Vor zwölf Jahren war Daniel Brühl der Shooting Star der Berlinale und mit „Good Bye, Lenin!“ im Wettbewerb vertreten. Das hat seine Karriere beflügelt. In diesem Jahr sitzt der Berliner Schauspieler in der Internationalen Jury, die am Ende über die Goldenen und Silbernen Bären entscheidet. Wie bereitet man sich auf elf Tage Festival vor, wie hält man drei Filme am Tag durch? Wir haben den 36-Jährigen vorab in seiner Kreuzberger Tapas-Bar Raval getroffen.
Berliner Morgenpost: Herr Brühl, wie kommen Sie in die Berlinale-Jury?
Daniel Brühl: Dieter Kosslick hat mich schon letztes Jahr gefragt, ob ich Lust habe. Da fühlte ich mich sehr geehrt, aber zu der Zeit gab es viele Promotiontermine für Rush, das ging terminlich nicht, ich musste leider absagen.
… und dann hat er als Plan B Christoph Waltz genommen.
(lacht) Das will ich gerne glauben! Ich hatte danach Angst, dass Dieter mich nicht noch mal einladen würde. Hat er aber und da bin ich ihm sehr dankbar für. Ich bin gern dabei und freue mich riesig auf die nächsten zwei Wochen Kino.
Kennen Sie schon jemanden aus der Jury? Darren Aronofsky oder Audrey Tautou?
Audrey hat mir Ron Howard, der „Rush“-Regisseur, vorgestellt. Wir waren essen in Paris, das ist noch gar nicht so lange her. Sie war extrem charmant.
Sie haben schon bisschen Jury-Erfahrung, Sie saßen in einer Kurzfilmjury in Cannes.
Richtig. Etwas Großartigeres gibt es nicht. Du bist in Cannes und guckst Kurzfilme. Da bist du mittags fertig und kannst danach Bouillabaisse löffeln. Ich war damals mit Tim Burton in der Jury. Die arme Helena Bonham-Carter, seine Frau, war in der Wettbewerbsjury, die war nie zu sehen, die fiel abends todmüde ins Bett. Tim Burton hat sich dann immer weggestohlen und kam mit Drinks bei mir vorbei. Für mich jungen Spund war es natürlich unfassbar, mit Burton auf dem Hotelzimmer zu quatschen, trinken und Musik zu hören!
Jetzt wird es Ihnen wie Helena Bonham-Carter gehen. Drei Filme am Tag: Gibt es da irgendwelche Überlebensstrategien, wie man das durchhält?
Wenn’s nur die Filme wären. Es gibt ja auch jede Menge Empfänge und sonstige Pflichttermine, wo man als Juror hin muss. Da gibt es nur eins: Wenig Alkohol trinken. Mal n’ Gläschen, mehr nicht, da muss man sich disziplinieren, sonst hält man nicht durch. Du kannst da nicht verkatert rumhängen, das geht ja schon früh um neun im Kino los. Und ich habe großen Bock drauf. Wenn du einen eigenen Film auf dem Festival hast, dann siehst du meist wenig anderes, die wertvolle Akkreditierung ist dann für nix. Mal einen ganzen Wettbewerb zu schauen und sich darüber auch noch auseinandersetzen mit interessanten Leuten, das wird eine großartige Erfahrung.
Sie wollten, das haben Sie einmal bekundet, unbedingt mit Sebastian Schipper drehen. Das haben Sie dann mit „Ein Freund von mir“ auch getan. Jetzt ist Schipper mit „Victoria“ im Wettbewerb vertreten. Ist man in solchen Fällen befangen?
Nee. So nahe stehen wir uns jetzt nicht. Ich kann sowas auch ausblenden. Bei „Oh Boy“ kenne ich wirklich jeden, ich weiß, wie der Film zustande kam, kenne zig Anekdoten. Aber als ich ihn gesehen habe, habe ich wirklich alles vergessen, ich konnte den ganz neutral genießen. Das wird jetzt bei „Victoria“ ähnlich sein. Und Und mit den Jahren haben wir alle gelernt, ehrlich miteinander umzugehen.
Sie stellen auch Ihren neuen Film vor, „Woman in Gold“ mit Helen Mirren. Wie schafft man das auch noch?
Ach, das ist nur ein Abend. Das muss schon okay sein. Aber zu viel nebenher geht wirklich nicht. Man muss das ernst nehmen und konzentriert sein. Man trägt ja Verantwortung, schließlich verleiht man mit den Bären einen der renommiertesten Preise unserer Branche.
Sie haben 2003 „Good Bye, Lenin!“ auf der Berlinale gezeigt, wurden damals als Shooting Star ausgezeichnet. Hat das Ihre internationale Karriere beflügelt?
Absolut, ja. Das war ein Traumstart als junger Hüpfer, der ich damals war. Da ist so viel passiert. Der Shooting-Star-Preis ist eine wunderbare Sache, er öffnet jungen Schauspielern den Blick und bringt dich mit Kollegen aus ganz Europa zusammen. Mich hat da auch ein spanischer Produzent gesehen, der mich zwei Jahre später für meinen ersten spanischen Film besetzt hat, davon habe ich ganz direkt profitiert. Und „Good Bye, Lenin!“ trat von Berlin aus seinen Siegeszug durch Europa an, darauf werde ich auch heute noch angesprochen. Diesem Film und Wolfgang Becker, dem Regisseur, habe ich wahnsinnig viel zu verdanken. Immer noch.
Ihre Bar Raval wurde vor vier Jahren mitten in der Berlinale eröffnet. Ist das für Sie auch fest mit dem Festival verbunden?
Total, ja. Als mein Geschäftspartner Atilano damals die Idee hatte, die Bar mittendrin zu eröffnen, hab ich noch geschimpft mit ihm: Da ist so viel los, kein Mensch kommt her. Und wirklich saßen wir hier anfangs ganz allein, nur meine Familie, meine Freunde, ’ne Tortilla ging rum, das sah sehr traurig aus. Aber ab zehn Uhr wurde das voller und voller. Clive Owen saß schön betrunken genau da, wo Sie jetzt sitzen, mit Tom Tykwer im Schlepptau. Das war ein Traumstart für die Bar.
Da werden Sie am vierten Geburtstag gleich die Jury hierher einladen?
Genau, damit wir am nächsten Tag alle denselben Alkoholpegel haben! Nein, nein. Ich werde da natürlich anstoßen, aber dann auch früh wieder abrauschen.
Sind Sie eigentlich Berlinale-Gänger? Auch wenn Sie einmal keinen Film zeigen oder nicht in der Jury sitzen?
Es gab schon Jahre, da hatte ich gerade einen Film gedreht, wollte nicht direkt danach wieder in den Filmorkan rein und hab mich zuhaue verschanzt. Aber das Schöne an einem großen Festival wie der Berlinale ist ja das vielseitige Programm, es bietet die Chance, Filme zu gucken, von denen du nicht weißt, ob du sie sonst wieder auf der großen Leinwand sehen wirst, da habe ich schon oft von profitiert.
Sie sind der deutsche Part der Jury. Dabei drehen Sie derzeit einen Film nach dem anderen im Ausland. Muss man Angst haben, dass Sie dem deutschen Kino verloren gehn?
Auf keinen Fall. Aber es ist schon so, dass mir plötzlich ganz andere Drehbücher, ganz andere Rollen angeboten wurden, wie ich sie in Deutschland früher nicht so bekam. Das habe ich natürlich dankbar angenommen. Aber ich hoffe immer noch, dass auch wieder mal ein tolles Projekt aus Deutschland kommt. Ich habe mit Wolfgang Becker ja auch „Ich und Kaminski“ gedreht, der hat nur so sein sehr eigenes Tempo. In drei Jahren läuft der vielleicht auf der Berlinale (lacht).
„Rush“ hat Ihrer Karriere noch mal Drive gegeben. Demnächst werden Sie die höchsten Hollywoodehren genießen und neben Robert Downey jr. und Scarlett Johansson im Marvel-Comic „Captain America 3“ mitspielen. War Hollywood immer so ein Fernziel bei Ihnen?
Ganz ehrlich? Nicht so wirklich. Das war immer viel zu weit weg von mir. Und auch zu blöd als Traum. Ich habe lang vom europäischen Kino geträumt. Und war sehr dankbar, als das dann irgendwann geklappt hat. Ich würde gern viel öfter in Frankreich arbeiten, weiter weg würde mich Lateinamerika interessieren. Das kitzelte mich damals mehr als das große Wort Hollywood. Plötzlich waren einige von uns bei „Inglourious Basterds“ dabei, das war irre. Und seit „Rush“ passiert da jetzt mehr in dieser Richtung. Das genieße ich schon sehr.
Sie machen uns aber nicht den Christoph Waltz und verabschieden sich nach L.A.?
Ich denk schon mal dran, ein Jahr woanders zu leben. Aber dann sicher nicht Hollywood, sondern vielleicht noch einmal ganz woanders. Und nie auf Dauer. Ich hab ja meine Freunde hier und die Bar natürlich!
![*** EXKLUSIV *** Daniel Br hl zu Gast in Wien anl sslich der KURIER Romy Verleihung 2014. F r seine Darstellung von Niki Lauda im Film "Rush" war Br hl als bester Schaupieler nominiert. Wien 26.04.2014. 20140426_PD11429 [ Rechtehinweis: usage Germany only Verwendung nur in Deutschland Please check additional restrictions! Bitte Einschr nkungen der Handelsrecht ] *** EXKLUSIV *** Daniel Br hl zu Gast in Wien anl sslich der KURIER Romy Verleihung 2014. F r seine Darstellung von Niki Lauda im Film "Rush" war Br hl als bester Schaupieler nominiert. Wien 26.04.2014. 20140426_PD11429 [ Rechtehinweis: usage Germany only Verwendung nur in Deutschland Please check additional restrictions! Bitte Einschr nkungen der Handelsrecht ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/137149735/137149735_1423813819_v16_9_1200.jpeg)




