Flüchtling

Nazif Mujic hofft nach der Berlinale auf ein Happy End

Am 24. Februar läuft die Aufenthaltsgenehmigung von Berlinale-Gewinner Nazif Mujic ab. Bei der diesjährigen Auflage des Berliner Filmfests sucht er nach einem Ausweg aus seiner schwierigen Situation.

Foto: Amin Akhtar

Es ist ein besonderer Moment, Nazif Mujic zu bitten, in die Kamera zu schauen, für ein Foto oder für einen kurzen Film. „Und jetzt bitte hier zu meiner Hand blicken“, sagen dann die Fotografen, oder „hier, direkt in die Kamera!“. Manche sind sehr laut bei der Arbeit, als hätten sie ein professionelles Fotomodel vor sich. „Ja! Genau so bleiben!“, rufen diese Fotografen. Nazif Mujic aber bleibt stumm und schaltet sein Lächeln aus. Er ist dann ganz im Schauspieler-Modus, jenem Modus, der ihm vor einem Jahr den Silbernen Bären als Bester Schauspieler der 63. Berliner Filmfestspiele eingetragen hat. Den gleichen Preis hat Tom Hanks gewonnen. Mujic kann es immer noch, das Schauspielern. Er will es in diesem Jahr allen zeigen.

Doch die Fotografen haben ihn nicht am Potsdamer Platz fotografiert, sondern in einem Flüchtlingsheim, wo Nazif Mujic seit fast drei Monaten wohnt. Er teilt dort ein Zimmer, 34,2 Quadratmeter, mit seiner Frau Senada und seinen zwei Töchtern Šemsa, Sandra und dem Sohn Danis. Am Donnerstag, soviel hat er erfahren, darf er in ein Hotel am Potsdamer Platz ziehen. Die 64. Berlinale hat ihn eingeladen, ihn, den Bären-Gewinner. Dort kann er noch einmal auf dem Roten Teppich laufen, winken und gekonnt in die Kameras lächeln. Vielleicht schafft er dieses Mal, mit mehr als einer Siegertrophäe wieder zurück in seine Welt zu kehren. Oder besser: Gar nicht mehr zurückzukehren, denn am liebsten will er hier bleiben.

Nazif Mujic ist ein Schrottsammler aus Bosnien, der doch nur seine Frau und Kinder ernähren will. Als ein Regisseur ihn fragt, in einem semi-dokumentarischen Film seine Geschichte zu erzählen, willigt Mujic ein, schließlich bekommt er 1350 Euro für die Hauptrolle, aber diese Geldquelle wird schnell versiegen. Dann folgt die Einladung des Films „Eine Episode aus dem Leben eines Schrottsammlers“ auf die Berlinale, der Große Preis der Jury für den Regisseur Danis Tanovic – und schließlich der Silberne Bär für Nazif Mujic. Der steht auf, im Berlinale-Palast vor einem Jahr, nimmt den Bären entgegen und weiß nicht, dass dessen Glanz nicht einmal eine Woche anhalten wird: Es ist ein undotierter Preis und hilft Schauspielern normalerweise dabei, eine Karriere aufzubauen. Was aber Laiendarsteller mit solch einem Preis anfangen können, da gibt es bisher nur wenig Erfahrung.

„Schrottsammler“-Film läuft in Japan und Spanien

Im Februar 2014 also schaut Nazif Mujic sehr ernst in viele Foto- und Filmkameras aus aller Welt. Japan war da, weil der „Schrottsammler“-Film gerade dort im Kino läuft. Spanien und Frankreich und natürlich Serbien waren auch schon in Gatow zu Besuch. Journalisten sitzen dann bei der Familie auf der Couch, meist läuft der Fernseher, eine Serie wie „In aller Freundschaft“ oder „Mord ist ihr Hobby“. Manchmal stillt die Frau den kleinen 16 Monate alten Danis. Dann ist er still. Er zahnt gerade, da sind kleine Kinder empfindlich.

Er hat alles schon so oft erzählt, wie es dann weiterging in Bosnien, die Schrottsammler, die ihn nicht mehr Schrott sammeln ließen: „Du bist doch jetzt berühmt.“ Er war es nicht, sondern konnte nur auf ein paar Terminen noch einmal sein Gesicht in Kameras halten, auf anderen Filmfestivals. Aber es kamen keine Rollenangebote mehr, die er annehmen konnte oder wollte. Einen Pornofilm, nein, soweit muss er nicht gehen. Aber was tun, wenn das Gesicht bekannt ist, der Mann aus der Nähe von Tuzla, der es geschafft hat. Tuzla war bis dahin nur für das Massaker vom Jahr 1995 bekannt, es liegt nicht weit von Srebrenica. Der Krieg, auch er spiegelt sich im Blick von Nazif Mujic wider.

Bosnier Mujic kämpfte im Krieg

Er sagt, er habe selbst in diesem Krieg gekämpft. „Vier Jahre war ich auf der Seite der muslimischen Bosnier.“ Jemanden erschossen? Er schüttelt den Kopf. „Mein Bruder ist aber im Krieg gestorben“, sagt er noch. Er redet ohnehin nicht gern, stopft lieber stumm seine Zigaretten Marke Montico und raucht. Dann nickt er, ein anderer Bruder wohne nun in Berlin. Es gab also mehr als nur den Silbernen Bären, der ihn hierher brachte. Berlin war ein Versprechen, hier konnten Bosnier ein neues Leben anfangen. Abgeholt wurde die Familie am 19. November am Busbahnhof von seinem Sohn aus früherer Ehe, Šemsudin.

Als das Berlinale-Team vor zwei Wochen von Nazif Mujics Aufenthalt in Berlin erfährt, reagiert die Festivalleitung. Direktor Dieter Kosslick besorgt eine Anwältin für den Preisträger, ausgerechnet eine, deren Kanzlei direkt am Oranienplatz steht, jenem Platz, der seit 16 Monaten von Flüchtlingen aus Afrika bewohnt wird. Sie haben dort Zelte aufgebaut, um gegen die eingeschränkten Rechte aller Flüchtlinge zu kämpfen – sie kämpfen in dem Sinne auch für Nazif Mujic. Die Anwältin war für eine Stellungnahme am Dienstag nicht zu erreichen – aber es ist davon auszugehen, dass es kein leichter Kampf wird. Im Jahr 2013 wurden Asylanträge aus Bosnien meist abgelehnt, das Land gilt als „sicheres Drittland“.

Berlinale-Eröffnung im schwarzen Hugo-Boss-Anzug

Es gibt also viele Termine in dieser Woche für Nazif Mujic: Er war am Montag bei einem Psychologen und muss noch weitere Arzttermine hinter sich bringen. Immer wieder wollen Pressevertreter seine Geschichte hören und wenn alles gut geht, stehen in dieser Woche noch zwei weitere Termine an. Da ist die Berlinale-Eröffnung, zu der er eingeladen wird. Er wird seinen schwarzen Hugo-Boss-Anzug tragen, ernst in Kameras blicken und auf Ralph Fiennes und Bill Murray treffen. Auch Danis Tanovic will zur Berlinale kommen und noch einmal mit Nazif Mujic reden. Dieses Festival ist voller Hoffnung für ihn.

Davor hat er vielleicht mit einer Dolmetscherin den Eröffnungs-Film gesehen, weil er sonst „Grand Budapest Hotel“ nicht verstehen kann. Sein Englisch und sein Deutsch sind noch nicht fließend. Das alles ist noch nicht seine Welt.

Der zweite Termin könnte genau das ändern, noch ist aber nicht sicher, ob er stattfindet. Die Zeit drängt, am 24. Februar läuft die Aufenthaltsgenehmigung für die Familie ab. Mujic soll noch auf dieser 64. Berlinale auf einer Podiumsdiskussion sprechen, der Film „Episode aus dem Leben eines Schrottsammlers“ soll laufen und danach reden Experten darüber, was es bringt, solch einen Film mit Höchstpreisen auszuzeichnen. Seine Familie wird dafür nicht nach Berlin kommen. Gatow ist weit und sein Sohn Danis noch so klein.