"Ring des Nibelungen"

Absurde Kulturförderung: Wagner-Oper zwei Mal in Berlin

Die Deutsche Oper hat eine Neuinszenierung des Wagner-Zyklus angekündigt. Doch die Staatsoper plant ihn zeitgleich. Die Hintergründe.

Blick in den Zeittunnel: Götz Friedrichs Inszenierung von Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ war lange Jahre Kult an der Deutschen Oper. 2017 läuft der Zyklus aus

Blick in den Zeittunnel: Götz Friedrichs Inszenierung von Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ war lange Jahre Kult an der Deutschen Oper. 2017 läuft der Zyklus aus

Foto: Bettina Stoess / ©Bettina Stoess

Wagner ist ein heiß umstrittenes Thema innerhalb der Berliner Opernstiftung. Denn bei allem nach außen hin beschworenen Schulterschluss der Opernleute gibt es offenbar doch die intern ausgetragene Konkurrenz. Die bricht gerade hervor. Es geht um den „Ring des Nibelungen“. Dietmar Schwarz hatte im vergangenen Jahr öffentlich angekündigt, dass er an der Deutschen Oper Götz Friedrichs legendäre „Ring“-Inszenierung im Jahr 2017 auslaufen lässt und 2020 der norwegische Regisseur Stefan Herheim einen neuen „Ring“ beginnt. Jetzt ist aber auch bekannt, dass zeitgleich Stardirigent Daniel Barenboim an der sanierten Staatsoper Unter den Linden einen neuen „Ring“ plant. Den soll der Russe Dmitri Tcherniakov inszenieren. Herheim wie Tcherniakov sind zwei der besten Regisseure, die derzeit international unterwegs sind. Und beide Generalmusikdirektoren, Daniel Barenboim wie Donald Runnicles, erklären den „Ring“ zur Chefsache. Beide sind ausgewiesene Wagner-Dirigenten.

Nach den Regeln der Stiftung ist es unmöglich

„Nach den Regeln der Stiftung geht es nicht gleichzeitig“, sagt Schwarz am Donnerstagmorgen bei seiner Jahrespressekonferenz auf die Frage nach der geplanten Dublette. Und dann fragt er noch in die Runde zurück: „Haben die es denn schon veröffentlicht?“ Viel mehr will er dazu gar nicht sagen. Er fühlt sich auf der richtigen Seite. Am Nachmittag äußert sich sein Amtskollege Jürgen Flimm von der Staatsoper dazu. „Dietmar Schwarz hat uns nie konsultiert. Wir haben das Programm eigentlich immer gemeinsam besprochen. Und wenn es mal Dubletten gab, dann hat mal der eine und mal der andere zurückgezogen“, sagt Flimm. Warum der eine mit dem anderen diesmal nicht gesprochen hat, lässt sich nicht so einfach klären. „Das betrifft mich nicht mehr“, sagt Flimm, der im Frühjahr 2018 sein Amt aufgibt: „Das ist ja eines der Probleme, die Dietmar Schwarz hat. Er wusste ja, dass ich dann nicht mehr da bin. Aber warum hat er nicht meinen Nachfolger Matthias Schulz angerufen, der bereits feststand, und mit ihm vorab in Ruhe besprochen, was er vorhat. Meines Wissens sind sie aber mittlerweile bereits in guten Gesprächen.“

Für Flimm scheint es klar zu sein, dass alle Welt weiß, dass die Staatsoper den Wagner in der Pipeline hat. „Dass die Möglichkeit besteht, dass Daniel Barenboim am Ende seiner Amtszeit, und das ist nach bisherigen Planungen 2022, einen neuen „Ring“ machen möchte, weiß jeder.“ Natürlich mache Daniel seinen „Ring“, so Flimm, „egal wann genau der beginnt. Aber dann bekommt Berlin auch etwas ganz Tolles, zwei „Ringe“. Berlin ist dafür groß genug, und an Wagnerianern mangelt es nun wirklich nicht.“ Barenboim hat an der Staatsoper bereits einen „Ring“ mit Harry Kupfer und einen mit Guy Cassier gemacht.

Friedrichs „Ring“ war lange Kult in Charlottenburg

Vor Gründung der Opernstiftung im Jahr 2004 wurde in Berlin immer wieder darüber diskutiert, wie die drei Opernhäuser und das Staatsballett mit ihrem Repertoire umzugehen haben. Dubletten und Tripletten im Spielplan wurden damals nicht als künstlerische Vielfalt gepriesen, sondern als subventionierte Verschwendung angeprangert. Innerhalb der Stiftung ist deshalb die Programmplanung relativ streng geregelt. Es gibt eine Liste des Kernrepertoires. Das ist der rund 40 Werke umfassende Kanon der Opernklassiker. Also die Bestseller. Die Regel besagt: Nach einer erfolgten Premiere darf dieses Stück frühestens im dritten Jahr danach (zwei Pausenjahre) wieder an einem Berliner Opernhaus neu inszeniert werden. Für das Randrepertoire gilt eine deutlich längere Wartezeit (fünf Pausenjahre) zwischen zwei Premieren.

Wagners „Ring des Nibelungen“, zu dem die vier Opernteile „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ gehören, hat allerdings eine Sonderstellung. Die Tetralogie ist so etwas wie die Formel 1 der Opernwelt. Es ist ein künstlerischer Kraftakt für jedes große Opernhaus und bedarf einer langen Vorplanung. Zugleich gelten die Aufführungsserien fürs Liebhaberpublikum als Festspiele. Der Brite Donald Runnicles ist nur deshalb Musikchef der Deutschen Oper geworden, weil er als Gast einen „Ring“ durchdirigiert hatte und ihn die Musiker daraufhin unbedingt haben wollten. Intendant Dietmar Schwarz hatte sich schon im Stammpublikum umgehört, bevor er sich entschied, den alten „Ring“ auslaufen zu lassen. Die Inszenierung seines Amtsvorgängers Götz Friedrich war lange Jahre Kult in Charlottenburg.

Deutsche Oper setzt ihren Wagner-Schwerpunkt

Dietmar Schwarz hat für die kommende Saison insgesamt sechs Premieren angekündigt. Beachtliche 37 Opern sollen in 161 Vorstellungen an der Deutschen Oper gezeigt werden, darunter allein acht Werke von Richard Wagner. Was den Komponisten angeht, will Schwarz das komplette Bayreuth-Repertoire plus „Rienzi“ im Repertoire vorhalten. Am 7. Mai 2017 hat „Der fliegende Holländer“ Premiere, dirigiert von Runnicles.

Georg Vierthaler, Generaldirektor der Opernstiftung und somit für die Schlichtung im aktuellen Wagner-Streit zuständig, war gestern nicht zu erreichen. Sein persönlicher Referent Sebastian Pflum sagt, das Thema sei dem Vorstand bekannt, alle seien im Gespräch und man müsse eine Lösung finden. Auf Nachfrage fügt er hinzu: „Es sieht nicht danach aus, als dass sich die Deutsche Oper von ihrem Termin verabschieden wird.“