Humus und Wein verspricht sie ihren Musikerfreunden. Es ist ein ungewöhnliches Festival voller Kammermusik, dass die Berliner Pianistin Elena Bashkirova jetzt zum fünften Mal im Jüdischen Museum veranstaltet. Und ein bisschen familiär geht es beim „Intonations“-Festival auch zu, ihr Sohn Michael, ein Geiger, ist mit dabei, und Ehemann Daniel Barenboim wird ein Programm moderieren.

Berliner Morgenpost: Frau Bashkirova, „Intonations“ führt den Untertitel Jerusalem Festival. Der Ursprung liegt in Israel. Wie ähnlich und wie verschieden sind die beiden Festival?

Elena Bashkirova: Beide Festivals sind natürlich verwandt, was die Künstler und die Programmidee betrifft. Bei beiden Festivals hat sich die etwas verrückte Atmosphäre eines Kammermusikfestivals eingestellt. Da treffen sich Künstler und machen manchmal so überlange Programme. Und das an Orten, die doch sehr speziell sind. Der größte Unterschied ist, dass das Festival in Jerusalem ein absolutes Zentrum ist. Viele Leute kommen aus anderen Städten angereist. Sie brauchen das Festival wie das Wasser in der Wüste.

In Jerusalem sitzen im Publikum viele einst eingewanderte, inzwischen alt gewordene Bildungsbürger, in Berlin sieht man eher das großstädtisch Musikpublikum. Kann man das so sagen?

In Berlin ist unser Zielpublikum das normale Konzertpublikum. In Jerusalem sind es eher die letzten Mohikaner. Es gibt natürlich auch jüngere Zuhörer, aber insgesamt ist das Publikum dort älter als hier. Man muss für sie spielen, so lange sie noch da sind.

Gibt es etwas, was man in Jerusalem nicht spielen darf?

Das weiß man doch: Wagner. Nun betrifft das eher die Opern und weniger ein Kammermusikfestival. Aber auch seine Wesendonck-Lieder würden wir gerne aufführen. Es geht nicht. In Berlin haben wir sie einmal gemacht. Aber auf Wagner können wir in Jerusalem verzichten. Es gibt Komponisten wie Mozart oder Brahms, da wäre so ein Problem gravierender.

Was sind die Highlights in diesem Jahr?

Ich weiß nicht, ob ich den Begriff Highlights verwenden würde. Das Thema ist die Emigration speziell nach Amerika. Viele Komponisten sind dort aus verschiedenen Gründen gelandet. Sie haben letztendlich das geprägt, was wir heute als das amerikanische Musik-, ja Kulturleben kennen. Manche wie Schönberg, Stravinsky und Rachmaninov wohnten in Los Angeles im selben Stadtteil und hatten keinen Kontakt. Es gibt viele spannende Geschichten drumherum. Darüber hinaus haben wir eine Uraufführung gleich zu Beginn. Wir führen das Klarinettenquintett von Yinam Leef, einem sehr bekannten israelischen Komponisten, auf. Im letzten Konzert spielen wir Stabat Mater vom jordanischen Komponisten Saed Haddads, das im letzten Jahr in Jerusalem uraufgeführt wurde.

Im aktuellen Programm finden sich vor allem Namen wie Beethoven, Busoni, Dvorak oder Bartok. Wie viel Jüdisches steckt im Festival?

Hmm. Es gibt auch Korngold, Eisler, Schönberg oder die Uraufführung von Yinam Leef. Aber wir machen kein Festival, um nur jüdische Musik zu spielen.

Seit fast zwei Jahrzehnten leiten Sie jetzt das Jerusalem-Festival. Was sind für Sie die prägendsten Erlebnisse gewesen?

Es gibt viele Anekdoten. Man muss unterscheiden zwischen dem, was auf der Bühne stattfindet und dem dahinter. In Jerusalem feiern wir im kommenden Jahr bereits das 20-jährige Jubiläum. Ich will natürlich immer große Kollegen dabei haben, und sie sollen auch gute Kollegen sein. Das ist aber bei großen Musikern nicht immer der Fall. Manchmal gibt es unangenehme Überraschungen. Im Nachhinein weiß man, es passieren immer nur komische Sachen, über die man später lachen muss.

Sie haben mal gesagt, die Musiker kämen allein für Humus und Wein. Genügt das wirklich, um ein Festival abzusichern?

Das ist überhaupt kein Problem. Wer Humus und Wein nicht mag, kommt einfach nicht. Ich habe in der ganzen Zeit nur zweimal Bemerkungen über finanzielle Vorstellungen gehört. Ich glaube, gerade weil man bei dem Festival kein Geld verdienen kann, gehen die Musiker miteinander freier um. Ansonsten denkt der eine darüber nach, wie viel wohl der andere bekommt? In Berlin gibt es eine symbolische Summe und die ist für alle gleich. Es geht mir um die Atmosphäre der Gleichheit. Bei dem Festival macht man keine „Karriere“, sondern Kammermusik.

Als einmal das angekündigte Jerusalem Quartett im Stau stecken blieb, sind Sie selber als Pianistin eingesprungen. Das kostet doch Nerven?

Wir haben so viele Künstler beim Festival und in den einzelnen Programmen, dass man auch schnell mal tauschen kann. In dem Fall steigt dann mal das Adrenalin an. Man kommt nicht dazu, sich warm zu spielen. Aber irgendwie geht es immer.

Sie sind mit einem der weltweit namhaftesten Musiker verheiratet. Ihre beiden Söhne treten unter dem Namen auf. Warum spielen Sie nicht unter dem Namen Elena Barenboim?

Das ist unmöglich. Ich habe mit meinem eigenen Namen angefangen zu spielen. Ich führe ihn einfach weiter. Ich spiele auch öfter mit meinem Sohn Michael zusammen, beim Festival ist er auch wieder dabei, aber wir versuchen, es nicht zu übertreiben.

In diesem Jahr ehren Sie den Geiger und Dirigenten Yehudi Menuhin zum 100. Geburtstag. Daniel Barenboim führt ein Gespräch mit der Tochter Zamira Menuhin-Benthall. Was verbindet Sie?

Mein Mann kannte ihn gut, ich hatte ihn einige Mal getroffen. Dieser Mann hat viel bewirkt. Gleich nach dem Krieg kam er, der große jüdische Virtuose, nach Deutschland, um hier zu spielen. Das war mutig. Er war ein Mann, der nie mit dem Wind geflogen ist. Er hat politisch und künstlerisch immer das gemacht, was er für die Wahrheit hielt. Wir müssen ihm gedenken.

Israel ist ein in sich zerrissenes Land, und auch in Deutschland herrscht gerade politische Verunsicherung. Hat das irgendwie Einfluss auf Ihr Festival?

Nein, in Deutschland hoffe ich doch nicht. In Israel haben wir von Anfang an versucht, uns aus dem Politischen herauszuhalten. Das ist für mich sehr wichtig. Wir machen in Jerusalem kein politisches Festival, sondern nur schöne Konzerte.

Ihr Mann eröffnet demnächst die Barenboim-Said Akademie. Darin wird es mit dem Pierre-Boulez-Saal einen voraussichtlich grandiosen Kammermusiksaal geben. Zieht Ihr Festival mit hinein?

Nein, ich ziehe nicht rüber. Ich will meine eigene Sache machen. Wir sind kein Familienunternehmen. Außerdem ist das Jüdische Museum mit seinen wunderbaren Partnern ein idealer Ort, um dieses Festival zu realisieren.

Jüdisches Museum, Kreuzberg. „Intonations“ vom 16. bis 21. April Tel. 25993498