"Lipstikka"

Eine Frauenliebe und ein Filmskandal auf israelisch

Kontroversen um "Lipstikka": Der junge Regisseur Jonathan Sagall hat versucht, eine Geschichte aus dem Holocaust nach Palästina zu übertragen.

Lara ist schön. Ihr geht es gut. Das Haus ist groß. Sie hat alles. Mann, Geländewagen, Kind. Nur ihren Frieden hat sie nicht. Was ausnahmsweise nicht daran liegt, dass ihr Mann sie betrügt, was er tatsächlich tut.

Sondern tiefer wurzelt. Wo genau, weiß sie, als – es ist der Tag nach ihrem Geburtstag – diese Frau vor der Tür steht. Mit ihr ist alles wieder da. Die Angst, die Befangenheit, die Geschichte. Inam heißt die Frau.

"Lipstikka" löst Skandal in Israel aus

Sie sind gemeinsam aus Palästina geflohen. Kaputt, traumatisiert als Mädchen schon beide, die eine süchtig nach Sex, nach Alkohol süchtig die andere. Jetzt stehen sie sich wie Glücks- und Pechmarie in Laras Londoner Anwesen gegenüber.

Jonathan Sagalls Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Lipstikka" ist ein psychologisches Drama über die emotionale und sexuelle Verbindung zweier Palästinenserinnen und ihre Versuche, die Erinnerungen zu verdrängen.

Der Film löste einen großen Skandal in Israel aus und wurde in den Medien und sogar im Bildungs- und Kulturausschuss des Parlaments kontrovers diskutiert. Dabei hatte kaum ein mitstreitender Journalist, Filmfunktionär oder Politiker diesen Film gesehen oder das Drehbuch gelesen.

Isreals Cinema Fund fror Förderung ein

Der Ärger hatte mit einer Broschüre für potenzielle Investoren begonnen, die der Journalist Yair Lapid wohl irrtümlich erhalten hatte. Unter dem Titel "Vision eines Regisseurs" liest man:

"Die Geschichte von ,Lipstikka' wird von der Geschichte von Jonathans Mutter und von der Art inspiriert, wie sie und ihre jüdische Freundin die Shoah und das Traumata im Konzentrationslager überlebt hatten... Sagall entschied, die Geschichte so zu ändern und statt von zwei Jüdinnen in der Shoah von zwei Palästinenserinnen unter der Besatzung zu erzählen. Man musste den Israel Film Fund lange überreden, bevor sie die Förderung genehmigte, da ein Vergleich zwischen der Besatzung und der Shoah gezogen wird."

Lapid zitiert ein Telefonat mit Katriel Schory, dem Geschäftsführer des staatlich geförderten Israel Cinema Fund, der "Lipstikka" mit umgerechnet 260.000 Euro (von 500.000 Euro) finanziert. Als Schory in dem Telefonat von dem Vergleich zwischen der israelischen Besatzung und der Shoah in der Broschüre erfuhr, zeigte er sich schockiert und stellte bis zur Klärung die Förderung des Films ein. Ein solches Drehbuch hätte er auch niemals gefördert.

Sagall verteidigte seinen Film im Parlament

Erst fünf Tage später brach Sagall sein Schweigen, empörte sich über den Journalisten, erklärte, dass seine eigene Mutter die Shoah überlebt hatte und die englische Koproduzentin, die das nicht autorisierte Dokument aus eigener Initiative verschickte, 2008 entlassen wurde.

Sagall warnte vor einer Einschüchterungskampagne, die an die Verfolgung echter oder vermeintlicher Kommunisten durch den konservativen US-Senator Joseph McCarthy während des Kalten Krieges erinnert. Erst am Ende entschuldigte er sich für die umstrittene Formulierung.

Einen Tag später unterbrach Sagall sogar die Dreharbeiten, um persönlich im Parlamentsausschuss seinen Film zu verteidigen. Vorsichtshalber brachte er seine Mutter mit, die ihre volle Unterstützung äußerte. Die Debatte liest sich wie ein Drehbuch über die Spannungen in der israelischen Gesellschaft.

Debatte über Film liest sich wie Drehbuch

Den Ankläger spielt der unbekannte Likud-Parlamentarier Zion Finian, ein religiöser Politiker, der aus Marokko stammt, bis heute die Diskriminierung seiner orientalischen Familie in Israel nicht verwunden hat und als Lehrer gelegentlich seine Schüler ohrfeigte.

Finian hielt eine Rede gegen israelische Filmemacher, "die miteinander konkurrieren, wer Israel mehr beschimpft und dadurch international mehr Preise gewinnt". Namentlich erwähnte er unter anderem "Waltz with Bashir". Im gleichen Atemzug gab er zu, dass er sich niemals Filme anschaut, plädierte aber dafür, in neuen Filmen "viele" jüdische Motive und die Liebe zu Israel zu integrieren.

Filmförderer Schory zeigte sich nochmals empört über die Broschüre und betonte mehrmals, dass im Drehbuch kein Hauch eines Vergleichs zwischen der "Sache" mit den Palästinensern und der Shoah existiert. Und dass der Israel Film Fund niemals Filme unterstützen wird, die Israel durch Lügen schaden.

Film stand bis zum Drehschluss unter Beobachtung

Sagall beklagte den "medialen Lynch" und stellte sich sogar als Opfer einer Manipulation dar, die ihn an die Judenverfolgung erinnerte. Zevulun Orlev, Vorsitzender der Siedlerpartei, wollte wissen, warum Sagall sein Drehbuch von Jüdinnen in der Shoah hin zur Situation von Palästinenserinnen änderte. "Das war eine irrelevante Änderung", sagte Sagall.

Schory sagte Morgenpost Online, dass Sagall sein Drehbuch zwar nach Palästina verlegt habe, das aber kein Betrug gewesen sei, weil der Film bis zum Schluss unter Beobachtung gestanden habe. "Nachdem wir die neue Fassung erhielten, stoppte ich die Bezahlung und schickte sie den Lektoren, die das ursprüngliche Drehbuch genehmigt hatten. Sie alle bestätigten, dass die Geschichte unverändert blieb bis auf den Ort des Geschehens, und autorisierten die neue Fassung."

Sieht man den Film zur Kontroverse, könnte man sagen: Alles nebbich. Sagalls "Lipstikka" ist einer der besseren, psychologisch tiefgründigeren, filmisch ambitionierteren Filme dieser Berlinale. In manchmal ziemlich undurchschaubaren Schnitten geht's von der Gegenwart zurück in die Londoner Anfangszeit der beiden Frauen.

Nestbeschmutzung sieht ganz anders aus

Und dann immer wieder weiter zurück zu jenem Geburtstag Laras, in dem das Leben von Lara und Inam, das ohnehin auf der Kippe stand – wir schreiben die Zeit der ersten Intifada – in die Tragödie kippt. Die Mädchen ignorieren die Ausgangssperren, sehen sich Mel Gibson in einem Kino in West-Jerusalem an. Und werden von israelischen Soldaten erwischt. Inam kauft sich den Weg zurück mit ihrem Körper frei.

Es ist ein erhebliches Kunstwollen zu spüren. Manchmal schneidet der Film scharf wie ein Messer. Fast peinlich berührt ist man aber, wie zaghaft Sagall Inams Quasi-Vergewaltigung inszeniert. Brutal sieht anders aus, Nestbeschmutzung auch.