Deutsche Triumphe

Nazi-Stoffe gehen bei den Oscars am besten

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Peter Zander

Foto: Mephisto

Neun Nominierungen verbuchte der deutsche Film bei diesen 81. Academy Awards für sich. Geht es um Nazi-Stoffe, wie bei der Bernhard-Schlink-Verfilmung "Der Vorleser" und Jochen Alexander Freydanks "Spielzeugland", sind die Oscar-Chancen besonders groß. Das hat in Hollywood Tradition.

In der britischen Sitcom „Extras“ hat Kate Winslet einst einen sehr ironischen Selbstauftritt absolviert, auf den sie jetzt immer wieder angesprochen wird. Denn sie spielt da eine Nonne in einem Holocaust-Film. Und als ihr Ricky Gervais, der Protagonist der Serie, dafür dankt, dass sie ihre Berühmtheit dafür zur Verfügung stellt, gesteht sie ihm, warum sie das tut: „Vier Mal war ich für den Oscar nominiert und alle Welt redet darüber: Warum hat Winslet keinen gewonnen?“ Deshalb, nur deshalb habe sie zugesagt.

Als sie nun im Januar einen Golden Globe für „Der Vorleser“ gewann – ein Film, in dem sie eine ehemalige KZ-Wärterin spielt –, zwinkerte ihr Ricky Gervais von der Bühne aus zu: „Na, habe ich’s dir nicht gesagt? Du musst in einem Holocaust-Film mitspielen!“ Und wirklich bekam sie jetzt ihren ersten Oscar.

Sie hat damit überdies das Kunststück absolviert, für dieselbe Rolle sowohl als beste Nebendarstellerin (bei den Globes) wie auch als beste Hauptdarstellerin (bei den Oscars) ausgezeichnet zu werden. Auch bei den Oscars wurde ihr wieder von der Bühne aus zugefrotzelt; diesmal von Hugh Jackman, der durch den Abend führte: Er habe als Australier in einem australischen Film mitgespielt, der „Australia“ heiße – und ging leer aus. Kate aber habe als Britin in einer US-Produktion eine Deutsche gespielt. Dafür gebe es Nominierungen.

Vor Winslet hatte schon der Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank in der Kategorie Kurzfilm gewonnen: für „Spielzeugland“, ebenfalls ein Film aus der Nazi-Zeit. Es scheint dies, noch immer, das deutsche Thema zu sein, zumindest aus Sicht der Film Academy in Hollywood, die die Oscars vergibt. Wie 1980 bei Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“ und bei Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ 2003.

Neun Nominierungen konnte der deutsche Film auf dieser 81. Oscar-Verleihung irgendwie auch für sich verbuchen; fünf allein für die Schlink-Verfilmung „Der Vorleser“ – eine Koproduktion zweier US-Produktionsfirmen mit der Neunten Babelsberg Film.

Neben „Spielzeugland“ war auch „Auf der Strecke“ des Deutschschweizers Reto Caffi im Rennen um den Kurzfilm. „Der Baader Meinhof Komplex“ war als bester nicht-englischsprachiger Film nominiert, wie auch der israelische Beitrag „Waltz with Bashir“, in dem ebenfalls deutsche Fördergelder stecken. Und dann war auch noch der deutsche Regisseur Werner Herzog für seine (amerikanische) Doku „Encounters at the End of the World“ vertreten.

Aber am Ende gewannen „nur“ die Beiträge mit dem „deutschen“ Thema. Und alle jubilieren; von der Filmstiftung NRW über das Medienboard Berlin-Brandenburg, die den „Vorleser“ gefördert haben, bis hin zum Kinderchor der Dresdner Philharmonie, die dort einen kleinen Auftritt haben und sich nun auch als Oscar-Sieger gerieren.

Von der verdienten Trophäe an Kate Winslet – die nun, bei ihrer mittlerweile sechsten Nominierung, irgendwie „dran“ war – einmal abgesehen, gilt es hier, das Augenmerk einmal verstärkt auf den deutschen Kurzfilm zu richten. Nach den Oscar-Lorbeeren für Links „Afrika“ und Florian Henckel von Donnersmarcks „Leben der anderen“ (2006) war viel vom deutschen Film-Wunder die Rede, unterstützt durch Nominierungen wie „Der Untergang“ (2005), „Sophie Scholl“ (2006) oder in diesem Jahr „Baader Meinhof“.

Doch dieses Wunder zeitigte sich schon sehr viel früher im Kurzfilmbereich. 1990 gewannen Wolfgang und Christoph Lauenstein für „Balance“ in der Kategorie kurzer Zeichentrick; vier Jahre später folgte Pepe Danquarts „Schwarzfilm“ als bester Kurzfilm. 1997 siegten Thomas Stellmach und Tyron Montgomery mit „Quest“ wieder bei den Zeichentrick-Kurzfilmen; vier Jahre später Florian Gallenberger mit „Quiero ser“ bei dem Real-Kurzfilm.

Gar nicht zu reden von den vielen Nominierungen auf diesem Feld: Marc-Andreas Borcherts „Kleingeld“ (2000), Johannes Kiefers „Gregors größte Erfindung“ (2002), Florian Baxmeyers „Die rote Jacke“ (2004), Ulrike Grotes „Ausreißer“ (2006) und Caffis „Auf der Strecke“ in diesem Jahr. „Wir machen hier so ziemlich die besten Kurzfilme der Welt“, postulierte Florian Gallenberger kürzlich bei einem Treffen, das Morgenpost Online zwischen ihm und Freydank arrangiert hat. Und Freydank assistierte: „Ja, das wird dann gefeiert. Aber die Filme zeigt keiner.“

Freydank, der nie geglaubt hätte, dass er wirklich siegen würde, bezeichnete den Oscar in seiner Dankesrede als „das i-Tüpfelchen auf dem Sahnehäubchen“. Für ihn, der in Ost-Berlin aufgewachsen ist, sei schon West-Deutschland weit weg gewesen – „und Hollywood ganz weit“. Seinen Kurzfilm, den er für das lächerliche Budget von 30.000 Euro drehte, wolle er, ganz aktuell, „gegen alle Holocaust-Leugner in der ganzen Welt“ verstanden wissen.

In „Spielzeugland“ erzählt eine deutsche Mutter (Julia Jäger) ihrem Sohn eine Notlüge, als ihre jüdischen Nachbarn deportiert werden – sie zögen ins Spielzeugland. Da will der Junge auch hin und büxt aus. In Panik gelingt es der Mutter, die schon geschlossenen Zugwaggons noch einmal öffnen zu lassen. Ihr Sohn ist nicht dabei. Aber geistesgegenwärtig gibt sie den Nachbarsjungen als den ihren aus – und rettet ihm so das Leben. Die Idee kam Freydank, als er seinem eigenen Sohn wieder einmal eine Notlüge auftischte, um grausame Bilder aus den Nachrichten zu erklären.

So sehr sich Deutschland nun auch mit diesem erneuten Oscar-Erfolg brüsten darf – ein wenig müssen sich deutsche Institutionen auch schämen. Denn fünf Mal ist Jochen Alexander Freydank an hiesigen Filmhochschulen abgeschmettert worden, zwei Mal in Berlin, drei Mal in Potsdam.

Er musste sich mit kleinen Jobs hocharbeiten und schließlich eine eigene Produktionsfirma gründen, um seine Projekte zu fördern. Auch bei „Spielzeugland“ haben fast alle großen Fördertöpfe abgelehnt, drei Jahre hat der Regisseur betteln müssen, um dann fünf Tage lang drehen zu können. Den fertigen Film wiederum haben alle großen deutschen Festivals nicht zeigen wollen, der Erfolg kam erst übers Ausland, wo er insgesamt 18 Preise erntete.

Jetzt hofft Freydank, endlich seinen ersten Langfilm realisieren zu können. Nach Hollywood schielt er indes, anders als der letzte deutsche Oscar-Sieger Donnersmarck, nicht. Er will in Deutschland drehen – trotz allem. „Das ist jetzt am realistischsten“, gibt er sich bescheiden. „Und die Stoffe, die ich mache, sind auch solche, die hier verankert sind.“