Gießerei Noack

Wo die Berlinale-Bären geboren werden

Hermann Noack senior und junior stellen in ihrem kleinen Familienbetrieb die Silbernen und Goldenen Bären her, die den Gewinnern der Berlinale verliehen werden. Die Gießer sind daher die ersten, denen die Jury die Namen der Sieger mitteilt. Bevor aber ein niedlicher Bär die Namensplakette bekommt, ist große Kunstfertigkeit notwendig.

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Sie glänzen in Gold und Silber und wiegen zwei einhalb Kilo: Die begehrten Berlinale-Bären. Auch dieses Jahr produziert die Bild- und Kunstgießerei Hermann Noack die begehrten Auszeichnungen. Die Herstellung erfolgt in langer Handarbeit.

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So. Die Stühle sind hingestellt, das Licht stimmt, der Ton läuft, gleich kann Julia Stechert, die TV-Redakteurin, ihre Fragen an die beiden Hersteller der 60. Berlinale-Bären stellen. Vor ihr sitzen Hermann Noack senior, 79, und Hermann Noack junior, 44. Die Redakteurin öffnet den Mund, holt tief Luft – und der Kameramann Benjamin sagt: „Stopp, Du bist noch im Bild.“ Er rückt Julias Hocker zurecht. „Okay, jetzt.“ Julia öffnet den Mund – und plötzlich ertönt ein ohrenbetäubendes Klingeln im Raum. Julia atmet hörbar aus. Ein TV-Interview mitten in einer Werkstatt ist eben nicht die leichteste Aufgabe.

Aber das Team, das für die Internetseite der Berlinale Filme dreht, hat schon schlimmere Aufgaben bewältigt. Julia, die Redakteurin, Benjamin, der Kameramann und Florian, zuständig für den Ton, haben schon einiges zusammen durchgestanden in diesem Jahr. Für die Internetseite der Berlinale filmt das Team schon seit Monaten alles rund um das Filmfestival. Sie standen am roten Teppich, baten auf Partys Hunderte von Stars um einen Glückwunsch und wandern heute durch das spiegelglatte Schöneberg, um die Noacks zu besuchen. Jetzt, eine Woche vor Beginn des Festivals, wollen sie dabei sein, wenn die Preise entstehen, silberne und goldene Bären-Statuen, die dann an die Schauspieler und Regisseure verliehen werden.

Arbeitsgang Nummer 1: den Abdruck nehmen. Der Handwerker Oliver Seewald steht im hinteren Teil der Werkstatt, auf dem Boden liegt überall rötlicher Sand. Julia, Benjamin und Florian bilden einen Halbkreis um den 20 Jahre alten Gießer. Mit einer Stimme, die für den TV-Beitrag zu leise sein wird, erklärt er, was er macht: „Ich drücke den Sand auf die Figur und weil die Körner so fein sind, entsteht ein genauer Abdruck des Bären.“ Dann erklärt er in wenigen Worten, wie aus dem Sandabdruck schließlich ein Negativ entsteht, in das dann die flüssige Bronze eingefüllt werden kann. So richtig hat das niemand im Raum verstanden, aber alle nicken sehr überzeugend. Zum Glück gibt es die Kamera und Julia kann stellvertretetend für alle fragen: „Können Sie das bitte noch einmal für den Zuschauer erklären?“

Gleich fünf verschiedene Journalisten-Teams sind für diesen Termin in diese drei Meter hohen Räume gekommen. Fernsehen, Zeitungen und auch eine Radio-Reporterin. Sie läuft mit ihrem Mikrofon durch die Hallen, nimmt das Zischen und das Hämmern auf, spricht mit mehreren Handwerkern. Die sind die Presse gewöhnt. „Schließlich gibt es ja nur eine Gießerei, die den Bären gießt“, sagt Oliver Seewald stolz. In diesem Jahr haben sich die Noacks gedacht, dass sie alle Journalisten zu einem gemeinsamen Termin einladen. Am besten eignet sich dabei natürlich der Moment des Gießens. Es ist der Moment, auf den alle warten.

Arbeitsgang Nummer 2: das Gießen. Wieder Halbkreis, diesmal nur etwas größerer Abstand. Zwei Männer kleiden sich komplett in silbern glänzende Schutzanzüge und setzen sich einen Helm auf, der entfernt an Weltraumspaziergänge erinnert. Sie öffnen einen im Boden versenkten Heizofen und holen mit einer Zange den Topf mit dem flüssigen Bronze hervor. Plötzlich werden die Wangen der Umstehenden ganz rot, alle treten einen Schritt zurück. Nur Florian mit dem Mikrofon versucht das Brodeln mit seinem langen Stabmikrofon einzufangen. Die Männer gießen das Bronze präzise in den dünnen Hals der Form, wie beim Umgießen von Wasser aus einer Flasche in eine andere. Nur, dass diese Flüssigkeit hier 1250 Grad heiß ist.

Während des ganzen Vorgangs sagt niemand im Raum etwas. Alle hören nur zu und blicken in die glänzende Lava-artige Masse. So muss ein Blick in die Hölle aussehen, flüstert jemand. Die Männer füllen jedes der fünf Behältnisse mit der Bronze-„Lava“ und gießen den Rest in kleine offene Förmchen. „Zum späteren Einschmelzen“, sagt Günter Bietz, einer der verhüllten Weltraum-Handwerker. Alle starren voller Respekt auf das Flüssig-Metall, das langsam dunkler wird. „Einmal habe ich so einen Barren angefasst“, sagt Günter Bietz, „da war er erst gerade eingefüllt worden.“ Es habe sehr wehgetan, sagt er und zeigt seine rauen Hände den erstaunten Journalisten. „Aber ich hatte keine Verbrennungen.“

Das Team von der Berlinale allerdings muss Verbrennungen feststellen. Der Fell-Windschutz, den der Tonmann Florian über das Mikrofon gestülpt hat, war zu nah am Bronze-Topf. „Er ist ja richtig verbrannt“, sagt er und lässt seine Kollegen auch das Mikrofon probefühlen. Die 28 Jahre alte Redakteurin Julia entscheidet dann: „So, das wars hier, oder?“ und ruft ihre Kollegen zusammen. Zeit für das Interview mit den beiden Herstellern der Bären.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten, ist der Werkstatt-Raum ruhig und Julia kann endlich ihre Fragen stellen. Abwechselnd und routiniert erzählen die beiden Hermann Noacks von den ersten Bären, die sie gegossen haben („Die hatten noch eine andere Form!“), den genauen Maßen („2,5 Kilo wiegt ein Bär.“) und wie sie mit Sonderwünschen umgehen („Wir gießen immer einen Bären auf Vorrat.“) Sie erzählen von einem Extra-Bären für Matt Damon, der seinen verloren hatte, und vom Stress, der am Tag der Verleihung beginnt, wenn die Namen der Preisträger morgens um sieben Uhr mitgeteilt werden. „Es ist schon etwas besonders“, sagt Hermann Noack senior, „dass wir die ersten sind, die den Sieger kennen.“

Der Großvater des Seniors, Hermann Noack I., hatte den Familienbetrieb im Jahr 1897 gegründet. In der über 100-jährigen Firmengeschichte hatte die Gießerei immer wieder Plastiken für Künstler wie Käthe Kollwitz, Henry Moore, Anselm Kiefer oder Joseph Beuys gegossen. Aktuell steht in einem der Werkräume auch eine Statue, die Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt darstellt, mit einer Bronze-Zigarette in der Hand. Sie ist nach einem Modell des Berliner Künstlers Rainer Fetting entstanden, dessen berühmte Büste von Willy Brandt schon seit Jahren in der Kreuzberger SPD-Zentrale steht.

Schnell wird klar: Die Beziehung von einem Künstler zu seiner Gießerei ist eben eine, die meist sehr eng ist und lange hält. Ein richtiges Vertrauensverhältnis. Für das 60 Jahre lang erfüllte Vertrauen erhalten die beiden Gießer in diesem Jahr einen Sonderpreis der Berlinale. Am Ende des Gesprächs mit dem Fernsehteam bedanken sie sich in die Kamera hinein für die Zusammenarbeit und hoffen auf weitere 60 Jahre. Als ob sie es zu Dieter Kosslick persönlich sagen. Sie beenden ihren Gruß mit einem Versprechen im Chor: „Wir gießen weiter!“

Für das TV-Team ist jetzt aber der Berlinale-Auftrag in der Gießerei noch nicht beendet. Julia, Florian und Benjamin werden noch die Arbeitsgänge Nummer 3 (Ziselieren), 4 (Schleifen) und 5 (Gravieren des Sockels) filmen, bevor sie weiterziehen. Das fertige Video kann auf der Berlinale-Webseite von Zuschauern weltweit gesehen werden. Das Zischen, das Brodeln, das Dampfen inklusive. Danach geht es für das Team der Produktionsfirma „Maz&Movie“ weiter zum nächsten Auftrag, den nächsten Glückwunsch für die Kamera einfangen. Zum Glück lässt sich so ein Fell-Windschutz schnell ersetzen.