Filmkritik

"Die Verlegerin" beschwört ein besseres Amerika

In einem entscheidenden Moment wächst eine Frau über sich hinaus und verändert die Politik: Steven Spielbergs Film „Die Verlegerin“.

Tom Hanks und Meryl Streep in "Die Verlegerin"

Tom Hanks und Meryl Streep in "Die Verlegerin"

Foto: 2oth Century Fox Film Corp.

Sie hat immer nur repräsentiert. Ihr Vater hat die Zeitung erworben und ihrem Mann übertragen. Erst nach dessen Tod wurde Kay Graham (Meryl Streep) die erste Frau der USA an einer Verlagsspitze. Die Geschäfte, so sieht es zu Beginn von Steven Spielbergs Film "Die Verlegerin" aus, überlässt sie dennoch ihrem Chefredakteur (Tom Hanks). Und dem Vorstand. Männern eben. Denn wir schreiben die 70er-Jahre, Frauen mögen in der Chefetage sitzen, aber die Hosen haben immer noch die Männer an.

Doch dann kommt dieser Moment, wo die Zeitung an hochbrisantes Material kommt. Der politische Druck ist enorm. Wenn das gedruckt wird, dann kommt die Zeitung vor Gericht, dann müssen die Herausgeber vielleicht sogar ins Gefängnis. Aber es geht um Aufklärung, um Pressefreiheit, auch um Courage. Und plötzlich muss diese Verlegerin, zum ersten Mal in ihrem Leben, eine wirkliche Entscheidung fällen.

Es ist die Schlüsselszene in Spielbergs Film. Und der Kultregisseur weiß sie spannend wie ein Krimi zu inszenieren, obwohl doch allgemein bekannt ist, wie die Entscheidung ausfiel. Es ging um die Pentagon Papers, die jahrelange Lügen von gleich vier Regierungen über den Vietnamkrieg aufdeckten. Streng ­geheimes, tausendseitiges Material, das der ewige Konkurrent, die "New York Times", als Erstes erhalten und in Teilen auch schon abgedruckt hatte. Aber dann drohte die Nixon-Regierung mit juristischen Schritten. Die "NYT" zögerte. Und die "Washington Post", die bis dahin eher als Regionalblatt gehandelt wurde, sah ihre große Chance.

Die Entscheidung ist so spannend, weil sie unter doppeltem Druck gefällt wird. Da ist die offensichtliche, evident politische Ebene. Aber da ist auch die gesellschaftspolitische und geschlechtsspezifische Ebene. Weshalb der deutsche Titel "Die Verlegerin" einmal präziser ist als der Originaltitel "The Post", der lediglich die Zeitung benennt. Denn immer wieder muss die Verlegerin der "Washington Post" erleben, wie sie als einzige Frau unter lauter Anzugträgern von oben herab behandelt, nicht für voll genommen wird. Und sie scheint so daran gewöhnt, dass sie sich kaum zu einer eigenen Position durchringen kann.

Es ist fast schmerzhaft zu erleben, wie Meryl Streep diese Kay Graham anlegt. Die Schauspielerin hat schon so viele starke Figuren gespielt, von Karen Silkwood bis Margaret Thatcher, nun muss sie diese zaudernde, im Grunde ängstliche Gesellschaftsdame geben, die immer ihrem Vorstand hinterhertrippelt und sich in Sitzungen nicht traut, das Wort zu ergreifen. Fast eine Hamlet-Figur des Journalismus. Bis sie im entscheidenden Moment über sich hinauswächst. Und damit nicht nur die Politik verändert. Sondern auch gleich noch zu einer feministischen Symbolfigur wird.

Am Ende des Films sieht man, wie Nixons Handlanger in das Watergate-Gebäude einbrechen. Nahtlos könnte man, als Double-Feature, mit "Die Unbestechlichen" fortfahren, dem Klassiker von 1976, in dem zwei "Post"-Journalisten den Watergate-Skandal enthüllen und Nixon stürzen. Der Film damals war ein Glücksdreieck der Stars Dustin Hoffman und Robert Redford und Regisseur Alan J. Pakula. Ein Ähnliches findet sich auch bei "Die Verlegerin". Noch nie hat Steven Spielberg, noch nie hat Tom Hanks mit Meryl Streep zusammengearbeitet. Diese drei Großen erstmals vereint – allein das lohnt den Film.

Wie schon im Spionagefilm "Bridge of Spies" inszeniert Spielberg auch hier ein besseres Amerika, das es so eigentlich nicht (mehr) gibt, das er aber umso trotziger als solches glorifiziert. Klassisch, geradezu altmodisch kommt der Film daher. Nostalgisch, fast rührend ist es zu sehen, wie er das Zeitungswesen und ihre Maschinerie in Szene setzt, von investigativen Telefonaten und rennenden Boten über das Tippen in Schreibmaschinen bis zum Setzen altmodischer Bleisätze. Das Happy End ist dann, wenn die Druckwalzen endlich anlaufen.

Aber auch wenn Spielberg ganz historisch das Jahr 1971 rekonstruiert, ist sein Film doch brandaktuell. Ein Präsident, der glaubt, er stünde über dem Gesetz, der Lügen in die Welt setzt und dreist die Presse der "Fake News" bezichtigt, das hat es alles schon gegeben. Es scheint, als hätte Spielberg den ganzen Film nur insze­niert als große Parabel auf das Phänomen Trump – ohne den Teufel beim Namen nennen zu müssen. Da ist selbst die Besetzung mit Meryl Streep ein doppelter Coup, hat sie sich doch bei der Golden-Globe-Verleihung 2017 als eine der Ersten mutig gegen den damals neuen Präsidenten gewandt, woraufhin dieser sie als "meistüberschätzte Schauspielerin" geschmäht hat. Besser kann Hollywood nicht parieren: mit einem Film, der zum Hohelied auf die Pressefreiheit gerät. Und der noch bleiben wird, wenn Trump längst Geschichte ist.

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