Kultur

Berlins neue Opernprinzessin: Stimme, Charme und Schuhtick

Nadja Mchantaf gibt ihren Einstand in der Komischen Oper: Die junge Sopranistin singt die Premiere von Jules Massenets „Cendrillon“

Sopranistin Nadja Mchantaf ist die neue Vorzeigesängerin der Komischen Oper

Sopranistin Nadja Mchantaf ist die neue Vorzeigesängerin der Komischen Oper

Foto: Massimo Rodari

Nadja Mchantaf heißt die neue Berliner Opernprinzessin. Am heutigen Sonntag singt sie ihre erste Premiere in Berlin. Sie verkörpert die Cinderella in Jules Massenets Oper „Cendrillon“ an der Komischen Oper. Die junge Sängerin gehört nunmehr zum Ensemble. An der Komischen Oper hat man schon immer ein Gespür für diesen Typus Sängerin. Es sind schillernde Darstellerinnen wie Mojca Erdmann, Maria Bengtsson oder auch Katharine Mehrling. Vielleicht fällt die Häufung an der Komischen Oper deshalb besonders auf, weil es ein Haus ist, das sich dem Regietheater verschrieben hat und Sängerinnen braucht, die das Publikum nicht nur mit der Stimme, sondern auch ihrer Bühnenpräsenz verführen können. Nadja Mchantaf hat alles, was man dazu braucht: Stimme, viel Charme und einen Schuhtick.

„Der Schuh ist das Symbol dafür, dass der Traum wahr wird“, sagt sie mit Blick auf ihre Rolle als Aschenputtel. Zum Gespräch kommt sie mit ihren neuen roten Schuhe, die sie lächelnd in den verschiedensten verführerischen Posen vorzeigen kann. Natürlich ist sie fotogen. Und wer mehr über ihre Schuhe und den Einkauf erfahren will, kann es auf ihrer Facebook-Seite tun. Sie gehört offenbar zu den Sopranistinnen, die viel Spaß an ihrem Beruf und ihrem Leben haben.

Durch die Liebe wird jede Frau zur Prinzessin

Ob Sie Lampenfieber habe vor der Premiere? „Lampenfieber muss sein“, sagt sie: „Man ist immer aufgeregt, aber im Moment freue ich mich noch so wahnsinnig. Wir haben alle Lust auf die Premiere, um das alles rauszulassen.“ Und selbstredend hat sie auch ein Statement zum Thema Prinzessin parat. „Es geht doch gar nicht darum, Prinzessin zu werden, es geht darum, die Liebe des Lebens zu finden. Dadurch wird jede Frau zur Prinzessin. Ja, ich weiß, blablabla.“

Die Sängerin stammt aus Husum, was bekanntlich keine Opernhochburg ist. „Ich habe schon immer viel Latin Music und Pop gehört“, sagt sie. „Die klassische Musik kam erst später. Ich habe Turniertanz gemacht, der lebt von Temperament und Rhythmus.“ Ihr erstes Instrument war die Querflöte, sie hat in einem Spielmannszug mitgespielt. „Das war sehr intensiv: Wir waren fast jedes Wochenende in einem Zeltlager oder bei Wettbewerben.“ Sie erinnert sich an einen Moment, als sie Wagners Wesendonck-Lieder hörte. Da wusste sie, „das ist das, was ich machen will.“ Ihr erster Opernbesuch, fügt sie hinzu, „war ganz kitschig-klassisch eine ,Traviata’ in Wien“.

Die Karriere ist von Anbeginn konsequent geplant

Bei aller Leichtigkeit, Nadja Mchantaf scheint ihre Karriere von Anbeginn konsequent geplant zu haben. Bereits als Abiturientin ist sie herumgereist und hat nach dem richtigen Ausbildungsort gesucht. Sie war testweise in Weimar, Hamburg oder Lübeck. „Ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Leipzig hat mich einfach gepackt, ich wollte in einer Wiege der Musikgeschichte studieren.“ Außerdem hat sie das Großstädtische fasziniert. „In meiner Heimat ist das genaue Gegenteil, es gibt nur flaches Land, das Meer und Deiche“, sagt sie: „Ich liebe das sehr, und versuche, so oft ich kann, dort zu sein. Ich kann zum Wasser laufen – ein Traum.“

Gleich nach dem Studium folgt der erste große Sprung – an die Semperoper. „Ich habe vorgesungen und wurde genommen. Ganz einfach. Hat anscheinend gepasst“, sagt sie. „Dresden war eine tolle und wichtige Zeit. Ich hatte in jeder Spielzeit die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln. Und ich habe die richtigen Rollen bekommen. Das war eine gute Zeit zum Reifen, um mich zu entwickeln.“

Aber die Semperoper hat seit geraumer Zeit andere Probleme, denn auf dem Opernplatz werden regelmäßig fremdenfeindliche Reden geschwungen. Es sei nicht schön gewesen, diese Zeit mitzuerleben, sagt Nadja Mchantaf. „Die Semperoper hat sich in meinen Augen immer gut positioniert. Dresden ist nicht nur Pegida. Es ist eine wunderbare Stadt.“ Aber sie wolle eigentlich nicht über politische Dinge reden, sagt sie. Womöglich auch, weil es sie selbst familiär berührt. Ihre Mutter ist Norddeutsche, ihr Vater ein syrischer Arzt. „Ich bin Deutsche, aber mein Vater ist vor vielen Jahren aus Syrien gekommen“, sagt Nadja Mchantaf: „Wir haben viel Familie dort und ich bin emotional involviert, was in Syrien passiert. Na klar.“

Ihr Aschenputtel versteht sich als mutige Frau

Umso mehr scheint sie den Neuanfang in Berlin zu genießen. Seit acht Wochen probt sie an der Komischen Oper und hat eine Wohnung bezogen. „Im Prenzlauer Berg ist ein Café schöner als das andere, man hört so viele verschiedene Sprachen.“ Ihr Aschenputtel versteht sie als „eine sehr mutige Frau. Sie durchlebt eine schwere Zeit.“ Damiano Michielettos Inszenierung überträgt das Märchen in eine Parallelgeschichte: Aschenputtel ist eine Balletttänzerin, mit dem Prinzendarsteller ist sie liiert. Dann geschieht ein Bühnenunfall, sie kommt ins Krankenhaus, die Karriere wie die Liebe sind bedroht.

„Ich tanze schon ein bisschen“, sagt die Sängerin. „Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben hier in der Oper Spitzenschuhe angezogen. Das war ein toller Zufall. Der Regisseur wusste nicht, dass ich eine Tanzvergangenheit habe.“ Womit wir wieder beim Schuhtick wären. „Der Spitzenschuh“, so die Sängerin, „war für mich ein kleiner Aschenputtel-Moment.“

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