Tragikomödie

Vom lüsternen Intellektuellen zum Super-Papi

Ungeplante Vaterschaft: Der norwegische Film "Ich reise allein" zeigt, wie ein siebenjähriges Mädchen zur Selbstfindung eines Studenten beiträgt.

Wer, bitteschön, kann sich noch an alle seine One-Night-Stands erinnern? Der Literaturstudent Jarle Klepp (Rolf Kristian Larsen) aus Stian Kristiansens Tragikomödie "Ich reise allein" jedenfalls nicht. Sieben Jahre ist der Sex mit Anette (Marte Opstad) her, eine gedächtnistrübende Ewigkeit.

Doch ein Brief der Ex hilft seiner Erinnerung auf die Sprünge: Hm, ja, da war was, und es hatte Folgen, von denen er bislang nichts wusste. Jarle – um den es übrigens auch schon 2008 in Kristiansens "Der Mann, der Yngve liebte" ging – hat eine siebenjährige Tochter namens Charlotte Isabel (Amina Eleonora Bergrem). Als wäre das nicht schon genug Aufregung, halst die urlaubsreife Mutter ihm das Kind auch noch kurzerhand für eine ganze Woche auf.

Witz und Charme helfen der Story

Wenig überraschend, wandelt Jarle sich im Lauf dieser norwegischen Produktion von einem unverbindlich daher schwadronierenden, in den Tag hinein lebenden Intellektuellen zu einem mehr oder weniger verantwortungsvollen Vater.

Diese an sich wenig originelle Selbstfindungsgeschichte erzählt Kristiansen jedoch mit viel Witz und Charme; der Flachpfeifigkeits-Falle entgeht er, indem er seinem Film vor allem zum Ende hin einen eher nachdenklichen Überbau verpasst.

Jarles leben steht Kopf

In leicht abgeflachter Popularversion hinterlassen nämlich Jarles Studiengegenstände – Marcel Proust , Paul Celan und der russische Kulturtheoretiker Michail Bachtin – auch in der Geschichte ihre Spuren: Wenn etwa Jarles Leben dank Charlotte Isabel plötzlich Kopf steht und sich beim finalen Kindergeburtstag obendrein alle verkleiden, lässt Bachtins Idee des Karneval als eines alle Hierarchien und Werte umkehrenden, fröhlichen Ausnahmezustands grüßen.

Jarles zunächst vergeblicher Versuch, sich an seine Jugendaffäre Anette zu erinnern, lässt indes an Prousts Erinnerungskonzepte denken. Und wenn Jarle sich am Ende fragt, wo die sieben Jahre geblieben sind, die er ohne sein Kind zubrachte, hat er seine ganz persönliche "Suche nach der verlorenen Zeit" wohl längst angetreten.

Seine Freundin geht fremd – mit seinem Professor

Wir lernen also, dass Philosophie und Literaturtheorie oft weniger lebensfern sind, als man denkt – und sich zudem mit den Gesetzen der Fortpflanzung durchaus vereinen lassen. Da Jarle sich seine exzessiven Besäufnisse vorläufig nicht abgewöhnen mag, und sich zudem von seiner Freundin mit seinem Professor (dem "Derrida-Schwanz") betrügen lässt, werden wir obendrein mit ein paar hochemotionalen dramatischen Highlights versorgt.

Über das ein oder andere Glaubwürdigkeits-Problem (Welche Frau überlässt ihr Kind einem Kerl, den sie, abgesehen von einer einzigen historischen Nacht, praktisch nicht kennt?) sieht man da gern hinweg; "Ich reise allein" ist ein passabler Unterhaltungsfilm, der einen nicht verblöden lässt.