Erfolg mit Makel

Die glanzlose Grandiosität der Fantastischen Vier

Gerade was die Fantastischen Vier nicht können, macht die Hiphop-Band so erfolgreich. Auch auf ihrem neuen Album.

Trommelwirbel, Pauken, Tusch. Die Fantastischen Vier betreten die Arena. „Das wird kein Zuckerschlecken / Nur der geringste Fehler und schon kannst du's vergessen / Doch wir gehen nicht in Deckung / Wir wollen uns nicht verstecken“, singen sie auf ihrem neuen und achten Album „Für Dich Immer Noch Fanta Sie“, und man braucht keine zehn Sekunden um die Fantastischen Vier als solche zu erkennen. In über 24 Jahren hat die Band sich ein eigenes Genre erschaffen, in dem nur sie existieren: Fanta-Vier-Musik.

Auch das neue Werk ist ein herrliches Bündel bandtypischer Fehlleistungen. Aber wie konnte es dazu kommen? Die deutsche HipHop-Szene, der man sie immer noch zurechnet, konnte eigentlich nie etwas mit ihnen anfangen, während ihr Publikum, das wiederum mit HipHop nichts anfangen kann, sie liebt. Des Rätsels Lösung ist ein Missverständnis. Sie sind nicht gut in dem, was sie können, vielmehr sind sie in den Dingen perfekt, die sie nicht können. Wenn sie vernünftig rappen würden, interessant wären, man sie in HipHop-Kreisen ernst nähme, wenn sie versuchten mehr zu sein, als sie sind – es würde die Fantastischen Vier längst nicht mehr geben. Die Summe ihrer Makel ist das Geheimnis ihres Erfolgs.

Sie können nicht rappen: Seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Jetzt geht's ab“ von 1991 gelten Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon als die Pioniere des deutschsprachigen Raps, tatsächlich hat das Stuttgarter Quartett das Rappen bis heute nicht gelernt. Eher pflegen sie eine Art des beschleunigten Sprechens, wobei die Textzeilen sozusagen mit Anlauf genommen werden, um die jeweils letzte Silbe noch rechtzeitig zum Taktschlag zu erwischen. Die reimt sich dann im besten Fall mit der letzten Silbe der nächsten oder übernächsten Zeile – sollten sie sich nicht reimen, wird ein Reim durch Betonung simuliert. So haben es auch die frühen Weggefährten der Fantastischen Vier gehalten. Nur haben die mittlerweile fast alle das Genre gewechselt oder sich ganz aus dem Popgeschäft verabschiedet. Die Fantastischen Vier hingegen haben acht Alben lang stur und unbeirrt daran festgehalten und ihre Art des Sprechgesangs zu einer Stilform erhoben, die auch ihr neues Werk „Für Dich Immer Noch Fanta Sie“ prägt.

Sie gehören keiner Szene an: Vor allem in den frühen Neunzigern bebeharrten Fundamentalisten des Genres darauf, dass HipHop nur in der Kombination mit Breakdance und Graffiti-Sprühen als vollwertiger bezeichnet werden kann. Weil sich das Gehampel der Fantastischen Vier aber nur schwerlich als Breakdance bezeichnen ließ und sie überdies darauf verzichteten, auf jeder Hauswand ihre Wegmarken zu hinterlassen, gerieten sie schnell ins Abseits. Oder andersherum: Sie wurden in den Mainstream gedrängt, wo sie es sich fortan bequem machten.

Sie gehören keiner Minderheit an: Wenn man HipHop nicht als eine musikalische Spielart von vielen betrachtet, sondern als eine Ausdrucksform versteht, die den Unterdrückten und Marginalisierten dieser Welt eine Stimme verleiht, dann waren die Fantastischen Vier für das Genre von Anfang eine absolute Fehlbesetzung. Sie sind weiß, haben keinen Migrationshintergrund, kommen aus gutbürgerlichen Haus, sie sind nicht einmal schwul. Vielmehr gehören sie der mit Abstand langweiligsten aller gesellschaftlichen Schichten an: der Mittelschicht.

Sozialverträgliche Exzentrik

Sie sind nicht subversiv: Trotz der denkbar schlechten Startbedingungen, im HipHop als Mittelschichtskinder eine glaubwürdige Karriere zu machen, waren die Fantastischen Vier zunächst kein aussichtsloser Fall. Doch die Gelegenheit, gegen die Verhältnisse zu kämpfen, für irgendeine Randgruppe einzutreten oder ihrer Musik zumindest irgendeine politische Dimension zu verpassen, ließen sie ungenutzt verstreichen. Selbst dass Thomas D – dank großflächiger Tätowierungen einwandfrei als das ausgeflippteste Bandmitglied zu identifizieren – mit seiner Familie in einer Kommune in der Eifel lebt, wirkt auf so eine sozialverträgliche Weise exzentrisch, dass man ihn dafür in die Arme schließen möchte. Hier und da waren die Fantastischen Vier vielleicht ein wenig kess, blieben aber stets die netten Jungs von nebenan, die sich mit ihrer Musik freundlich selbst umkreisten.

Man kann sie nicht ernst nehmen: Die Ironie ist der Luxus der Mittelschicht und eine der ausgeprägtesten Stilmittel der Band. Alles was die Fantastischen Vier tun, wird abschließend noch einmal aus der Distanz betrachtet, bespiegelt und infrage gestellt, neu vermessen und beurteilt. Sie können es sich leisten. Sie agieren aus abgesicherter Position – ganz im Gegensatz zu den Unterschichtsrappern wie Bushido, Fler oder Bass Sultan Hengzt, die ständig betonen, was sie erreicht haben, und das Erreichte erbittert gegen vermeintliche Gegner verteidigen.

Sie sind nicht besonders lustig: Die Ironiefähigkeit hat bei den Fantastischen Vier allerdings nicht zu einer ungebremsten Witzproduktion geführt. Vor allem im Vergleich zu ihren Hamburger Kollegen wie Fettes Brot („Schwule Mädchen“) oder Fischmob („Männer können seine Gefühle nicht zeigen“) ist der Humor des Quartetts eher auf eine verhaltene Weise heiter. Zwar sind ihnen mitunter besonders komische Stücke wie etwa „Der Picknicker“ oder „Michi Beck in Hell“ gelungen. Wie sich aber an den Chartplatzierungen ablesen lässt, kam der ganz grobe Unfug bei ihren Fans offenbar nicht allzu gut an.

Sie haben keinen Glanz: Von And.Ypsilon, der sich ohnehin gern im Hintergrund hält, einmal abgesehen, sind auch Thomas D, Michi Beck und Smudo keine besonders glamourösen und charismatischen Erscheinungen. Weder kleiden sie sich auffällig, noch benehmen sie sich flamboyant, von besonders verwegenen Wortäußerungen ganz zu schweigen. Sie zählen exakt zu der Sorte Stars, die man im Alltag mühelos übersehen würde, die man aber in Deutschland vielleicht deshalb ganz besonders schätzt. Fast jeder deutsche Popstar von Rang ist im Grunde völlig unscheinbar, von Herbert Grönemeyer bis zu Lena Meyer-Landrut – allein Udo Lindenberg leistet sich die Extravaganz eines breitkrempigen Huts, aber das wohl nur um Spuren von Kahlheit zu verdecken. Doch selbst Haarausfall findet im Konzept der Fantastischen Vier seinen Platz. Denn Haarausfall ist normal, so normal wie diese Band.

Die Fantastischen Vier „Für Dich Immer Noch Fanta Sie“ (Sony)