Dieses Mal soll es für immer sein. Ganz sicher. Der Mann, der sich selbst „der Graf“ nennt, hat genug. Nach 16 Jahren und neun Platten ist es aus für Unheilig. Damit das Lebewohl nicht so schwer fällt, hat er schon ein paar Mal zu Abschiedstourneen eingeladen. Seit zwei Jahren, als er das Ende seiner Band zum ersten Mal ankündigt, sagt der Graf portionsweise „Tschüss“. Zuerst in der Max-Schmeling-Halle, dann nochmal in der Mercedes-Benz Arena, und jetzt – nun aber wirklich! – Open Air in der Kindl-Bühne der Wuhlheide. Dass die nicht ausverkauft ist, merkt man nicht. Die Ränge sind voll, vor der Bühne wird gedrängelt. 12.000 Fans sind am Sonnabend gekommen, um ihren Graf nochmal zu sehen.

Unheilig. Überall Unheilig. Die Fanartikel künden den Graf schon an, bevor er mit einem Jachtsprung die Bühne entert. Lederarmbänder, Pullis, Kappen, T-Shirts. Das Konterfei des Grafen lächelt dutzendfach im Publikum. Unheilig prangt sogar auf der Haut, die großen Lettern ranken sich um Unterarme und Bizeps. Der Graf wird also so schnell nicht vergessen sein. Das große Goodbye liegt hier nicht in der Luft. Es gab ja auch schon zwei.

Die Bühne ist heute eher minimalistischer Altarraum

Über die Bühne, heute eher minimalistischer Altarraum, wabern blaue Nebelschwaden, mitten hindurch die großen Kerzenständer. Relikte aus der Zeit, als der Graf noch ein bisschen unheimlicher war. Dann, endlich, dröhnt seine Grabesstimme aus den Boxen. Fegt die letzten Klänge von Hildegard Knef und Marlene Dietrich hinfort, die Unheilig ankündigen. Die Fans kennen das schon. „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, quasi das inoffizielle Intro der Band, wird textsicher mitgesungen. Da tanzen Oma und Enkelin schon mal einen Walzer im Publikum, sind also eingestimmt auf das, was der Graf hier vorhat. Generationenübergreifend soll es ja sein.

Bevor man ihn dann live sieht, marschiert er in Zeitlupe über die Leinwände. Der Graf im Herbstwald. Der Graf in den Bergen. Der Graf am Meer. Der Graf rennt auf einem Staudamm. Und dann – Pfiffe, Schreie, Jubel – der Graf in der Wuhlheide. Er scheint wirklich daran zu hängen. An dieser Inszenierung. An seinem zweiten Ich.

Über sein Privatleben ist ja nicht viel bekannt. Dass er zu seinem alter Ego findet, weil er als Kunstfigur auf der Bühne weniger stottert. Dass er seine Maskerade – die weißen Kontaktlinsen und schwarzen Fingernägel, das ganze gruselige Drumherum – auf seinem Weg vom Gothic-Rock zum Radio-Konsens Stück für Stück ablegt. Dass nur noch dunkler Anzug, Backenbart und Glatze von der Vermenschlichung verschont sind.

Auf dieser glänzen schon beim ersten Stück, „Hinunter bis auf Eins“, ein paar Schweißperlen. Denn der Graf rennt mal über die Bühne, mal breitet er die Arme weit aus und dirigiert mit geschlossenen Augen ein Orchester, das nur er sehen kann. Mal scheint er den Text – „Ich hab geträumt, ich kann fliegen und dass der Wind mich einmal trägt“ – sehr wörtlich zu nehmen. Da rauscht er über den Mittelgang, als bereite er seine Flügel zum Abheben vor. Das zuckrige Gefühl dieser Wohlfühlsongs, die über die Liebe und die Freiheit, über Glück und die Einzigartig dieses Moments, vertreibt er später mit dem „Eisenmann“. Ein Stück, das verdammt nach Rammstein klingt, und zu dem auch mal gepogt werden kann. Der Graf jedenfalls headbangt, dass ihm der Schweiß in kleinen Bächen über den Schädel rinnt. Immer wieder switcht er hin und her zwischen Zuckerwattepop und Geisterrock, in seiner Stilrichtung, Schlager-Gothic.

Der Graf und seine Fans, ein eingespieltes Team

So ganz kann er nicht fassen, wie die Zuschauer hier mitmachen. Häufig schlägt er die Hände vor den Mund und schüttelt den Kopf. Darüber wie sie grölen und singen, klatschen und springen. Sagt er „Dankeschön“, antworten sie „Bitteschön“. Wackelt er mit dem Po, quieken sie. Der Graf und seine Fans, ein eingespieltes Team.

Dass er da gehen will, muss verwundern. Aber nein, wenn es am Schönsten ist, dann solle man ja gehen. „Ich weiß, ihr glaubt mir nicht“, sagt der Graf. „Nein!“, schreit das Publikum. „Auch wenn viele Künstler wieder zurückkommen und sich 13 Jahre Zeit lassen mit der Abschiedstour, bei uns wird es nicht so sein“, sagt er. Er wolle ernst machen mit dem Bühnenende. Aber so richtig dann eben doch nicht, so wie mit den vielen Abschiedskonzerten.

Denn der Graf hat sich nochmal in sein Studio gesetzt. Weil es ihm so schwer fiel, seine Gefühle in Worte zu fassen, denn „die Musik war ja immer meine Sprache und wird sie immer sein“. Die ersten ahnen es schon, als er ein neues Lied anstimmt. In „Mein Leben ist die Freiheit“ besingt er in bekannter Unheilig-Manier den Wunsch, die Welt zu sehen. „So viele Träume sind zu leben und Wunder zu sehen“, donnert er da und es hört sich schon fast an wie eine gesungene Entschuldigung. Dafür, dass jetzt auch mal Schluss sein muss mit seiner Zweitexistenz. Doch Unheilig hat anscheinend noch so viel zu sagen, dass es für ein ganzes Album reicht. „Von Mensch zu Mensch“ soll es heißen und noch in diesem Jahr unter die Leute gebracht werden. Vielleicht als ein Ersatz, wenn es den Bühnengraf dann nicht mehr gibt.

Der Graf wird von Song zu Song gelöster

Der wird hier von Song zu Song gelöster. Er tanzt um seinen Mikrofonständer, hüpft mit wehender Krawatte über die Bühne, gibt den Michael Jackson im Bestatter-Anzug. Als feierte er schon jetzt die Freiheit, die bald auf ihn zukommt. Und dann soll’s das gewesen sein. Ohne Theatralik, ohne Pathos, so gar nicht Unheilig, ist er verschwunden. Bis die Fans ihn wieder herpfeifen.

Ganz zum Schluss gibt es doch noch eine Woge Abschiedsschmerz. Als der Graf seinen größten Hit anspielt, „Geboren um zu leben“, das Lied, das ihn vor sechs Jahren an die Spitze der Charts katapultierte. Da schließt er die Augen und lässt die Wuhlheide singen. Die Zuschauer verflechten ihre Arme, lehnen die Köpfe aneinander und singen. Jede Zeile. Und als die letzte verklungen ist, da regnet es plötzlich, als hätte der Graf dann doch noch ein bisschen Pathos bestellt. „Als Musiker sagen wir Lebewohl, als Menschen kommen wir gern zu euch zurück“, sagt er und geht. Am 10. September soll das letzte – ja wirklich, Hand auf’s Herz, das allerletzte – Konzert vom Graf in Köln stattfinden. Aber wer weiß. Niemals geht man so ganz.