Berlinale

Warum Dieter Kosslick mit den Babelsberg-Chefs geschimpft hat

So viel Babelsberg gab es noch nie: Gleich drei Filme aus den Studios - darunter der Eröffnungsfilm - laufen im Berlinale-Wettbewerb. Christoph Fisser, einer der beiden Chefs, über die starke Präsenz.

Foto: Reto Klar

So viel Babelsberg gab es noch nie auf der Berlinale. Die Filmstudios Babelsberg stellen nicht nur den Eröffnungsfilm "Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson, auch George Clooneys "Monuments Men" und "La belle et la bete" laufen im Wettbewerb, wenngleich außer Konkurrenz. Und das, wo man in der Vergangenheit eher den Eindruck gewinnen konnte, Babelsberg und die Berlinale könnten nicht besonders. Stimmt gar nicht, sagt Christoph Fisser, der seit 2004 mit Carl Woebcken die Studios leitet.

Berliner Morgenpost: Herr Fisser, wie bereiten Sie sich auf die Berlinale vor? Haben Sie ein Geheimrezept?

Christoph Fisser: Berlinale ist immer Großkampfwoche. Ich habe noch immer nicht gelernt, das richtig einzuteilen. Ich nehme es mir jedes Jahr vor, die Tage gut durchzustehen. Aber irgendwann hat man immer ein Glas Wein auf den Empfängen zu viel getrunken.

Wo ist denn Ihr Defizit: Stehen Sie morgens zu früh auf oder gehen Sie abends zu spät ins Bett?

Beides. Wir haben den ganzen Tag Termine und abends noch oft Veranstaltungen. Und nicht nur die eigenen. Ich bin ja noch der Vernünftigste bei uns, ich versuche relativ früh ins Bett zu gehen. Aber bei eigenen Veranstaltungen oder Premieren muss man natürlich präsent sein.

Sie haben zum ersten Mal drei Filme im Wettbewerb.

Das haben wir in der Tat noch nie geschafft. "Monuments Men" und "La Belle et la Bete" laufen zwar außer Konkurrenz, aber mit dem Eröffnungsfilm "Grand Budapest Hotel" sind das tatsächlich drei Titel. Es ist einfach so, dass wir mal bei Dieter Kosslick waren und der geschimpft hat, dass nie Babelsberg-Filme auf der Berlinale laufen. Dieses Jahr haben wir sie zumindest mal eingereicht. Und dann sind sie auch ausgewählt worden. Wir haben Dieter Kosslick bereits während der Dreharbeiten nach Babelsberg eingeladen und unter anderem auch ein Treffen mit George Clooney arrangiert. Das ist reiner Zufall, dass die Filme alle so gedreht worden sind, dass sie zur Berlinale fertig wurden. Dieses Jahr konnte die Berlinale sogar unter 5 Titel auswählen.

Auch "Die Bücherdiebin", eine Holocaust-Geschichte von Deutschen, die einen Juden verstecken, hätte doch eigentlich prima zur Berlinale gepasst.

Absolut. Auf diesen Film bin ich wirklich stolz. Auch weil dieser Film unserer Außenkulisse 'Berliner Straße', die wir jetzt demontieren mussten, noch einen krönenden Abschluss gegeben hat. So prachtvoll hat man die 'Berliner Straße' in keinem anderen Film gesehen. Für uns ist der Film deshalb besonders wichtig. Aber er ist schon in mehreren Ländern angelaufen und es wäre auch daher keine Weltpremiere gewesen. Es fügte sich dieses Jahr so, dass Dieter Kosslick eine große Auswahl von Babelsberg Filmen hatte. Was ja nicht immer so ist. So oder so wird das eine sehr glamouröse Berlinale. So viele Weltpremieren, so viele Stars auf dem Teppich hat es länger nicht mehr gegeben.

Herr Kosslick hat mit Ihnen geschimpft. Auch wir haben den Eindruck, dass das Studio Babelsberg mit dem Festival ein bisschen fremdelt.

Nein, den Eindruck habe ich überhaupt nicht. Wenn ich sage, "Dieter schimpft", dann natürlich auf seine nette Art. Wir hatten auch viele Filme wie "Der Vorleser", "The International" oder "Der Ghostwriter " auf der Berlinale. Nur manchmal geht es einfach nicht. Das ist auch gar nicht unsere Entscheidung. Für diese großen amerikanischen Studioproduktionen werden weltweite Marketingstrategien in Millionenhöhe umgesetzt. Die Kinostarts werden genau terminiert. Und manchmal sind Filmfestivals dann gar nicht immer so entscheidend. Zudem kommt, dass der Zeitpunkt der Berlinale auch wegen der Oscar-Filme, die Ende des Kalenderjahres anlaufen müssen, um nominiert zu werden, uns nicht optimal erscheint. Aber auch ich freue mich, wenn die Filme, die in Berlin-Brandenburg gedreht werden, auch hier gezeigt werden. Das kann sonst vielleicht noch Toronto mit seinem Filmstudio bieten, aber sonst kein anderes Festival. Nicht Cannes und nicht Venedig.

Wie haben Sie es bei "Monuments Men" geschafft? Der sollte doch auch schon im Dezember starten.

Wenn die US-Studios Fox und Sony zusammen mit George Clooney sich entschieden hätten, den Film ins Oscar-Rennen zu schicken, wäre der Film mit Sicherheit nicht zur Berlinale gekommen. Als die Nachricht kam, dass der Filmstart verschoben wird, war es unsere erste Aufgabe zu vermitteln: Das hat geklappt. Jetzt läuft der Film auf der Berlinale.

Wie einfach ist es eigentlich, einen Clooney nach Babelsberg zu kriegen? Die Stars sagen ja immer, wie hip sie es finden, in Berlin zu drehen. Aber dennoch müssen Sie immer wieder aufs Neue Überzeugungsarbeit leisten?

Schauspieler sind gern hier, keine Frage. Aber hier geht es um Produzentenentscheidungen. Und Studioentscheidungen. Bei "Monuments Men" war anfangs tatsächlich auch Prag im Gespräch. Das wäre augenscheinlich erst mal billiger gewesen. Zum Beispiel sind die Arbeitslöhne der Filmcrews in Tschechien niedriger als in Deutschland. Und das kann bis zu 50 Prozent eines Budgets ausmachen. Wenn man uns preislich mit osteuropäischen Ländern vergleicht, haben wir einen Standortnachteil. Aber wenn wir Vergleichsbudgets erstellen, zeigt es sich, dass wir oft viel effektiver arbeiten. Andere Filmstudios brauchen zehn Leute für das, was bei uns ein Mann macht. Unsere Leute sind Weltklasse. Das bestätigen alle. Früher kamen internationale Produzenten noch mit bis zu 100 Fachkräften nach Babelsberg. Heute kommen nur noch die sogenannten "Head of Departments", die gesamte Crew wird mit deutschen Filmschaffenden besetzt, ob Set Designer, Kostümbildner, Kulissenbauer, Kunstmaler. Aber wir müssen für jeden Film aufs Neue Überzeugungsarbeit leisten. Jedes Projekt wird von uns hart akquiriert. Spätestens beim Location-Scout von "Monuments Men" wurde klar, dass der Film hier gedreht wurde. Wir sind quer durch Deutschland gefahren, um uns nach Drehorten umzuschauen. Wir sind übrigens im Sommer 2012 Wochen lang mit Clooney unterwegs gewesen, ohne dass das jemand bemerkt hätte.

Zieht denn Berlin als Stadt, zieht Babelsberg als Name?

Fisser: Man muss erst einmal zeigen, dass man es kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Amerikaner hier 50 Jahre lang hier nicht produziert haben. Unsere Branche ist nicht unbedingt sentimental, aber natürlich sind sie beeindruckt von der Geschichte Babelsbergs. Und Berlin ist eine Trumpfkarte, die häufig sticht. Liam Neeson hat vor kurzem gesagt: "Berlin sei für ihn die Hauptstadt Europas."

Das reicht aber nicht. International läuft ein Wettbewerb, welcher Standort die besten Bedingungen bietet.

In England und Ungarn gibt es keine Kappungsgrenze bei der Förderung. Bei uns in Deutschland geht das nicht und damit haben wir einen Riesennachteil bei den großen Produktionen. Da können wir noch so nett sein und Berlin noch so hip sein, wenn in anderen Ländern eine höhere Förderung möglich ist.

Anderseits ist es natürlich rausgeschmissenes Geld von Steuerzahlern, wenn jetzt in jedem Land kräftig Subventionen gezahlt werden, um Filmstudios anzulocken.

Wahrscheinlich wäre es am besten, wenn es weltweit keine Förderung gäbe. Aber das ist komplett unrealistisch. Und man darf nicht vergessen, dass ein Film neben den enormen wirtschaftlichen Effekten auch eine Standortwerbung für ein Land, für eine Stadt sein kann. Wenn ich an "Unknown Identity" denke mit Liam Neeson, dann ist der Film ja geradezu eine Berlin-Hymne geworden.

Wie ändert sich für Sie die Situation, nachdem Monika Grütters nun Kulturstaatssekretärin ist und dem Filmfreak Bernd Neumann nachgefolgt ist?

Wir haben Frau Grütters leider noch nicht kennengelernt, aber wir werden uns sicherlich bald kennenlernen. Bernd Neumann hat sich sehr stark für den Film engagiert und sich zweifelsfrei verdient gemacht.

Wie wird 2014 für das Studio Babelsberg?

Filmgeschäft ist immer ein volatiles Geschäft. Wir haben vor zwei Jahren gedacht, wir hätten ein glanzvolles Jahr vor uns. Wir hatten eine sehr große Filmproduktion in Aussicht gehabt, anderen Interessenten bereits abgesagt, und dann ist dieses Projekt, mit einem gigantischen Volumen, abgezogen.

Und man kann einfach so absagen?

Natürlich sind in so einem Fall Vertragsstrafen vorgesehen. Aber natürlich weisen die US-Studios einen im freundlichen Ton darauf hin, dass sie prinzipiell sehr gern weiterhin mit Babelsberg zusammenarbeiten würden. Falls wir das mit den Strafen ernst meinten, müssten sie sich das aber noch einmal überlegen. Kurzum, ich rechne 2014 mit einem sehr guten Jahr, weil wir große Studioproduktionen in Aussicht haben.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.