"Life in a day"

YouTube wirkt auf der Leinwand fast wie im Internet

Google hat auf der Berlinale einen YouTube-Film gezeigt, der aus dem Videomaterial seiner Nutzer besteht. Das Ergebnis ist sehenswert, aber anstrengend.

YouTube als Kinofilm - geht das? Der US-Konzern Google hat dafür Produzent Ridley Scott („Gladiator“, „American Gangster“) angeheuert und die Nutzer der Webseite zum Verfassen eines Videotagebuches aufgerufen. Die Aufgabe: Einblicke in das eigene Leben geben und Fragen beantworten wie „Was liebe ich?“ oder „Wovor fürchte ich mich?“.

Einblicke in den Alltag in 190 Ländern

Scott und sein Team um Regisseur Kevin Macdonald sichteten rund 80.000 Einsendungen mit 4500 Stunden Laufzeit. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, der das Leben von Hunderten Menschen an einem einzigen Tag zeigt: dem 24. Juli 2010.

Auf der Berlinale wird nun deutlich: Die Film ist tatsächlich ein Spiegelbild von YouTube – mit all seinen Vor- und Nachteilen. Die Schnitttechnik schafft zunächst eine beeindruckende Choreografie. Die großen Momente hat der Film, wenn er Rituale wie Aufwachen, Frühstücken oder Kochen zeigt und im Sekundentakt unterschiedlichste Menschen aneinanderreiht.

Einblicke in den Alltag von 190 Ländern, wobei die afrikanischen etwas unterrepräsentiert sind. Diese Szenen zeigen das Potenzial des Netzwerkes, die schiere Masse der eingeschickten Videoclips, wie sie bei einer herkömmlichen Doku nicht möglich gewesen wäre.

Szenen des Love-Parade-Unglücks

Vor allem aber profitiert der Film von den heftigen emotionalen Kontrasten. Unvermittelt lässt er Glücksmomente wie eine Hochzeitfeier oder eine Geburt mit Schicksalsschlägen aufeinanderprallen.

So hat sich ein YouTube-Nutzer nach einer Herz-OP gefilmt, schaut schmerzverzerrt in die Kamera. Auch eine Krebspatientin gewährt intime Einblicke in ihr Familienleben, zeigt, wie sie ihren Mann und Sohn auf ihren möglichen Tod vorbereitet.

Und dann ist da noch das Datum: Möglicherweise haben die Macher den 24. Juli ausgewählt, um Bilder von fröhlichen feiernden Menschen auf der Love Parade zu zeigen. Herausgekommen ist allerdings der verstörendste Moment des Films.

Der Zuschauer ist am Ende erschöpft

Schockierende Aufnahmen des Duisburger Unglücks, wie man sie so bislang noch nicht gesehen hat. Die Bilder sprechen für sich, auf einen einordnenden Kommentar verzichten die Macher zu Recht. Die größte Stärke von “Life in a day” ist gleichzeitig allerdings seine Schwäche: das Amateur-Material.

Viele Mini-Geschichten wirken unfertig, nicht zu Ende erzählt, weil eben kein Regisseur sagen kann „Das drehen wir noch ein mal“ oder „Da brauchen wir noch eine Szene“. Immer wieder bleiben Fragen offen, wie die Protagonisten ihre gerade begonnene Tätigkeit denn nun zu Ende bringen.

Auch technisch bereiten einige Passagen Kopfschmerzen. Manche sind extrem verwackelt, der Ton kaum verständlich. Immer wieder muss die dominante Filmmusik das schlechte Ausgangsmaterial retten, also übertönen. Regisseur Macdonald schien das wohl geahnt zu haben, ließ offenbar einige Szenen wie Landschaftsaufnahmen oder den Abspann professionell filmen.

Am Ende hat man tatsächlich das Gefühl, einen YouTube-Film gesehen zu haben. Mit ungeschönten, rauen Einblicken in das menschliche Leben. Aber das kann wie auf der YouTube-Webseite eben manchmal auch etwas anstrengend sein.

Hier geht es zum YouTube-Kanal von "Life in a day".