber. Was gibt es Schöneres? Dass es auch ein bisschen anstrengend ist, gehört dazu. Filme können ja auch anstrengend sein, der Streit über Filme auch. Aber das ist ja eine positive Anstrengung, der ich mich gern aussetze. Und was die Empfänge angeht: Das Ganze ist ein Filmfest. Wenn wir da nicht zum Feiern kommen, machen wir was falsch. Aber ich bin ganz sicher, dass das gelingt. Unsere Jury ist eine ganz bunte, lustige, energiegeladene Truppe.
Sie saßen bislang erst in einer Jury, in Deauville. Warum eigentlich nicht öfter? Hat man Sie nie gefragt? Oder wollten Sie nicht?
Ich werde schon oft angefragt, aber ich habe schlicht nicht die Zeit dazu. Das ging in diesem Fall auch nur, weil ich, wie gesagt, bestellten Urlaub brauchte, weil ich dringend mal aus dem Tunnel raus und frische Luft atmen muss. Ansonsten arbeite ich gern und viel. Und dann habe ich noch zwei Kinder, mit denen ich sehr gern Zeit verbringe. Und eine Frau, mit der ich noch viel mehr gern Zeit verbringe. Da bleibt einfach keine Zeit übrig.
Wie bereiten Sie sich auf die Präsidentschaft vor? Sehen Sie sich mehr als Klassenlehrer oder als Moderator?
Ich glaube, ich bin hier in der einzigen Fähigkeit gefragt, die ich mir auch zutraue. Ich bilde mir ein, eine Gruppe gut zusammen halten und soziale Bindungsenergien fließen lassen zu können. Deshalb bin ich wohl auch Filmemacher geworden. Das ist im Grunde das einzige, was man da macht, man bringt tolle kreative Leute an einen Tisch und entwickelt etwas gemeinsam. Ich muss jetzt also nur meine Arbeit machen, wie ich sie immer mache, das wird dann schon laufen. Ich sehe mich auch als Regisseur nicht als Frontmann, wenn überhaupt, dann nur als relativer Mittelpunkt einer möglichst breit gefächerten, paritätischen Debatte. Und die wünsche ich mir in der Jury auch.

Das ist schon Ihre 36., wenn nicht 37. Berlinale. Wie regelmäßig sind Sie eigentlich auf dem Festival?
Das ist von Jahr zu Jahr verschieden. In letzter Zeit ist es leider weniger geworden. Das hängt natürlich von der Arbeitslage ab. Sehr oft fällt ins Frühjahr die Postproduktion eines Films. Dann ist man leider sehr okkupiert. Aber die Berlinale ist auch eine tolle Chance, Entdeckungen zu machen. Meine Frau Marie und ich gehen inzwischen auch traditionell zur Eröffnung, weil wir uns als Teil des Fests empfinden. Früher fand ich so eine Veranstaltung anstrengend, aber Marie hat mir beigebracht, in dem Durcheinander Spaß zu haben. Weil wir gemeinsam mit dem Festival älter geworden sind. Das ist auch eine Tradition, die unsere Beziehung begleitet, und für mich ganz stark damit verknüpft.
Sie haben gleich zweimal die Berlinale eröffnet. 2002 die allererste Kosslick-Berlinale mit „Heaven“, 2009 mit „The International“. Wie sind Ihre Erinnerungen daran?
Das war jedes Mal eine tolle Erfahrung. Das erste Mal war besonders toll. Weil Dieter Kosslick so ein starkes Zeichen gesetzt hat, einen so speziellen Film als Flaggschiff vorwegsegeln zu lassen. Das war für mich sehr ermutigend. Und das ist etwas, was ein Festival auch leisten sollte: Filmemachern Mut machen. Zuvor war es ja eher so, dass man als deutscher Regisseur die Berlinale eher gemieden hat, weil man da Sorge haben musste, geschlachtet zu werden. Das hat sich seitdem sehr geändert.
Nachdem Sie Filme im Wettbewerb hatten, ist das jetzt interessant, das Ganze von der anderen Seite zu betrachten? Wie eine Jury Filme bewertet?
Ich gehe auch sonst gern mit interessanten Menschen ins Kino und diskutiere über Filme, auch leidenschaftlich. Das möchte ich auch jetzt so unbefangen wie möglich tun. Alles Weitere ist dann die Bildung einer gemeinsamen Haltung, die sich aber erst finden muss. Und das ist der Aspekt, der mich bei der Jury am meisten interessiert: wie wir als heterogene Gruppe dazu finden werden.

Im November ist ein Offener Brief von 79 Filmschaffenden über die Nachfolge von Dieter Kosslick bekannt geworden. Sie haben als einer der wenigen nicht unterzeichnet. Weil Sie schon wussten, dass Sie Jurypräsident werden? Oder wollten Sie den Vorstoß auch sonst nicht unterstützen?
Ich wusste das schon, aber das war nicht ausschlaggebend. Ich hatte die Sorge, dass der Brief falsch aufgenommen oder gar benutzt wird. Und es ist ja leider genauso gekommen. Das war sehr unerfreulich, wie dieser doch eigentlich sehr produktive Vorstoß zu einer Generalabsage an Kosslick verzerrt wurde. Sicher gibt es an der Berlinale Dinge zu verbessern. Aber das Fazit über die 16 Jahre von Kosslick ist doch extrem positiv. Die Stadt ist verliebt in dieses Festival. Dieser eisige, Nerven zehrende Februar in Berlin wird uns durch dieses Festival verschönt. Es ist eine einzige Freude, zu dieser Jahreszeit in Berlin zu sein, wegen der Berlinale! Wenn alle sich ein wenig verstrahlt dem Kino hingeben. Was selbst solche Leute tun, die sonst vielleicht nur drei Mal im Jahr ins Kino finden. Das ist eine lustvolle Attitüde, die weltweit unvergleichbar ist.
Ist Kosslick jetzt angezählt, vielleicht sogar die ganze Berlinale beschädigt?
Nein. Was ich eben genannt habe, ist ja ein großes Verdienst, das muss erst mal anerkannt werden. Dass es jetzt eine Übergangsphase gibt und die für Anspannung sorgt, ist normal und ja auch wichtig. Es muss einen Neuanfang geben. Aber das heißt ja nicht, dass alles Alte schlecht war.
Glauben Sie, die Nachfolge-Debatte wird auch die Berlinale bestimmen?
Ich hoffe, das wird jetzt erst mal ein bisschen nach hinten treten. Im Mittelpunkt sollten jetzt die Filme stehen. Im Sommer wird dann ja über die Nachfolge entschieden. Dann wird sich die Debatte nach vorne richten.
Eine Debatte, die auf jeden Fall das Festival bestimmen wird, ist #MeToo. Michael Haneke hat ja gerade beklagt, dass das Ganze zu einer Hexenjagd gerät. Was ist Ihre Haltung dazu?
Die Debatte muss dringend geführt werden - als sozialpolitisches Thema. Wir müssen aber davon wegkommen, sie zu personalisieren. Das ist dem Ganzen nicht zuträglich. Wenn man immer nur Einzelne stigmatisiert, lenkt man nur davon ab, dass das ein strukturelles Phänomen ist, das man in ihren Ursachen bekämpfen muss.
Sie haben auch schon mit Harvey Weinstein gearbeitet, an besagtem „Heaven“…
… und das war auch schon die letzte Zusammenarbeit mit ihm. Ich habe nichts von dem, was ihm jetzt vorgeworfen wird, erlebt. Aber was ich mitbekommen habe: Der glaubte auf einem absolut hierarchischen Konstrukt zu thronen, er hat seine Macht offen ausgelebt, das widerspricht so ziemlich allem, an das ich glaube. Aber es ist albern, ihn jetzt hervorzuheben und dafür zu stigmatisieren. Weil jeder aus eigener Erfahrung weiß, wie oft in viel kleineren Zusammenhängen solche Absurditäten praktiziert werden, wie oft Macht vor Inhalte gestellt wird. Da kann sich jeder positionieren, jeden Tag ganz banal im eigenen Arbeitsalltag.
Im Wettbewerb sind dieses Jahr gleich vier deutsche Filme vertreten. Dieter Kosslick spricht von einem guten Jahr des deutschen Films. Sie dagegen haben gerade bekrittelt, dass die meisten deutschen Filme nicht mutig genug sind.
Es ist immer schön, wenn es auch mal einen guten Jahrgang gibt. Wir haben ja immer zwei, drei tolle Filme im Jahr. Aber eben nicht 12, 15 wie das französische Kino. Das ist bedauerlich. Und auch ein bisschen empörend. Es gibt so viele Möglichkeiten, aber es wird, finde ich, zu wenig daraus gemacht. Ich treffe oft Filmemacher, die sich beschweren, dass sie keine Fördermittel bekommen. Ich sage immer: Zeig mir dein radikales, geniales, wildes Drehbuch, und es wird in drei Wochen finanziert sein. Denn genau diese Bücher fehlen uns gerade.
Werden Sie deutsche Filme anders anschauen als andere? Milder vielleicht oder im Gegenteil – noch kritischer?
Nein. Am Ende sitzt man einfach im Kino und will sich überraschen lassen und verführt werden.



