Kino

Bleibtreus Goebbels ist ein Problem bei "Jud Süß"

In den 1940er-Jahren drehten die Nazis mit "Jud Süß" einen ihrer übelsten Propagandafilme. Jetzt hat Oskar Roehler die Geschichte des Werkes verfilmt. Leider mangelt es ihm bei seiner Umsetzung an einer Haltung. Und Moritz Bleibtreu wirkt als Propagandaminister Joseph Goebbels wie angelernt.

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Das Drama von Oskar Roehler handelt von der Entstehung des nationalsozialistischen Propagandafilms "Jud Süß". Neben Bleibtreu spielen Tobias Moretti und Martina Gedeck mit. Ebenfalls auf der Berlinale vorgestellt werden Jasmila Zbanics Beziehungsdrama "Na Putu" und Natalia Smirnoffs "Puzzle".

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Am 5. Januar 1940 erhielt der Schauspieler Ferdinand Marian eine Audienz bei Joseph Goebbels. Der Propagandaminister suchte seit Monaten nach der Besetzung der wichtigsten Figur für sein wichtigstes Projekt, den antimsemitischen Film „Jud Süß“.

Eine ganze Reihe von Schauspielern, denen die Rolle des historischen Joseph Süß Oppenheimer angeboten wurde, der als Berater des Herzogs von Württemberg Einfluss gewann, aber als Sündenbock öffentlich hingerichtet wurde, hatten sich mit allen möglichen Ausreden gedrückt. Nun schien alles auf Marian zuzulaufen – der ebenfalls nicht wollte.

„Goebbels wurde nach kurzem Hin und Her sehr deutlich“, erinnerte sich Marian in einem nach Kriegsende geschriebenen Bericht. „Er sagte, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug, schließlich: ,Veit Harlan hat die Regie und damit die künstlerische Verantwortung. Er verbürgt sich für Ihre Eignung zu dieser Rolle. Das genügt mir. Den Film brauche ich. Und zwar sofort. Von heute ab müssen alle ran. Sie sind der Erste.’“ Daraufhin, schreibt Marian, habe er sich besoffen, seine Wohnung demoliert und sei nach einstündiger Raserei zusammengesunken.

Weniger dramatisch klingt dasselbe Treffen in Goebbels’ Tagebuch: „Mit Marian über den Jud-Süß-Stoff gesprochen. Er will nicht recht heran, den Juden zu spielen. Aber ich bringe ihn mit einigem Nachhelfen doch dazu.“

Diese Szene gibt es auch in Oskar Roehlers „Jud Süß – Film ohne Gewissen“, der sich mit der Entstehung des Propagandafilms beschäftigt. Goebbels (Moritz Bleibtreu) empfängt Marian (Tobias Moretti), schickt Harlan (Justus von Dohnányi) aus dem Raum und versucht den Schauspieler mit seiner gewohnten Mischung aus Leutseligkeit und unterschwelliger Drohung zu überzeugen.

Schließlich nimmt er zu Drohungen Zuflucht, die auch Marians Frau, die jüdische Vorfahren hat, nicht verschonen. Marian greift daraufhin zu dem gläsernen Aschenbecher des Ministers und schmettert ihn auf den Boden. Abgang. Die Kamera geht groß auf die Scherben. Ende der Szene.

In ihr steckt ziemlich viel von dem, was Roehlers Film charakterisiert. Er nimmt sich aus der Historie, was er zu brauchen glaubt und reichert sie mit dramatischem Effekt an. Den zerborstenen Ascher mag es gegeben haben oder nicht, von jüdischen Vorfahren bei Maria Byk (Marians Frau) ist nichts bekannt.

Das ist eine wesentliche Hinzuerfindung. Zum einen liefert sie einen Entschuldigungsgrund für Marian, weswegen er die Rolle doch gespielt hat, zum anderen verfällt Klaus Richters Drehbuch damit in die alte Kinoroutine, dass man zur Motivierung stets die Bedrohung eines Allerliebsten braucht.

Sobald der Film diese Frau nicht mehr braucht, lässt er sie (obwohl Martina Gedeck sie gibt) sofort fallen; in einem Nebensatz erfahren wir, sie sei vergast worden. Die echte Maria Byk überlebte den Krieg, sagte bei Veit Harlans „Jud Süß“-Prozess für den Angeklagten aus und brachte sich dann um.

Das Detail Byk steht aber nur für das größere Problem von Jud Süß – Film ohne Haltung. Roehler taucht seinen Film in die schwachen Farben des Agfacolor-Verfahrens, das von der Ufa entwickelt wurde – dieselben Farben, die Harlan nach dem schwarzweißen „Jud Süß“ für seine eigenen Filme „Immensee“, „Die goldene Stadt“ und „Kolberg“ verwendete.

Dies gibt Roehlers Film die Anmutung jener Zeit. Doch was steckt in der historischen Hülle? Ein Film, der den Horror jener Zeit illustriert? Hunderte Filme tun das überzeugender. Ein Film, der die Verführbarkeit von Künstlern in der Diktatur thematisiert? „Mephisto“ oder „Taking Sides - Der Fall Furtwängler“ haben dies vorbildlich getan. Ein Melodram über Angst und Glamour und Verführung in den Salons des Nationalsozialismus? Dazu hat er letztlich nicht genug Mut zur Unverschämtheit, zum Frevel, zur Provokation.

Roehlers „Jud Süß“ hat Tobias Moretti, und einen besseren Marian könnte man sich kaum vorstellen, schwach und impulsiv, charmant und überfordert, ein verführter Verführer. Der Film hat aber auch Moritz Bleibtreu mit einem weiteren Versuch – nach Andreas Baader – aus dem Nette-Jungen-Image auszubrechen und Dämonie zu mimen.

Er hinkt als Goebbels, haut seinen Schauspielern kumpelig mit der Faust auf die Brust, er fuchtelt mit dem Zeigefinger umher und brüllt auch mal, wenn seine Netter-Onkel-Attitüde nicht fruchtet. Dies ist genau abgeschaut von historischen Filmdokumenten und wirkt doch wie angelernt, weil es den Unterschied zwischen Authentischem und Glaubwürdigem nicht berücksichtigt: Wer Goebbels spielt, wie er (möglicherweise) damals war, wirkt damit heute nur lächerlich.

Über diese fatale Heutigkeit kommen auch eine ganze Reihe anderer Schauspieler nicht hinweg: Milan Peschel als Werner Krauss, Ralf Bauer als Reichsfilmintendant Fritz Hippler, Robert Stadlober als fescher Soldat, Waldemar Kobus als „Süß“-Drehbuchautor Eberhard Frowein zum Beispiel.

Das ist nicht primär ihnen anzulasten, sondern einem Film, der zu seiner Geschichte keinerlei Haltung findet. Höhepunkt dieser Ratlosigkeit ist eine Szene, die Roehler – in Variationen – dreimal im Lauf der zwei Stunden wiederholt. Zunächst stellt er die berüchtigte Filmszene nach, in der Süß / Marian die Tochter des Herzogs in einem offenen Fenster vergewaltigt, während gegenüber ihr Liebhaber gefoltert wird.

Später fällt Marian / Moretti am offenen Fenster über Froweins Frau her, während draußen Bomben über Berlin feuerwerken (was eine Revanche an Goebbels sein soll, der auch ein Auge auf sie wirft, aber unangenehme Konnotationen von Bombardierung, Vergewaltigung und perverser Lust hervorruft). Und schließlich nimmt sich Marian / Moretti in ähnlicher Position noch eine tschechische Schauspielerin heran, mit der er die kaum betrauerte Gattin vergisst. Schade um sie. Und um Moretti. Und um einen wirklich rasend interessanten Stoff.