Berlinale-Liveblog

Juliette Binoche macht Luftsprünge für die Fotografen

Tag 6 der Berlinale. Die Berliner Morgenpost berichtet vom Schaulaufen der Stars in Berlin, aus den Kinos und vom Drumherum.

+++ 00.10 Uhr Nur zwei, drei harmlose Fellatioszenen. "Inferior. Leather Bar" ist im Cinestar 3 gerade vorbei und Regisseur Trevor Mathews spricht davon, wie herausfordernd die Arbeit am Film war. Er meint die sehr realen Sexszenen, wegen denen sicher einige gekommen waren. Aber es waren nur zwei, drei harmlose Fellatioszenen, die sicher nicht einmal die zarte Frau mit Sekt und Eis-Domino-Steinen in Reihe fünf schocken konnten.

Seltsam nur, dass anschließend eher brave Fragen nach "wie die Schauspieler gecastet wurden", etc. gestellt wurden und nicht die eine Frage, die beim Hinausgehen viele untereinander stellten: "Wenn das für USA-Verhältnisse krasse Sexszenen waren, da wären die aber ganz schön prüde, oder?"

+++ 21.50 Kleine persönliche Episode von unserem Außenreporter im Cinestar: Heute Morgen im Kino sitzt im Wettbewerb, jemand neben einem, der gerade erst angekommen ist auf der Berlinale. Er wollte erst gar nicht kommen und dachte dann: warum nicht. Er ist Österreicher, lebt in Spanien und vor einer Woche ist seine Mutter gestorben. Aber er hatte diese Akkreditierung. Also machte er sich doch auf den Weg nach Berlin, nach der Beerdigung. Es sollte ihn ablenken. Er wisse auch nicht, warum er das jemandem erzähle, der neben ihm sitzt im Kino, aber für ihn sei es doch schwierig, sich auf Iran oder Jude Law zu konzentrieren.

Gegen Mittag trifft man einen alten Freund, den man lange nicht gesehen hat. Der erzählte, er könne sich auch kaum konzentrieren. Ein Freund von ihm sei an einem Herzinfarkt gestorben. Mit 39. Niemand hatte das vorausgesehen. Er müsse vielleicht noch auf eine Beerdigung während der Berlinale.

Und jetzt abends, sitzt man in einem Kino und es ist eine Dokumentation und weil man nicht zu viel verraten will, kann man den Titel nicht schreiben. Jedenfalls ist es eine sehr gute Dokumentation, die nach 70 Minuten endet, obwohl die Person, die porträtiert wird, die ein sehr spannendes Leben führt, plötzlich stirbt. Überraschend, auch für den Regisseur.

Sein plötzlicher Tod wird einfach in Buchstaben auf der Leibwand erzählt. Die Augen zucken dann kurz. Falsche Kinotränen sicherlich, keine Ahnung. Vielleicht auch nur, weil der Regisseur nach der Vorführung auf der Bühne den Satz sagt: "Es hat wirklich niemand kommen sehen, er war ja der Überlebenskünstler."

+++ 20.35 Die letzte Pressekonferenz für heute ist ziemlich leer. Geoffrey Rush meint, es sei kein Problem, dass im Film "The best offer" Englisch gesprochen wird, obwohl die Story in Wien spielt. Denn Shakespeares Romeo und Julia "haben in Verona auch Englisch gesprochen".

+++ 20.02 Uhr Während der Film "Side effects" im Berlinale-Palast läuft, ist nur der "Strassenfeger"-Verkäufer vor den Arkaden am Potsdamer Platz schlecht gelaunt. Keiner kauft ihm die Zeitung ab. Er packt seine Tüte und geht.

+++ 19.45 Jude Law über den Jury-Präsidenten auf dem roten Teppich: " I Love him - he is Wong Kar-Wai."

+++ 19.42 Uhr Dieter Kosslick beginnt zu sprechen, Fotografen stürzen sich auf Jude Law. Gleich geht es los. Ein echter Nahkampf um die Stars Jude Law und Rooney Mara entbrennt zwischen ihnen.

+++ 19.39 Jude Law entsteigt der schwarzen Limousine. Jetzt ist Zeit für das große Kreischen gekommen. Die Fans, Autogrammjäger und Fotografen rasten parallel aus, als der Schauspieler - heute mit Fliege - den roten Teppich entert.

+++ 19.32 Uhr "I'm not allowed to talk about the films", sagt Jury-Mitglied Tim Robbins zu einem Reporter und verneigt sich entschuldigend.

+++ 19.23 Uhr Dieter Kosslick wartet immer noch auf seine Gäste. Wann kommen die ersten Stars nur?

+++ 19.01 Uhr Er gewann "The Voice of Germany" - jetzt darf Nick Howard in der britischen Botschaft im exklusiven Rahmen auftreten. Seine Zuhörer neben Weiteren: Jeremy Irons und Simon McDonald.

+++ 18.31 Der Regisseur von „Camille Claudel“ Bruno Dumont muss sich für einen harten Anfang des Films rechtfertigen: "Es dauert halt Paar Minuten, um ein hartes Ei zu kochen."

+++ 18.10 Fotografen schreien laut beim Photocall mit Juliette Binoche. Sie ist ganz in Rot und strahlt.

In der Pressekonferenz zum Film Camille Claudel sagt Binoche, sie war von der Figur, die sie spielt, bereits mit 16 Jahren fasziniert. Sie wird immer ausgelassener, albert herum. Am Ende gibt sie den „Flummi“ und hüpft agil auf und ab - ein gefundenes Fressen für die Fotografen.

+++ 16.45 Jude Law enttäuscht seine Fans nicht. Fleißig gibt er vor und nach seiner Pressekonferenz Autogramme. Und sieht dabei, im Gegensatz zu Ethan Hawkes blondiertem Haarschopf, unverändert gut aus.

+++ 16.43 Uhr: Jude Law („Der talentierte Mr. Ripley“) mag keine Medikamente. „Ich nehme noch nicht einmal eine Kopfweh-Tablette. Ich hasse das“, verrät der 40-jährige Brite.

In dem neuen Film von Kultregisseur Steven Soderbergh „Side Effects“ spielt Law einen Psychiater, der den verheerenden Nebenwirkungen von Psychopharmaka auf die Spur kommen will.

Natürlich gebe es Menschen, denen Angstlöser und Antidepressiva helfen könnten, sagte Law. „Aber es gibt heutzutage so einen Hang zur schnellen Lösung („short cut„), und das finde ich alarmierend.“

+++ 16.41 Uhr: „Größte Herausforderung war, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich einen Psycho-Doktor spielen kann“, sagt Law. Unter Soderberghs Führung hätten sich seine Sorgen jedoch schnell gelegt. „Wir hatten ein tolles Skript. Und wir waren in bester Hand.“

+++ 16.37 Uhr: „Bei meinen letzten paar Filmen wollte ich, dass sowohl das Drehen wie auch das Anschauen mehr Spaß machen“, sagt der US-Regisseur und Oscar-Preisträger Steven Soderbergh. „Ich versuche, jeden Film so zu machen, dass er den vorigen zerstört“, meint er augenzwinkernd.

+++ 16.29 Uhr „Mir hat es gefallen, jetzt einen Thriller zu machen, nachdem ich ja weiß, wie zwielichtig meine Karriere ist.“ Natürlich ist dabei auch Altmeister Alfred Hitchcock ein Vorbild: „Mich hat interessiert, wie sich Schuld von einer Figur auf die andere überträgt.“

+++ 16.22 Uhr: Jude Law enttäuscht seine Fans nicht. Fleißig gibt er vor und nach seiner Pressekonferenz Autogramme. Und sieht dabei, im Gegensatz zu Ethan Hawkes blondiertem Haarschopf, unverändert gut aus...

+++ 16.15 Uhr: Unter dem Motto „Native – A Journey into Indigenous Cinema“ stellt die Berlinale zum ersten Mal eine Sonderreihe mit filmischen Erzählungen indigener Völker vor. „Gerade in Deutschland, dem Heimatland von Karl May, in dem Native Americans immer noch „Indianer“ genannt werden und in den Köpfen vieler noch in Tipis leben und Friedenspfeife rauchen, ist das Kuratieren eines solchen Programms ein besonderes Abenteuer“, sagt die verantwortliche Kuratorin Maryanne Redpath. Zwei Dutzend Kurz-, Spiel- und Dokumentarfilme aus den letzten fünf Jahrzehnten werden gezeigt.

+++ 16 Uhr: Der deutsche Schauspielstar Mario Adorf ist künftig französischer Ritter der Künste. Der 82-Jährige wird den Orden am Dienstagabend am Rande der Berlinale bei einem Empfang in der französischen Botschaft erhalten. Der „Chevalier des arts et des lettres“, so der offizielle Titel, wird auch der Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg, Kirsten Niehuus, und dem Leiter des Internationalen Filmfests Hamburg, Albert Wiederspiel, verliehen.

+++ 15.40 Uhr: Auch deutsche Schauspieler zollen Papst Benedikt XVI. Respekt. Es sei „toll, dass einer in dem Alter erkennt, dass seine Kraft nicht mehr ausreicht für das Amt“, sagte Schauspieler Charly Hübner (40) . Jasmin Tabatabai (45) sieht in dem Rücktritt „eine sehr vernünftige und reife, sehr moderne Entscheidung“. Musiker und Schauspieler Stefan Jürgens (49) findet den Rückzug des 85 Jahre alten Papstes „tatsächlich eine geschichtliche Leistung“.

+++ 15.37 Uhr: Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche hat für ihren neuen Film „Camille Claudel 1915“ mit geistig behinderten Patientinnen einer französischen Klinik gedreht. „Natürlich wollte ich ihre Krankenschwester sein. Aber das ging nicht. Meine Figur ist sehr in sich gekehrt“, sagt die 48-Jährige. „Aber man spürt sie – und sie spüren dich.“

Der Film des französischen Regisseurs Bruno Dumont bewirbt sich bei dem Festival um einen der begehrten Bären. Binoche („Der Englische Patient“, „Chocolat“) spielt die französische Bildhauerin Camille Claudel (1864-1943), Schwester des Dichters Paul Claudel, die von ihrer Familie von 1915 an bis zu ihrem Tod in eine psychiatrische Anstalt gesperrt wird.

+++ 15.04 Uhr: Der Thriller @SideEffects (“Nebenwirkungen“) hat sogar ein eigenes Twitter-Konto. Es geht um die Pharmaindustrie und ihre Schattenseiten. Steven Soderbergh nutzt das Genrekino, um politische Skandale oder gesellschaftliche Zustände zu beschreiben. In seinem Thriller untersucht er die Machenschaften von Pharmakonzernen.

+++ 14.45 Uhr: Bärte waren ja das letzte große Ding des letzten Jahres. Jeder gerade im Film versuchte, was er konnte im Gesicht wachsen zu lassen. Das hatte verheerende Folgen bei August Diehl ("Wir wollten ans Meer"). Manch einer wurde dadurch erst richtig zum Mann. Jude Law zum Beispiel als Fürst Karenin in "Anna Karenina".

Jetzt ist er in Berlin, der Film ist ein anderer (Soderbergs "Side Effects"), der Bart ist ab. Law zeichnet hinterm Hyatt glatten Gesichts Fotos ab. So schmächtig. Man sollte ihm einen Bart umhängen.

+++ 14.23 Uhr: Die Berlinale hat zur Mitte des Festivals bereits 250.000 Karten verkauft. Der Besucherandrang ist ungebrochen. „Die Filmbegeisterung der Besucher ist nach wie vor beeindruckend“, erklärte Festivaldirektor Dieter Kosslick.

+++ 13.25 Uhr: Manchmal sind sie doch sehr klein, die großen Stars, und fallen gar nicht auf. Stehen einfach rum und rauchen. Wie August Diehl vor der Großbildleinwand am Berlinale Palast. Oben, geschätzt zwölf Quadratmeter groß, macht das ZDF Party-Berichterstattung, Til Schweiger grüßt George Clooney, Alexander Fehling erklärt, nächste Woche wieder ganz normal zu arbeiten. Und der kleine August Diehl steht davor, schaut hoch und zieht an seiner Zigarette. So normal kann die Berlinale sein.

+++ 13.20 Uhr: Und nun ist offiziell bestätigt, was die Berliner Morgenpost gestern schon beim Deutschen Schauspielerpreis im Renaissance-Theater beobachtete: Schauspielerin Jasmin Tabatabai erwartet ihr drittes Kind. Vater ist ihr Lebensgefährte Andreas Pietschmann. Herzlichen Glückwunsch!

+++ 13.03 Uhr: … und er ist doch da! Die Berliner Fans dürfen sich auf einen Auftritt von Jude Law heute Abend im Berlinale-Palast freuen!!! Der Brite führt momentan erste Interviews. Gestern gerüchtete es, er müsse seinen Berlin-Trip absagen... In Steven Soderberghs Wettbewerbsfilm „Side Effects“ spielt Jude Law einen ehemaligen Häftling.

+++ 12 Uhr: Wer einen Berlinale-Film ganz legal ohne zu bezahlen im Internet schauen will, der kann das jetzt, aber genau einen - ausgerechnet einen über Filmpiraterie. "The Pirate Bay" von Simon Klose. Es ist eine Dokumentation über illegale Filmportale - deswegen soll sie auch kostenlos verbreitet werden. Der Berliner Daniel Domscheit-Berg kommt auch drin vor.

+++ 11:25 Uhr: Ticketschlange. Eine junge Frau will unbedingt den Film "Born this Way" aus Kamerun sehen. Der Mann am Ticketsstand sagt ihr, er habe nur noch eins und sie müsse, wenn sie das haben wolle, einen Lady-Gaga-Tanz aufführen.

Sie: "Aber der Film hat doch nichts mit Lady Gaga zu tun!"

Er: "Das ist egal..."

Sie singt: "I'm beautiful in a way..." Und tanzt. Und bekommt das Ticket.

Danach sagt er leise, dass es doch noch mehr Tickets gab, aber er wollte sie so gern tanzen sehen...

+++ 11.22 Uhr: Vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz protestieren einige Demonstranten für Panahi.

+++ 11.15 Uhr: Über die Produktionsbedingungen von „Geschlossener Vorhang“ (“Pardè“) teilt die Berlinale nichts mit. „Wie der Film entstanden ist, das weiß ich nicht“, sagt Festivaldirektor Dieter Kosslick. „Wir haben den Film über einen internationalen Vertrieb bekommen.“

+++ 11.05 Uhr: Panahi ist im Dezember 2010 von einem Revolutionsgericht in Teheran zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil wurde bisher aber nicht vollzogen. Vor zwei Jahren ließ Panahi seinen Film „Dies ist kein Film“ auf einen USB-Stick speichern und in einem Kuchen ins Ausland schmuggeln.

+++ 10.12 Uhr: Regisseur Panahi, der sich offen zur Opposition im Iran bekennt, hat in seiner Heimat Arbeitsverbot. Er gewann bereits 2006 für „Offside“ einen Silbernen Bären der Berlinale. Vor zwei Jahren war der Iraner Mitglied der Berlinale-Jury, durfte aber nicht nach Berlin kommen.

+++ 9.10 Uhr: Jetzt kommt auch noch Jurymitglied Tim Robbins zu spät. Aber den Vogel schießt erneut Wong Kar-wai ab. Der Jurypräsident kommt erst nach einer Viertelstunde in den iranischem Wettbewerbsfilm „Pardé“. Wie will er eigentlich Filme bewerten, wenn er ein Sechstel davon gar nicht mitbekommt?

+++ 9 Uhr: Im Wettbewerb der 63. Berlinale wurde heute der neue Film des iranischen Regisseurs Jafar Panahi gezeigt. Die Bundesregierung hatte zuvor den Iran aufgefordert, dem in seiner Heimat verfolgten Regisseur die Teilnahme an der Premiere von „Pardé“ (Geschlossener Vorhang) in Berlin zu ermöglichen. Bis zuletzt war unklar ob der Regisseur seinen Film nicht doch selbst präsentieren kann. Er wurde im Iran zu Berufsverbot und einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Heimlich und ohne Genehmigung drehte Jafar Panahi seinen neuen Film. In Berlin wurde er von seinem Co-Regisseur Kamboziya Partovi vertreten.

Zudem ist die Französin Juliette Binoche als Bildhauerin in der Titelrolle von „Camille Claudel 1915“ zu sehen. Regisseur Bruno Dumont hat sich dabei von dem Briefwechsel zwischen Camille Claudel und ihrem Bruder Paul inspirieren lassen. Der Amerikaner Steven Soderbergh befasst sich in seinem Thriller „Side Effects“ mit den Machenschaften von Pharmakonzernen. Zur Besetzung gehören Jude Law, Rooney Mara und Catherine Zeta-Jones.